Barclays: Investmentbanker erwarten mehr Übernahmen in den USA
Frankfurt. Europäische Unternehmen schauen sich verstärkt nach Übernahmeobjekten in den USA um. „Angesichts des Börsenbooms rund um den Amtsantritt von Donald Trump hatten viele gedacht, dass US-Unternehmen verstärkt in Europa zukaufen werden“, sagt Christian Wagner, der bei Barclays das Investmentbanking im DACH-Raum leitet, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das ist aber nicht passiert.“
Dass sich europäische Unternehmen nun umgekehrt für Übernahmen in den USA interessieren, habe mehrere Gründe. Ein wesentlicher Treiber sei der wieder erstarkte Euro. Die Aussicht auf Milliardeninvestitionen der Bundesregierung in die Infrastruktur und die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands hatte die Gemeinschaftswährung beflügelt.
Ein weiterer Grund für die Übernahmeambitionen sind laut Barclays-Banker Wagner die Firmenbewertungen. Die US-Unternehmen würden nur noch etwa mit dem Zwanzigfachen ihres erwarteten Gewinns 2025 bewertet – nicht mehr mit dem Fünfundzwanzigfachen wie zu Jahresbeginn.
„Der Abstand zu europäischen Firmen, die aktuell mit dem circa Fünfzehnfachen ihres erwarteten Gewinns bewertet werden, ist damit geringer geworden“, sagt Wagner. „Die Stimmung an den Börsen hat sich gedreht.“
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Armin von Falkenhayn, Deutschlandchef der Bank of America. Die USA blieben aus vielen Gründen ein attraktiver Investitions- und Akquisitionsstandort für deutsche und europäische Unternehmen. Rezessionsängste und sinkende Firmenbewertungen bei einem stärker werdenden Euro verstärkten das.
US-Zölle durch Direktinvestitionen umgehen
Die Entwicklung zeichnete sich bereits in den vergangenen Jahren ab. 2024 lagen die Direktinvestitionen aus der EU in den USA bei knapp 120 Milliarden Dollar. Aus den USA sind im gleichen Zeitraum nur rund 100 Milliarden Dollar nach Europa geflossen. Auch in den Jahren 2023 und 2022 haben Unternehmen aus der EU mehr in den USA investiert als umgekehrt.
Direktinvestitionen seien außerdem eine Möglichkeit, weiterhin am US-Markt zu partizipieren, sagt Wagner. Schließlich wird der grenzübergreifende Handel durch die neuen Zölle der US-Regierung gerade deutlich teurer. Zwar stehe das genaue Ausmaß noch nicht fest, doch sei die neue Zollpolitik der USA „ein tiefgreifender Einschnitt in das internationale Handelssystem“. Durch Direktinvestitionen müssten Unternehmen nicht mehr in die USA exportieren, sondern könnten dort „entweder eigene Produktionskapazitäten aufbauen, bestehende US-Unternehmen erwerben oder sich an ihnen beteiligen“.
US-Aktienmarkt verliert Kapital
Die US-Börsen verloren zuletzt deutlich an Wert. Gut acht Prozent hat der US-Index S&P 500 in weniger als drei Wochen eingebüßt. Mittlerweile ist der Kurs gestiegen, befindet sich aber immer noch auf niedrigem Niveau. Allein die großen sieben Tech-Konzerne haben seit Mitte Februar mehr als zwei Billionen Dollar an Wert verloren.
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Investmentbanker Wagner sagt: „Zuletzt ist so viel Kapital aus dem US-Aktienmarkt abgeflossen wie seit Jahren nicht mehr. Das war eine Schockreaktion, nachdem der Trump-Enthusiasmus verflogen ist.“ Diese Entwicklung werde sich fortsetzen, wenn auch nicht mit derselben Dynamik.
Gutes Geschäft für Investmentbanker
Das Finanzpaket der neuen Bundesregierung stützt laut Wagner nicht nur den Euro-Kurs. Deutschland habe sich von einem sparsamen Land zu einem Vorreiter bei Investitionen entwickelt. „Das begrüßen internationale Investoren.“
Auch für die Investmentbanken sei das Finanzpaket eine gute Nachricht, sagt Wagner. Denn Unternehmen gäben in der Folge mehr Anleihen und andere Finanzierungsinstrumente aus. „Hier erwarten wir zunehmend Geschäft.“ Außerdem müsse das auf diesem Weg eingesammelte Geld auch wieder investiert werden, wobei die Investmentbanken ebenfalls mitwirkten.
Alle Industrien überlegten aktuell, wie sie am besten vom Finanzpaket profitieren und mehr Aufträge erhalten können. Es lohne sich, „frühzeitig verschiedene Szenarien durchzugehen und zu schauen, welche Fusionen grundsätzlich möglich sind“, sagt Wagner. Er erwartet, dass im Bereich Verteidigung viele Gemeinschaftsunternehmen gebildet werden, etwa in den kapitalintensiven Sektoren Grenzschutz und Satellitenüberwachung.
2024 verzeichnete die Deutsche Bank unter den Investmentbanken mit 229 Milliarden Dollar die höchsten Gebühreneinnahmen, gefolgt von Goldman Sachs, der Bank of America und BNP Paribas. Barclays stand 2024 auf Platz neun.
In den ersten drei Monaten dieses Jahres lag Goldman Sachs mit 41 Milliarden Dollar vorn, Barclays befindet sich mit 25 Milliarden Dollar auf Platz vier.