Sechs Milliarden Dollar falsch überwiesen: Deutsche-Bank-Irrtum zu Ihren Gunsten
Keine Warnlampen gingen bei der Sechs-Milliarden-Überweisung an – ein Problem für das Risikomanagement der Bank?
Foto: dpaLondon. Eine falsche Eingabe im Computer, ein Vertipper – es kommt immer wieder mal in der Finanzbranche vor, was Fachleute das „Fat-Finger-Problem“ nennen. Doch in dieser Größenordnung, wie es im Juni offenbar bei der Deutschen Bank passierte, ist es wohl eher selten: Sechs Milliarden Dollar (umgerechnet rund 5,3 Milliarden Euro) hat ein Mitarbeiter im Londoner Devisenhandel auf das Konto eines US-Hedgefonds überwiesen, wie es aus Finanzkreisen verlautete, die damit einen Bericht der „Financial Times“ bestätigten.
Es sei ein recht neuer Kollege gewesen, dem der Fehler passierte. Sein Chef sei in dieser Zeit im Urlaub gewesen, heißt es weiter aus Kreisen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Die Bank hat das Geld zwar wiederbekommen, doch es bleiben einige offene Fragen – allen voran: Wie konnte es dazu kommen, wo doch eigentlich in solchen Fällen das Vier-Augen-Prinzip gelten soll?
Der Vorfall wirft ein ungünstiges Licht auf die Kontrollsysteme des Geldhauses und darauf, wie streng sie eingehalten werden. Das Problem verlängert zudem die Liste der Baustellen für den neuen Co-Chef der Bank John Cryan, der seit Juli gemeinsam mit Jürgen Fitschen an der Spitze steht. Ab Mai nächsten Jahres wird Cryan die alleinige Führung übernehmen.
Erst am Sonntag hat er einen radikalen Umbau der Bank in die Wege geleitet. Geschäftsbereiche werden anders zugeschnitten, Führungsposten neu besetzt. Cryan will das Institut, das mit schrumpfenden Gewinnen kämpft und mit teuren Altlasten, aus der Krise führen.
Die KfW tätigte die berühmteste Fehlüberweisung
Der Empfänger der Zahlung ist nicht bekannt. Die Deutsche Bank informierte Finanzkreisen zufolge sowohl die britische Finanzaufsicht FCA, die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank Federal Reserve über die fehlerhafte Überweisung. Weder Sprecher der Regulierungsbehörden noch der Deutschen Bank wollten sich zu dem Vorfall äußern.
Die Milliardenüberweisung ist den informierten Personen zufolge darauf zurückzuführen, dass nicht Positionen gegeneinander verrechnet wurden („netting“), sondern ein nicht verrechneter Betrag angewiesen wurde. Fehlerhafte Aufträge und Wertpapierkäufe kommen immer wieder vor. In der Regel sollen Sicherungssysteme der Banken oder Börsen dies jedoch verhindern.
Anfang Oktober etwa war der außerbörsliche Aktienmarkt versehentlich mit Aktienaufträgen für Dutzende japanischer Großkonzerne im Wert von umgerechnet fast 500 Milliarden Euro konfrontiert worden. Die Aufträge konnten vor der Ausführung jedoch noch storniert werden. Sonst hätte ein Händler unter anderem 57 Prozent der Aktien von Toyota gekauft. Mehr als 40 Aufträge für Aktien-Transaktionen im Wert von rund 490 Milliarden Euro waren annulliert worden, zeigen Daten der Japan Securities Dealers Association (JSDA).
Berühmt ist der Fall der deutschen Förderbank KfW, die im September 2008 über 300 Millionen Euro an die US-Großbank Lehman Brothers überwies – Stunden nachdem Lehman Insolvenz angemeldet hatte. Etwa zwei Drittel der Summe hatte die KfW bis 2010 wieder zurückerhalten, der Rest hängt vom Ausgang des Insolvenzverfahrens ab.
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