Übernahme: Aktieninstitut kritisiert Unicredit-Einstieg bei Commerzbank
Frankfurt. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) sieht nach dem überraschenden Einstieg der italienischen Unicredit bei der Commerzbank Handlungsbedarf. Der Verband für Unternehmen, die am deutschen Kapitalmarkt tätig sind, gehe zwar davon aus, dass dabei alles legal abgelaufen sei, sagte DAI-Chefin Henriette Peucker dem Handelsblatt. „Aber die Schnelligkeit und gefühlte Intransparenz, wie die Beteiligungen aufgebaut wurden, finden wir bedenklich.“
Die Regeln, um das Anschleichen von Investoren und Unternehmen zu verhindern, seien in den vergangenen 15 Jahren zwar mehrfach verschärft worden, sagte Peucker. „Sie machen aber offenbar einen unbemerkten signifikanten Beteiligungsaufbau weiter möglich.“
Für börsennotierte Unternehmen, die Aktien ausgegeben haben, ist das aus Sicht von Peucker eine unbefriedigende Situation. „Emittenten wollen wissen, wer ihre Aktionäre sind“, betont die DAI-Chefin. „Sie wollen frühzeitig sehen, wenn sich Positionen ändern.“
Unicredit hatte in der Nacht vom 10. auf den 11. September bei einer Auktion von Commerzbank-Aktien des Bundes ein Paket von 4,5 Prozent gekauft. Am Morgen des 11. September teilten die Italiener dann mit, insgesamt bereits mit neun Prozent bei der Commerzbank engagiert zu sein. Zwei Wochen später überraschte Unicredit dann mit der Mitteilung, über Finanzinstrumente bereits Zugriff auf 21 Prozent der Aktien zu haben.
DAI fordert niedrigere Meldeschwelle für Derivate
Die Finanzaufsicht Bafin prüfe den Einstieg von Unicredit routinemäßig, heißt es in Finanzkreisen. Bisher gebe es jedoch kein Anzeichen, dass dabei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Ein Bafin-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.
Unicredit hatte bereits vor der Auktion des Bundes einen Anteil von 4,5 Prozent an der Commerzbank aufgebaut. Stimmrechtsmitteilungen deuten darauf hin, dass es sich dabei um eine Mischung aus Aktien und Derivaten handelte. Die Aktienposition dürfte dabei rund 2,8 Prozent betragen haben. Damit blieb Unicredit unter der Schwelle von drei Prozent, ab der solche Positionen gemeldet werden müssen.
Für Derivate liegt die erste Meldeschwelle nämlich bei fünf Prozent. Peucker fordert, „dass die Schwelle für die Meldung von Derivaten von fünf auf drei Prozent gesenkt wird“ – und dass bei Meldeschwellen Aktien und Derivate immer zusammengezählt werden.
Darüber hinaus will sie, dass Meldungen, wenn Schwellen überschritten werden, „wirklich unverzüglich abgegeben werden und nicht erst innerhalb von vier Handelstagen, wie es aktuell gesetzlich möglich ist“. Darüber hinaus fordert Peucker, dass Derivate, mit denen sich Investoren Zugriff auf Aktien verschaffen, bereits gemeldet werden müssen, sobald solche Geschäfte organisiert werden.
Bafin und Bundesbank wurden überrascht
Es sei nicht akzeptabel für Emittenten, wenn es zu leicht ist, Regelungen zu umgehen, sagte Peucker. „Die Kreativität von Tradern und Juristen ist ja bekannt.“ Peucker hat früher selbst als Investmentbankerin gearbeitet. Seit Juli 2024 ist sie geschäftsführende Vorständin des Aktieninstituts. Es vertritt die Interessen von börsennotierten Unternehmen und anderen Kapitalmarktakteuren.
Die deutschen Aufsichtsbehörden Bafin und Bundesbank wurden vom Unicredit-Einstieg genauso überrascht wie die Commerzbank selbst, wie mehrere Insider dem Handelsblatt sagten. Einige Finanzaufseher seien deshalb verärgert. Eigentlich ist es aus ihrer Sicht nämlich üblich, dass Banken alle relevanten Aufsichtsbehörden vorab über einen solchen Einstieg informierten.
Der Ärger über das Vorgehen von Unicredit-Chef Andrea Orcel werde aber keinen Einfluss auf das sogenannte Inhaberkontrollverfahren haben, das Unicredit durchlaufen muss, um ihre Aktienbeteiligung an der Commerzbank auf zehn bis 29,9 Prozent aufzustocken, betonten mehrere mit dem Thema vertraute Personen. Unicredit hat einen entsprechenden Antrag Mitte September gestellt.
Für die Aufsicht über Unicredit und Commerzbank ist federführend die EZB zuständig. Um das Inhaberkontrollverfahren kümmert sich zunächst aber die Bafin, die der EZB dann eine vorläufige Einschätzung inklusive Entscheidungsvorschlag unterbreitet, wie ein EZB-Sprecher bestätigte. „Die finale Entscheidung liegt dann aber bei der EZB.“
„Die Entscheidungen werden nicht von Emotionen beeinflusst“, erklärte der Sprecher. Stattdessen gebe es klare Kriterien für potenzielle Käufer. Dazu zählen die Finanzkraft des Käufers und die Zuverlässigkeit des Managements. Da Unicredit seit Jahren von der EZB kontrolliert wird, gehen alle Beteiligten fest davon aus, dass die Aufsichtsbehörde den Italienern eine Aufstockung ihres Anteils genehmigen wird.
Bis diese Entscheidung fällt, dürfte es aber noch dauern. Die Bafin hat für das Inhaberkontrollverfahren bis zu 60 Arbeitstage Zeit, sobald alle Unterlagen vollständig eingereicht sind. Dies ist Insidern zufolge bisher noch nicht der Fall.
Orcel sagte nach dem Einstieg bei der Commerzbank, er habe regelmäßig mit Behörden und Institutionen in Deutschland gesprochen. „Ich bin davon ausgegangen, dass alle relevanten Spieler wussten, was wir machen.“ Er ist überzeugt, dass die EU größere Banken braucht, und bezeichnet eine Commerzbank-Übernahme als „Testfall für Europa“.
Auch EZB-Vertreter haben sich wiederholt für grenzüberschreitende Fusionen ausgesprochen. Größere und stärkere Banken seien im Interesse Europas, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde kürzlich. Grenzüberschreitende Fusionen seien wünschenswert.
Viele deutsche Bankenaufseher teilen diese Euphorie für grenzüberschreitende Fusionen und große Banken nicht – und würden sich von der EZB mehr Zurückhaltung bei dem Thema wünschen. „Wichtig ist aus Sicht der Bundesbank, dass die Aufsicht und auch die Regelungen nach dem Proportionalitätsprinzip angewandt werden“, sagte Bundesbank-Vorstand Michael Theurer am Montag. „Es sollten von der Regulierung und von der Aufsicht keine diskriminierenden Effekte ausgehen – egal in welche Richtung.“