Versicherer: Nürnberger Versicherung wird an österreichische VIG verkauft
München, Frankfurt. Die Nürnberger Versicherung wird für bis zu 1,38 Milliarden Euro nach Österreich verkauft. Die Vienna Insurance Group (VIG) bietet 120 Euro je Aktie der Nürnberger Beteiligungs-AG, der börsennotierten Holding des Versicherers, teilten die Beteiligten in der Nacht zum Freitag mit.
Die Nürnberger wird ein eigenständiges Unternehmen innerhalb der VIG-Gruppe bleiben, aber von der Börse verschwinden. Diese Unabhängigkeit war der 1884 gegründeten Versicherung immer wichtig.
Die Österreicher haben sich von den Großaktionären bereits 64,4 Prozent der Anteile gesichert, wie aus der Mitteilung weiter hervorgeht. Für die VIG, die auch mit der Marke Wiener Städtische bekannt ist und neben ihrem Heimatmarkt stark in Osteuropa vertreten ist, ist es die größte Übernahme der Firmengeschichte. In Deutschland ist sie bisher nur mit dem kleinen Versicherer Interrisk und als Rückversicherer präsent.
Schwierigkeiten für mittelgroße Versicherungen
„Die Partnerschaft gibt uns die Möglichkeit, als eigenständiges Unternehmen unsere Transformation signifikant zu beschleunigen und damit auch unsere Marktposition weiter zu stärken“, sagte Nürnberger-Vorstandschef Harald Rosenberger. Der Vorstand war auf die Suche nach einem Partner gegangen, nachdem die Gruppe im Jahr 2024 einen Konzernverlust von 77 Millionen Euro eingefahren hatte. Der Grund dafür waren vor allem hohe Schäden in der Kfz- und Gebäudeversicherung.
Durch die eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen soll das Konzernergebnis in diesem Jahr zwar wieder in einer Größenordnung von 40 Millionen Euro liegen. Die Herausforderungen für die deutsche Versicherungswirtschaft und auch für die Nürnberger werden aber in den nächsten Jahren hoch bleiben. Gerade kleine und mittelgroße Versicherer haben Schwierigkeiten, die immer höheren regulatorischen Anforderungen und die notwendigen Investitionen in eine moderne Technologie zu stemmen.
Die von der VIG im Rahmen der Vereinbarung zur strategischen Partnerschaft zugesagten Investitionen hob Nürnberger-Vorstandschef Rosenberger gegenüber dem Handelsblatt besonders hervor: „Die vereinbarten erhebliche Investitionen, insbesondere in die Modernisierung unserer IT-Landschaft, ermöglichen es uns, Innovationen schneller voranzutreiben“, sagte er.
Zudem soll die traditionsreiche Marke ebenso erhalten bleiben wie die Standorte. Damit bleibe „unsere regionale Identität erhalten, während wir gleichzeitig von den Synergien und der Expertise eines internationalen Versicherungskonzerns profitieren“, so Rosenberger weiter.
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Das Angebot aus Wien sei „hochattraktiv“, heißt es in der Mitteilung der Unternehmen. „Mit unserer Mehrmarkenstrategie bieten wir ideale Voraussetzungen zur Standortsicherung sowie zum Identitätserhalt der starken Marke Nürnberger“, sagte VIG-Chef Hartwig Löger.
Auch VKB und Mapfre hatten Insidern zufolge Interesse
Neben den Österreichern hatten Insidern zufolge auch die Versicherungskammer Bayern (VKB) und die spanische Mapfre Interesse an einer Übernahme signalisiert. Die Offerte aus Wien sei aber die höchste gewesen, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person. Als der Nürnberger-Vorstand im Mai erstmals öffentlich Erwägungen zu einem Verkauf anstellte, lag die Aktie bei 47 Euro, am Donnerstagabend schloss sie bei 104,50 Euro.
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Nachdem die Nürnberger im August mitgeteilt hatte, exklusiv mit der VIG über einen Mehrheitserwerb zu verhandeln, hatte es aus Aktionärskreisen auch Kritik gegeben. Sie hatten einen intransparenten Prozess bemängelt und beklagt, man habe sich zu früh auf einen Verhandlungspartner festgelegt. Der aktivistische Investor 7Square hatte in einem Brief an den Nürnberger-Vorstand zudem davor gewarnt, den fränkischen Versicherer unter Wert zu verkaufen. Als möglichen Kaufpreis nannte er eine Spanne von 119 Euro bis 143 Euro je Aktie.
7Square-Manager Thomas Schweppe zeigte sich nun mit dem Angebot zufrieden. Mit 120 Euro je Aktie liege es innerhalb seiner Bewertungsbandbreite. Vor allem aber hätten VIG und der Nürnberger-Vorstand seiner wesentlichen Forderung nach einem Angebot für alle Aktionäre Rechnung getragen.
Weitere Zusammenschlüsse dürften folgen
Mit 3,7 Milliarden Euro Beitragseinnahmen im Jahr 2024 und Kapitalanlagen in Höhe von 35,1 Milliarden Euro gehört die Nürnberger zu den mittelgroßen deutschen Versicherern. Nach dem Verlust im vergangenen Jahr hatte der Nürnberger-Vorstand die Unternehmensberatung Bain & Co. angeheuert. Zusammen mit ihr nahm er nach eigenen Angaben drei Bieter in die engere Wahl, unter denen sich die VIG letztlich durchsetzte.
Zudem wurde ein Sparprogramm beschlossen. Bis 2026 sollen demnach rund 600 von ehemals 4100 Arbeitsplätzen gestrichen werden, etwa die Hälfte ist schon weg. Die Übernahme soll in den nächsten Jahren aber nicht zu weiteren Stellenstreichungen führen, hieß es. Die Nürnberger plant, mit den Einsparungen und Preiserhöhungen im laufenden Jahr in die Gewinnzone zurückzukehren.
Die stark steigenden Schadenkosten unter anderem in der Auto- und der Wohngebäudeversicherung haben den Konsolidierungsdruck in der Versicherungsindustrie zuletzt erhöht. Branchenbeobachter rechnen daher damit, dass weitere Versicherer über Zusammenschlüsse nachdenken. Sie werteten es als „klugen Schritt“ der Nürnberger, sich frühzeitig auf die Suche nach einem neuen Eigentümer gemacht zu haben. So habe der Versicherer noch die Möglichkeit gehabt, sich den Partner auszusuchen.
Größere Fusionen gab es in der deutschen Versicherungsindustrie bislang nur wenige: Zuletzt schlossen sich Barmenia und Gothaer, die Stuttgarter Versicherung und die SDK sowie die Provinzial Rheinland und die Provinzial Nordwest zusammen. Einzelne Versicherer hatten zudem ihr Geschäft mit traditionellen Lebensversicherungen an Abwickler wie Viridium abgegeben.
Mit Agenturmaterial, Erstpublikation: 17.10.2025 00:27 Uhr