Quartalszahlen: Höhere Zinsen, steigende Rendite: Die US-Banken profitieren von der neuen Geldpolitik der Fed
Im vergangenen Jahr haben praktisch alle großen Banken an der Wall Street die Gehälter ihrer jungen Mitarbeiter deutlich erhöht.
Foto: mauritius images / Jose Manuel PNew York, Frankfurt. Wenn die US-Notenbank (Fed) die Zinsen erhöht, werden Finanzierungen für Unternehmen und Verbraucher teurer. Aber die Banken, die schon im abgelaufenen Jahr sehr gute Zahlen geliefert haben, verdienen auch daran. Wenn Amerikas Geldhäuser ab Freitag ihre Zahlen für 2021 und zugleich Ausblicke aufs laufende Jahr veröffentlichen, werden die Investoren daher auf Hinweise lauern, wer besonders stark von der Geldwende profitiert. Goldman Sachs hat vorab schon J.P. Morgan und Bank of America (BofA) als Favoriten benannt, Letztere ist auch der Favorit von Barclays. Bank of America wiederum nennt die Citigroup als Toppick.
Am Freitag beginnen mit J.P. Morgan, Wells Fargo und Citigroup gleich drei Großbanken mit den Gewinnmitteilungen für 2021, dazu kommt als Vermögensverwalter noch der Weltmarktführer Blackrock. Die Wall Street war 2021 so profitabel wie nie – dank geringer Kreditausfälle und einem Boom im Investmentbanking.
Die Finanzbranche profitierte gleich von drei Faktoren. Anfang des Jahres waren es noch ein florierender Aktienhandel und die hohe Nachfrage nach Mantel-Börsengängen, den sogenannten Spacs, an denen Institute prächtig verdienten. In den vergangenen Monaten war es dann ein beispielloser, globaler Boom bei Fusionen und Übernahmen (M&A), die die Investmentbanker wieder zu den Stars der Wall Street machten.
Morgan Stanley machte im ersten Quartal mit vier Milliarden Dollar schon mehr Gewinn als sonst in einem Jahr. JP Morgan, Amerikas größte Bank, stellt sich fürs Gesamtjahr auf 45 Milliarden Dollar Profit ein, das ist ein Viertel mehr als der vorherige Rekord aus dem Jahr 2019. Die Ergebnisse für das vierte Quartal werden allerdings gemischt ausfallen, sie sind zum Teil verzerrt durch mehr oder weniger große Rückstellungen für Kreditausfälle.
So rechnen die Analysten im Schnitt mit 20 bis 30 Prozent weniger Gewinn im Vergleich zum Vorjahresquartal bei J.P. Morgan und einem Abschlag von rund 20 Prozent bei der Citigroup. Goldman Sachs sollte danach sieben Prozent und Morgan Stanley zwei Prozent weniger berichten. Hier spielt auch eine Rolle, dass das Kapitalmarktgeschäft im Festzinsbereich etwas schwächer lief als im herausragenden Vorjahresquartal. Dagegen werden 20 Prozent plus bei der BofA und sogar 67 Prozent Verbesserung bei Wells Fargo erwartet.
Nach einer Analyse des unabhängigen US-Analysten Ed Yardeni haben die Geschäftsbanken, die dem US-Aktienindex S&P 500 angehören, ihre Rückstellungen für Kreditrisiken im vergangenen Jahr um gut 50 Milliarden Dollar auf knapp 170 Milliarden abgesenkt. Dank billionenschwerer Hilfsprogramme waren die Kreditausfälle in der Pandemie längst nicht so hoch wie zunächst befürchtet.
Hinzu kam das gute Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Das Volumen erreichte nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters einen Rekordwert von 5,8 Billionen Dollar, was einem Anstieg von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. „Es wurde davon getrieben, dass die Unternehmen in der Pandemie in nie zuvor gesehenem Umfang Zugang zu flüssigen Mitteln und billigem Kapital hatten“, schreibt Yardeni.
Er erwartet im laufenden Jahr einen weiteren Anstieg, wenn auch möglicherweise mit niedrigerem Tempo – auch weil steigende Zinsen die Finanzierung der Deals teurer machen. Trotzdem dürfte dieser Bereich eine gute Gewinnquelle fürs Investmentbanking bleiben.
Im gerade anlaufenden Jahr werden die Banken voraussichtlich auch sehr gut verdienen, wobei nach Ansicht der Analysten von Goldman Sachs der Effekt der steigenden Zinsen erst 2023 voll durchschlägt. Allerdings werden alle Banken ihren Mitarbeitern deutlich mehr Gehalt zahlen müssen, was die Kosten hochtreibt.
Der Kampf um die Talente tobt so stark wie noch nie. Im vergangenen Jahr haben praktisch alle großen Banken die Gehälter ihrer jungen Mitarbeiter deutlich erhöht. Topmanager stellen sich nach dem Rekordjahr auf satte Boni ein. Jamie Dimon, Chef von JP Morgan, hat bereits signalisiert, dass er bereit ist, viel Geld in die Hand zu nehmen, um Talente zu halten und auch um die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Im November sagte er im Handelsblatt-Interview. „Wir sind in der Lage, viel Geld zu investieren, und unsere Marke ist stark.“
Der JP-Morgan-Chef ist bereit deutlich höhere Gehälter zu zahlen.
Foto: APDoch der am längsten amtierende Chef einer Wall-Street-Bank hat auch warnende Worte, was die Zukunft seiner Branche angeht. „Grundsätzlich werden die Bankensysteme überall auf der Welt kleiner werden, weil so viele Dinge außerhalb der Banken stattfinden“, gab er zu bedenken. Schon länger spricht er offen über die Konkurrenz von Fintech-Start-ups, Krypto-Angeboten und großen Tech-Konzernen wie Google und Apple.
Richard Ramsden, Bankanalyst von Goldman Sachs, erwartet, dass der Zinsüberschuss in diesem Jahr branchenweit um sieben Prozent steigen könnte. Die Goldman-Experten rechnen aber auch damit, dass sich die Aktivitäten an den Kapitalmärkten nach den hektischen Pandemiejahren wieder normalisieren werden. So könnten die Gebühren aus dem Kapitalmarktgeschäft um elf Prozent zurückgehen. Allerdings würde sich das neue Niveau so immer noch über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre einpendeln.
Die Analysten von Goldman schätzen, dass die Eigenkapitalrendite im laufenden Jahr bei rund 14 Prozent bleibt und erst 2023, wenn das bessere Zinsumfeld voll zum Tragen kommt, ansteigt. Goldman bezieht sich dabei auf den Nettogewinn im Kerngeschäft im Verhältnis zum durchschnittlichen „harten“ (tangible) Eigenkapital der Aktionäre (Core ROTCE), bei dem zum Beispiel Firmenwerte vom Vermögen abgezogen werden. Goldman sieht beim Einkommen vor Risikovorsorge sogar zunächst einen leichten Rückgang vor einer deutlichen Verbesserung im kommenden Jahr voraus. Ins Geld gehen, heißt es, werden wahrscheinlich auch höhere Ausgaben für Technik und Marketing.
Außerdem warnen sie, die Verbesserung des Zinsumfelds sei schon in den Kursen berücksichtigt. Zusätzlich heißt es, gemessen am „harten“ (tangiblen) Buchwert seien die Bankaktien relativ teuer, die Bewertung sei aber dennoch vor allem für die starken Geldhäuser durchaus „vernünftig“.
Aber die Aussichten für die Aktionäre bleiben insgesamt erfreulich. Jason Goldberg von Barclays geht davon aus, dass die Bankaktien auch in diesem Jahr besser abschneiden werden als der Markt. Die Papiere großer Banken haben 2021 um 37 Prozent zugelegt, deutlich mehr als der S&P 500, der 27 Prozent gewann.
„Wir glauben, dass diese Outperformance in diesem Jahr weitergehen kann“, schreibt Goldberg. Zwar sorge Omikron kurzfristig für neue Unsicherheit. „Doch wir rechnen mit mehreren positiven Trends im Jahr 2022. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Krediten wieder anziehen wird und die Zinserträge von steigenden Zinsen profitieren werden“, heißt es bei Barclays.
Gerade die hochprofitablen Finanzhäuser könnten in den kommenden Monaten profitieren, sagten die Goldman-Experten. „Wir sehen, dass der Markt differenziert zwischen Banken mit hohen und Banken mit niedrigen Rendite-Profilen, und wir erwarten, dass der Markt weiter die Banken mit den profitableren Plattformen bevorzugt“, so Ramsden.
Zu seinen Favoriten gehören JP Morgan und die Bank of America. Beide überzeugen schon allein wegen ihrer Größe, außerdem schlage dort das veränderte Zinsumfeld besonders auf die Gewinne durch. Das Wachstum des Kreditvolumens werde sich voraussichtlich beschleunigen. Auch im Kapitalmarktgeschäft seien die beiden Konzerne gut aufgestellt.
So nehme JP Morgan, gestützt auch durch hohe Investitionen, den europäischen Konkurrenten „kontinuierlich Marktanteile weg“. Insgesamt haben die US-Banken von 2011 bis 2020 den Geldhäusern der Europäischen Union rund 20 Prozentpunkte weggenommen und beherrschen den Markt in diesem Sektor zu rund drei Vierteln.
BofA habe es auch sehr gut geschafft, überschüssiges Kapital an die Anleger auszuschütten, heißt es weiter. Insgesamt haben beide Toppicks allein 2021 jeweils mehr als 30 Milliarden Dollar durch Dividenden und Rückkäufe an die Aktionäre gegeben. Außerdem hätten beide Banken in der Vergangenheit gezeigt, dass sie es gut schaffen, Investitionen in Gewinne umzusetzen.
Goldman glaubt, dass die großen Häuser ihren Vorsprung vor mittleren und kleinen Konkurrenten vor allem durch Investitionen in Technik noch weiter ausbauen werden. Die Zahl der Filialen schmilzt, zugleich werden Onlineangebote ausgebaut. Das bedeutet auch, dass der frühere Vorteil kleinerer Banken, regional vor Ort zu sein, an Gewicht verliert, schreiben die Analysten von Barclays.
Die DZ Bank merkt an, die Aktie von JP Morgan notiere mit einem deutlichen Bewertungsaufschlag zur Vergleichsgruppe. Dies sei aufgrund der starken Ertragskraft, der Stabilität der Gewinne und der großzügigen Dividenden und Aktienrückkäufe gerechtfertigt
Bank-of-America-Analyst Ebrahim Poonawala hat die Citigroup zu einem seiner Toppicks gekürt. „Für eine Aktie, die deutlich unter ihrem materiellen Buchwert notiert und eine Reihe attraktiver Geschäftsbereiche hat, sehen wir ein überzeugendes Chance-Risiko-Profil.“ Gerade die Unternehmens- und Investmentbank sowie die Transaktion Services seien bei der Citigroup stark.