Schweizer Bank: Beschattungsskandal: Finanzaufsicht bescheinigt Credit Suisse „schwere Aufsichtsrechtsverletzungen“
Die Beschattungsaffäre hatte größere Ausmaße angenommen als bislang bekannt, heißt es im Ergebnis eines Reports der Schweizer Finanzaufseher.
Foto: ReutersZürich. Für Tidjane Thiam bedeutete die Affäre das Ende seiner Karriere in der Schweiz: Im Februar 2020 musste Thiam als CEO der Credit Suisse zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass die Schweizer Großbank Privatdetektive auf den einstigen Topmanager Iqbal Khan angesetzt hatte.
Nun hat die Schweizer Finanzaufsicht Finma ihre Untersuchung der Spitzelaffäre abgeschlossen – und der Credit Suisse schwere Versäumnisse attestiert. Wie die Finma am späten Dienstagabend mitteilte, hätten bei der Bank „im Zusammenhang mit Observationstätigkeiten gravierende organisatorische Mängel bestanden“.
Dabei stellten die Aufseher fest: Die Beschattungsaffäre bei der Bank hatte größere Ausmaße angenommen als bislang bekannt. Zwischen 2016 und 2019 seien insgesamt sieben Menschen beschattet worden, darunter zwei Topmanager, weitere Mitarbeiter und Dritte – auch im Ausland.
Einer der Observierten war Iqbal Khan, einstiger Starmanager bei der Credit Suisse und heute Vorstand der Vermögensverwaltung beim Konkurrenten UBS. Die Bank wollte herausfinden, ob Khan nach seinem Wechsel zur UBS Kunden mitnahm. Der Skandal gipfelte im Selbstmord eines involvierten Privatdetektivs.
Die Observationen seien maßgeblich vom Sicherheitsdienst der Bank organisiert worden, urteilt die Finma nun. Doch sie seien bis in die oberste Führungsetage bekannt gewesen. Thiam hatte seinerzeit bestritten, von den Spitzeleien gewusst zu haben. Der Finma-Report nährt jedoch Zweifel an dieser Darstellung: „Öffentlich und gegenüber der Finma gemachte Aussagen der Bank erwiesen sich in der Folge als teilweise unvollständig oder gar unzutreffend.“
Der ehemalige Vorstandschef der Bank hatte bestritten, von den Spitzeleien gewusst zu haben.
Foto: dpaDie Aufseher bescheinigten den handelnden Managern große Mängel in der Unternehmensführung. „In den meisten Fällen wurde formlos und ohne nachvollziehbare Begründung über die Observationen entschieden“, heißt es in der Finma-Mitteilung. Die Beschattungen seien verschleiert worden, Rechnungen für angefallene Kosten wurden nachträglich manipuliert. „Im Ergebnis verfügte die Credit Suisse im betroffenen Sicherheitsbereich über keine angemessene Organisation im Sinne des Schweizer Bankengesetzes“, so das Fazit der Finma.
Zwar ist die Untersuchung abgeschlossen – doch die Affäre für die Bank und die beteiligten Protagonisten noch nicht ausgestanden. Die Credit Suisse habe bereits organisatorische Maßnahmen getroffen, um solche Skandale in Zukunft zu verhindern, doch die Finma habe „zusätzliche Maßnahmen angeordnet“. Zudem soll gegen drei Manager ein sogenanntes Enforcement-Verfahren angestoßen werden, um ihre Verantwortungen näher zu untersuchen. Zwei Manager kamen mit einer Rüge davon. Namen nannte die Finma jedoch nicht.
Die Credit Suisse teilte mit, man verurteile „alle ungerechtfertigten Observationen“. Zudem bedauere die Bank, „dass sie anfänglich nicht sicherstellen konnte, dass alle relevanten Informationen auf Anhieb verfügbar waren und somit der Aufsichtsbehörde vollständig zur Verfügung gestellt werden konnten“. Dennoch wolle sie einen „Schlussstrich unter die Affäre ziehen“.
Credit Suisse räumt mit alten Rechtsfällen auf
Auch einer weiteren Altlast hat sich die Credit Suisse am Dienstag entledigt: Das Geldhaus habe bei einem Vergleich Strafzahlungen von insgesamt rund 475 Millionen Dollar (408 Millionen Euro) in den Vereinigten Staaten und Großbritannien akzeptiert, verkündeten das US-Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC am Dienstag in Washington. Die Credit Suisse erklärte sich zufrieden mit dem Vergleich.
Die Behörden werfen der Bank vor, in den Jahren 2013 bis 2016 in ein umfassendes Bestechungskomplott verwickelt gewesen zu sein. Konkret gehe es um staatlich garantierte Großkredite und Anleihen, mit denen angeblich unter anderem ein Fischereiprojekt in Mosambik finanziert werden sollte. Tatsächlich wurden mit dem Geld laut dem US-Justizministerium aber korrupte Regierungsvertreter des südostafrikanischen Staates geschmiert; zudem sollen sich auch Investmentbanker der Credit Suisse selbst bereichert haben.
Die Strafverfolger beschuldigen den Schweizer Finanzkonzern, gegen das Anti-Korruptions-Gesetz „Foreign Corrupt Practices Act“ verstoßen zu haben, mit dem die USA Bestechungsvorwürfe auch jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen verfolgen.
Außerdem legt die US-Börsenaufsicht der Credit Suisse Irreführung von Investoren und mangelnde interne Kontrollen zur Last. Von den Strafzahlungen gehen knapp 100 Millionen Dollar an die SEC, rund 175 Millionen an das US-Justizministerium und 200 Millionen an die britische Finanzaufsicht FCA.
Mit Agenturmaterial