Quartalsergebnisse: Bis zu 60 Prozent mehr Gewinn: Europas Banken übertreffen Erwartungen – das hat vor allem einen Grund
Die italienische Großbank hob ihre Prognose für das laufende Jahr erneut an.
Foto: BloombergFrankfurt. Europas Banken haben im dritten Quartal dieses Jahres die Erwartungen übertroffen – und das trotz drohender Rezession. Es sei das beste dritte Quartal seit mindestens einem Jahrzehnt, teilte etwa die zweitgrößte italienische Bank Unicredit mit.
Die Branche profitiert dabei vor allem von steigenden Zinsen durch die straffere Geldpolitik zahlreicher Notenbanken. So steigerte die Unicredit von Juli bis September ihren Nettogewinn um etwa 60 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro.
Auch die britischen Banken Standard Chartered und Barclays verdienten netto 41 Prozent (1,1 Milliarden Euro) und neun Prozent mehr (1,7 Milliarden Euro). Die spanische Santander konnte ihren Nettogewinn immerhin um zwei Prozent auf 2,4 Milliarden Euro steigern. Damit lagen die Zahlen allesamt über den Erwartungen der Analysten.
Im September hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euro-Raum so stark angehoben wie noch nie. Der Leitzins stieg um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent. Auch die Bank of England (BoE) hob die Leitzinsen in Großbritannien um 50 Basispunkte auf 2,25 Prozent an: der höchste Stand seit 2008. Und die Währungshüter könnten zeitnah weiter an der Zinsschraube drehen.
Bei der Unicredit stieg der Zinsüberschuss – also die Differenz von Zinseinnahmen aus vergebenen Krediten sowie Zinszahlungen für Kundeneinlagen oder Anleihen – um knapp zehn Prozent. Bei Standard Chartered stieg er um elf und bei Santander um fast 16 Prozent. Am stärksten profitierte jedoch Barclays von den höheren Zinsen.
Sorge vor einem Wirtschaftseinbruch
Bei der britischen Großbank stieg der Zinsüberschuss um etwa 58 Prozent. Europäische Topbanker verweisen immer wieder darauf, dass sich Unternehmen in Europa stärker als in den USA über Bankdarlehen finanzieren statt über den Kapitalmarkt.
Für Investoren sind die Quartalszahlen der europäischen Banken ein weiterer wichtiger Indikator für die Auswirkungen der Energiekrise, der Abkühlung in der Weltwirtschaft und der Erhöhung des Leitzinses. Bereits vor knapp zwei Wochen hatten die US-Großbanken ihre Zahlen veröffentlicht – und dabei Warnsignale an Europa geschickt.
Noch seien sowohl Verbraucher als auch Unternehmen in guter Verfassung, sagte JP-Morgan-CEO Jamie Dimon. Dennoch fürchtet er einen „Hurrikan“ am Horizont. „Mit Inflation, steigenden Leitzinsen und Hypothekenzinsen, volatilen Märkten und dem Krieg, das wird die künftigen Ergebnisse belasten“, sagte Dimon.
Aus Sorge vor einem Wirtschaftseinbruch erhöhten deshalb nicht nur JP Morgan, sondern auch andere US-Banken wie Citi, Morgan Stanley und Wells Fargo ihre Risikovorsorge. Und eben diese Vorsorge für möglicherweise drohende Kreditausfälle führte zu deutlichen Gewinneinbrüchen bei den US-Großbanken.
Zwar profitierten auch die US-Banken von steigenden Zinsüberschüssen. Doch das weiterhin stark schwächelnde Investmentbanking lastet – im Vergleich zu den europäischen Geldhäusern – deutlich stärker auf den US-Instituten.
Unicredit zeigt sich derweil mit Blick auf den Rest des Jahres optimistischer – und hob sogar die Prognose für das laufende Jahr erneut an. Nachdem sie bereits im Juli einen Jahresgewinn von vier Milliarden statt zuvor von etwa 3,3 Milliarden Euro erwartet hat, rechnet die Großbank nun sogar mit einem Gewinn von mehr als 4,8 Milliarden Euro. Das Russlandgeschäft ist bei diesen Prognosen aber herausgerechnet.
Gute Geschäftsdynamiken, ein günstiges Zinsumfeld, Kostendisziplin und niedrige Risikokosten ermöglichten diesen Schritt, sagte Unicredit-Chef Andrea Orcel. „Wir blicken mit Zuversicht in eine ungewisse Zukunft.“ Ihre Risikovorsorge erhöhte die Bank dennoch nur um 84 Millionen Euro, fast 72 Prozent weniger als im Vorjahresquartal.
Erhöhte Risikovorsorge
Andere europäische Banken wappnen sich, wie auch die US-Banken, stärker für mögliche Belastungen durch platzende Kredite. Diese Rückstellungen werden aber durch die stark gestiegenen Zinsüberschüsse vollständig kompensiert.
So erhöhte die spanische Santander, die vor allem im klassischen Bankgeschäft aktiv ist, die Rückstellungen für mögliche Kreditausfälle um 24 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass das konjunkturelle Umfeld herausfordernd bleiben wird, da sich die Märkte in ganz Europa und Nordamerika an Inflationsniveaus anpassen, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat“, erklärte Santander-Verwaltungsratschefin Ana Botin.
Auch die britische Barclays bildete zusätzliche Rückstellungen in Höhe von etwa 440 Millionen Euro. Sie seien bereit, die Kunden, die sich mit einem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld und höherem Kostendruck konfrontiert sehen, zu unterstützen, sagte Barclays-Chef C.S. Venkatakrishnan.
Investmentmanager John Moore von RBC Brewin Dolphin erwartet, dass das unsichere wirtschaftliche Umfeld künftig wahrscheinlich einige Märkte von Barclays bremsen wird, unter anderem etwa das Kreditkartengeschäft. Noch profitiert aber die Bank eben von jenem volatilen Umfeld an den Finanzmärkten. In ihrer Handelsabteilung verdoppelte die Bank ihre Erträge binnen Jahresfrist auf etwa 1,85 Milliarden Euro.
Konkurrent Standard Chartered hat seine Risikovorsorge ebenfalls mehr als verdoppelt. Das in London ansässige Geldhaus erzielt den Großteil seiner Einnahmen in Asien. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hatte kürzlich Mängel bei der deutschen Tochter des britischen Geldhauses moniert. Demnach habe eine Sonderprüfung ergeben, „dass die Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsorganisation nicht in allen geprüften Bereichen gegeben war“, so die Behörde.
Die Bank teilte daraufhin mit, dass sie „in vollem Umfang mit der Bafin“ kooperiere. „Wir nehmen die Beanstandungen der Bafin sehr ernst und werden sicherstellen, dass alle Geschäftsabläufe und Prozesse bei der Standard Chartered Bank AG die regulatorischen Auflagen vollumfänglich erfüllen“, heißt es in dem Statement weiter.
Trotz des insgesamt unsicheren Marktumfelds hält auch Standard-Chartered-Vorstandschef Bill Winters weiterhin an den Zielen fest: „Wir sind weiterhin zuversichtlich, dass wir unsere Finanzziele für 2024 erreichen werden“, sagte er.