Weltwirtschaftsforum in Davos: „Sagen Sie bloß nicht ESG“
Trotz eines großen Reputationsschadens für sein Haus seien die finanziellen Effekte der Anti-ESG-Bewegung in den USA verschwindend gering, sagt der Blackrock-Chef.
Foto: BloombergDavos. Lange Zeit war es der größte Trend in der Finanzwelt: Investieren nach ökologischen, sozialen und ethischen Standards, kurz ESG genannt. Auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos trieb die Diskussion voran.
Es ging um die Forderung, dass die führenden Manager aus der Finanzwelt sich eben nicht nur um ihre Renditen kümmern sollten, sondern auch die Auswirkungen ihrer Geschäfte auf die Mitarbeiter und die Umwelt im Blick haben müssten. „ESG gehörte noch im vergangenen Jahr zum Zeitgeist“, betont Sandra Navidi vom New Yorker Analysehaus Beyond Global, die seit vielen Jahren zu Gast beim WEF ist.
Doch es hat sich etwas verändert. In Davos spricht in diesem Jahr kaum noch ein CEO über die vielversprechend klingenden drei Buchstaben – schon gar nicht, wenn er für ein amerikanisches Finanzinstitut arbeitet. „Sagen Sie bloß nicht ESG“, unkt einer der Manager.
Die neue Zurückhaltung hat ihren Grund: Keiner möchte so sehr ins Rampenlicht gezerrt werden wie Blackrock-Chef Larry Fink.
Blackrock-Chef: „Ich werde persönlich angegriffen“
Der Vorstandschef des weltgrößten Vermögensverwalters ist mit seiner ESG-Initiative zwischen die Fronten geraten. Lange hatte er sich für stärkere soziale und ökologische Standards eingesetzt und andere Unternehmenslenker dazu aufgefordert, es ihm gleichzutun. Damit ist er zur Zielscheibe für die Republikaner geworden.
Sie werfen dem einflussreichen CEO vor, er würde zu ideologisch handeln und die Öl- und Gasproduzenten benachteiligen. Eine Reihe von Pensionsfonds von republikanisch geführten Bundesstaaten haben bereits ihre Gelder von Blackrock abgezogen.
„Es ist der größte Investment-Trend der nächsten 30 Jahre“
In Europa ist das Thema deutlich weniger polarisierend, dafür umso komplexer. Das 7000 Seiten schwere Regelwerk der Europäischen Union sei zu detailliert, gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen, moniert Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing.
Brian Moynihan, CEO der Bank of America, sprach sich in Davos für ein „internationales Gremium für Nachhaltigkeitsstandards“ aus. „Dort können Investmentmanager, Verbraucher und andere Vertreter der Gesellschaft sitzen“ und erarbeiten, welche Unternehmenspraktiken akzeptabel seien und welche nicht. So könne man den Kapitalismus „den Erwartungen der Gesellschaft anpassen“.
Doch gerade in der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft dürfte es so schnell keinen Konsens zu diesem Thema geben.
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So spricht man bei Blackrock statt über ESG in diesen Tagen denn lieber auch über „Transition Investing“ – also Investments in alles, was die Wirtschaft grüner macht. Doch ganz egal, wie man es am Ende nenne – Investmentmöglichkeiten gebe es mehr als genug.
„Es ist der größte Investment-Trend der nächsten 30 Jahre“, prognostiziert Blackrock-Manager Mark Wiedman, der als möglicher Nachfolger für Fink gehandelt wird. Er fügt hinzu, die USA seien paradoxerweise trotz all der Kritik an ESG „der beste Ort für Forschung, Innovation und Investments in alles, was mit dem Übergang zu einer CO2-ärmeren Wirtschaft zu tun hat“.
Finanzielle Effekte der Anti-ESG-Bewegung gering
Die Bedeutung des Themas stützt auch eine Analyse des Beratungsunternehmens PwC. Die Experten dort gehen davon aus, dass ESG-Investments bis zum Jahr 2026 um 84 Prozent auf knapp 34 Billionen Dollar steigen könnten.
So kommt auch Blackrock-Chef Fink trotz des großen Reputationsschadens zu dem Schluss, dass die finanziellen Effekte der Anti-ESG-Bewegung in den USA verschwindend gering seien. Zwar hätten Pensionsfonds Gelder im Wert von vier Milliarden Dollar abgezogen, dafür kamen im vergangenen Jahr 230 Milliarden Dollar an frischen US-Kundengeldern hinzu. Die Zahlen sprechen demnach eine deutliche Sprache.