Wirecard: Ex-Vorständin: Marsalek konnte auf Milliardenbeträge zugreifen
2020 brach das Unternehmen zusammen.
Foto: dpaMünchen. Beim Skandalkonzern Wirecard hatte der Spitzenmanager Jan Marsalek nach Aussage einer früheren Kollegin unabhängig von den übrigen Vorstandsmitgliedern Zugriff auf Milliardenbeträge. Marsalek habe mit der eigenmächtigen Verschiebung der angeblich bei Treuhändern verwalteten Summen von Singapur auf die Philippinen den damaligen Finanzvorstand Alexander von Knoop gegen sich aufgebracht, sagte die frühere Produktvorständin Susanne Steidl am Donnerstag als Zeugin im Wirecard-Strafprozess vor dem Landgericht München.
„Er war sowas von zornig“, sagte sie. „Völlig zurecht.“ Knoop ist in dem Prozess bisher nicht befragt worden. Marsalek ist untergetaucht.
Steidl, gegen die die Staatsanwaltschaft separat ermittelt, stützte damit Angaben des in dem Prozess angeklagten Ex-Firmenchefs Markus Braun. Dieser hatte gesagt, Marsalek habe ihm im Februar 2020 mitgeteilt, dass er auf Treuhandkonten verbuchte Milliardensummen von Singapur unabgesprochen auf die Philippinen transferiert habe. „Ich kann mich erinnern, dass ich ihn gefragt habe, ob er den Verstand verloren hat“, hatte Braun gesagt.
Bei Wirecard lief damals eine Sonderuntersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die schließlich keine Belege für die Summe von 1,9 Milliarden Euro fand. Der Konzern brach daraufhin im Juni 2020 zusammen.
Die Pleite ist einer der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Braun und zwei weitere Ex-Manager sind wegen Betrugs und Bilanzfälschung angeklagt.
Über Verlesung des Briefs wird später entschieden
Nach Ansicht von Staatsanwaltschaft und Insolvenzverwalter waren die fehlenden Milliarden frei erfunden. Marsalek, der international gesucht wird, hat sich vor kurzem überraschend mit einem Brief in den Prozess eingeschaltet.
Was hat es mit dem Brief von Jan Marsalek auf sich?
Das Langericht München gab an diesem Donnerstag bekannt, nicht kurzfristig über eine Verlesung des Briefs im Strafprozess zu entscheiden. „Das werden wir uns in Ruhe überlegen, wie wir das verfahrensrechtlich lösen“, sagte der Vorsitzende Richter Markus Födisch in der Gerichtsverhandlung. Er wolle darüber mit den übrigen Richtern seiner Strafkammer beraten.
Die Verteidiger des angeklagten früheren Wirecard-Chefs Braun hatten am Mittwoch eine Verlesung des Briefs als Beweismittel zur Entlastung Brauns beantragt. Über die vollständige Verlesung stritten sie mit dem Richter.
Marsaleks Spur verlor sich 2020 in Belarus. Später wurde er in Russland vermutet. Bei Wirecard hatte er hingegen kurz vor der Pleite angegeben, er gehe auf die Suche nach dem vermissten Geld. „Dann hat er sich von mir verabschiedet“, sagte Steidl. „Er fliegt jetzt in die Philippinen, und wir sehen uns in zwei Wochen.“