Suisse Secrets: Credit Suisse hatte offenbar Autokraten und Kriminelle als Kunden
Über 30.000 Konto-Datensätze sind von einem internationalen Journalisten-Netzwerk ausgewertet worden.
Foto: dpaZürich. Die Schweizer Bank Credit Suisse soll nach einem Medienbericht über Jahre Autokraten, Drogendealer sowie mutmaßliche Kriegsverbrecher und Menschenhändler als Kunden akzeptiert haben. Das belegen nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ Daten aus dem Geldinstitut, die dem Blatt nach eigenen Angaben von einer anonymen Quelle zugespielt wurden. Die Unterlagen wertete die „SZ“ zusammen mit dem NDR und WDR aus sowie mit mehreren weiteren internationalen Medienpartnern, darunter „Guardian“, „Le Monde“ und „New York Times“.
Die Bank wies die Vorwürfe vehement zurück. „Die Darstellung (...) basiert auf unvollständigen, ungenauen oder selektiven Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, was zu tendenziösen Interpretationen des Geschäftsgebarens der Bank führt“, teilte sie am Sonntagabend mit. 90 Prozent der angeführten Konten seien bereits geschlossen worden. „Wir werden die Angelegenheit weiter analysieren und gegebenenfalls weitere Schritte einleiten“, so die Bank weiter.
Die Enthüllungen sind der bislang umfassendste Beleg dafür, dass die Bank sich jahrzehntelang nicht scheute, Kundenbeziehungen mit Politikern aus instabilen Staaten sowie dubiosen Geschäftsleuten einzugehen. Daten von insgesamt 30.000 Kunden der Bank mit einem verwalteten Vermögen von knapp 100 Milliarden Dollar konnte der Rechercheverbund auswerten.
Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) erklärte am Montag, sie stehe mit der Bank in Kontakt, ohne die Vorwürfe konkret kommentieren zu wollen. „Wir haben Kenntnis von den Artikeln“, erklärte ein Sprecher am Montag. Die Einhaltung der Geldwäschevorschriften sei seit Jahren ein Schwerpunkt der Aufsichtstätigkeit, erklärte der Sprecher weiter.
In den Daten findet sich laut den Recherchen unter anderem ein früherer Siemens-Manager, der 2008 wegen seiner Verwicklung in den Schmiergeldskandal des Industriekonzerns verurteilt wurde. Trotz der Verurteilung könnten zwei Konten noch bis über das Jahr 2016 hinaus bei der Bank Credit Suisse geführt worden sein.
Zudem tauchten auf einem Konto laut den Daten im Jahr 2006 als Höchststand ein Vermögen im Wert von mehr als 54 Millionen Schweizer Franken (aktuell rund 51,66 Millionen Euro) auf. Auf Anfrage des Rechercheverbunds stritt der Ex-Manager den Angaben zufolge Fehlverhalten ab, ohne zu erklären, woher die Millionen stammen.
Zudem legen die Recherchen nahe, dass die Großbank stärker als bislang bekannt in den Korruptionsskandal um den staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA verwickelt sein könnte. Die Bank unterhielt demnach Konten von zwei Dutzend Verantwortlichen mit einem Vermögen von mehreren hundert Millionen Franken.
Mindestens fünf Schweizer Banken sollen in die Geldwäsche venezolanischer Petrodollars involviert gewesen sein, darunter auch Konkurrent Julius Bär. Die Finanzaufsicht Finma hatte vier Jahre lang ermittelt und der Credit Suisse 2018 einen Aufpasser an die Seite gestellt und die Bank gerügt. Details gab die Finma seinerzeit jedoch keine bekannt.
Die Credit Suisse wollte sich mit Verweis auf das Schweizer Bankgeheimnis nicht zu einzelnen Kundenbeziehungen äußern. Den Recherchen zufolge hätten auch Kriminelle Konten eröffnen beziehungsweise Konten auch dann behalten können, „wenn die Bank längst hätte wissen können, dass sie es mit Straftätern zu tun hat“. Laut den internen Bankdaten waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs, Minister und Geheimdienstchefs ebenso wie Oligarchen und Kardinäle Kunden der Credit Suisse. So tauchen etwa ehemalige Regierungschefs aus Jordanien, Algerien oder dem Irak in der Kundendatei auf.
„Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist“, erklärte dem Bericht zufolge die Quelle der Suisse-Secrets-Daten, die der „SZ“ und ihren Recherchepartnern nicht bekannt ist. „Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, ist lediglich ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern.“
Gegenwind für die neue Strategie
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Credit-Suisse-Daten nach eigenen Angaben zusammen mit dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) sowie 46 Medienpartnern aus aller Welt ausgewertet. Sie reichen offenbar bis ins Jahr 2016. Die Credit Suisse vertritt daher den Standpunkt, dass möglicherweise fragwürdige Kundenbeziehungen dem aktuellen Management nicht anzulasten seien. CEO Thomas Gottstein ist erst seit 2020 im Amt, der designierte Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann stieß erst im Oktober 2021 zur Bank und soll im April zum Chefaufseher gekürt werden.
Dennoch kommen die Enthüllungen für die Bank zu einer kritischen Zeit. Die Bank kämpft seit der Abwicklung der zusammen mit der insolventen Greensill Bank betriebenen Fonds sowie dem Milliardenverlust durch den Kollaps des Hedgefonds Archegos um das Vertrauen von Kunden und Aktionären.
Um aus der Krise zukommen, hatte sich die Bank eine neue Strategie verpasst: Ins Zentrum stellt die Bank künftig das Geschäft mit reichen und vermögenden Kunden. Sie will hunderte neue Kundenberater verpflichten und bis 2024 200 Milliarden Franken zusätzlich einwerben. Die Veröffentlichung sensibler Daten zehntausender Kunden könnte das erschweren. Zudem setzt die Bank unter anderem auf jene Märkte in Schwellenländern, die ihnen nun Kritik eingebracht hat.
So hat die Credit Suisse in einer Präsentation für Investoren von November 2021 festgehalten, dass sie die „Wachstumschancen im Mittleren Osten“ sowie in Lateinamerika ergreifen will. Auch das Geschäft in China soll ausgebaut werden. Allerdings hat sich das Institut aus einer Reihe von Märkten etwa in Afrika bereits zurückgezogen. Zudem versprechen der designierte Chefaufseher Lehmann und CEO Gottstein, dass das Risikomanagement in allen Geschäftsbereichen verbessert werden soll.
Mit Agenturmaterial.