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VersicherungBafin will hohe Stornoquoten der Lebensversicherer untersuchen

Die deutschen Lebensversicherer sind der Aufsicht zufolge wirtschaftlich stabil – Aufseherin Wiens mahnt aber mehr Fokus auf die Kunden und klare Zielmärkte an. Hohe Stornoquoten alarmieren sie.Tami Holderried 04.09.2025 - 14:42 Uhr Artikel anhören
Julia Wiens: Die Bafin-Exekutivdirektorin beim „Strategiemeeting Lebensversicherung“ des Handelsblatts in Düsseldorf. Foto: Handelsblatt/Jörn Wolter

Düsseldorf, München. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) kritisiert überhöhte Kosten und eine ungenaue Produktgestaltung bei den Lebensversicherern. Beim diesjährigen „Strategiemeeting Lebensversicherung“ des Handelsblatts in Düsseldorf betonte Bafin-Exekutivdirektorin Julia Wiens, dass weiterhin kein Weg an der sogenannten „Wohlverhaltensaufsicht“ vorbeiführe.

Im Rahmen dieser Aufsicht kontrolliert die Bafin, dass die Versicherungsgesellschaften nur Produkte und Dienstleistungen anbieten, die einen angemessenen Kundennutzen aufweisen. „Wir konzentrieren uns dabei auf die sogenannten schwarzen Schafe im Markt“, erklärte Wiens. Die Lebensversicherung sei ein zentraler Baustein der Altersversorgung von Millionen von Menschen und das solle auch so bleiben.

Außerdem erwartet sie von den Versicherern Investitionen in IT-Sicherheit und entsprechende Kontrollrahmen, da die Branche zunehmend Gebrauch von Künstlicher Intelligenz (KI) macht.

Deutliche Kritik zeigt Wirkung

Wiens ist die oberste Versicherungsaufseherin in Deutschland und überwacht die Branche seit Januar 2024. Vergangenes Jahr hatte Wiens bei derselben Veranstaltung die Lebensversicherer deutlich kritisiert und damit für Diskussionen gesorgt: „Lebensversicherungen sollen den Absicherungsbedürfnissen und Renditeerwartungen der Kundinnen und Kunden gerecht werden. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber leider nicht.“ Die Bafin hatte die Produkte von 13 Lebensversicherern genau überprüft. „Was wir da bislang herausgefunden haben, gefällt uns überhaupt nicht“, betonte Wiens damals.

Die Aufsicht geht vorwiegend gegen die hohen Kosten mancher Produkte vor – diese schmälern die Rendite teils erheblich. Nun zeigte sich Wiens vorsichtig optimistisch. Ihre Äußerungen im vergangenen Jahr hätten „einiges in Bewegung gebracht“.

Nach ihrer Kritik hatten die betroffenen Versicherer die Kosten in ihren Vertragsbeständen gesenkt, den Kunden rückwirkende Kompensationen gutgeschrieben und verschiedene Produkte vom Markt genommen.

„Die Branche nimmt die Hinweise der Bafin ernst und arbeitet kontinuierlich an Verbesserungen“, sagte auch Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), dem Handelsblatt im August.

Hohe Stornoquoten sind Alarmsignal für die Bafin

Zufrieden ist die Bafin aber noch nicht. Im Fokus stünden Produkte einzelner Unternehmen. „Wir beschäftigen uns aktuell vor allem mit dem Thema ‚Storno und Zielmarkt‘ bei kapitalbildenden Lebensversicherungen“, berichtete Wiens in Düsseldorf.

3,5
Prozent der Kunden
kündigen pro Jahr ihre Lebensversicherung.

Zuletzt hätten die deutschen Lebensversicherer pro Jahr gut eineinhalb Millionen Verträge in der fondsgebundenen Lebensversicherung verkauft, viele davon mit Ansparphasen von mehr als 35 Jahren.

„Im Branchendurchschnitt kündigen pro Jahr rund 3,5 Prozent der Kundinnen und Kunden ihren Vertrag. Wenn wir von einem konstanten jährlichen Storno in dieser Höhe ausgehen, hat nach etwa 20 Jahren die Hälfte der Kundinnen und Kunden ihren Vertrag vorzeitig beendet“, rechnet Wiens vor.

Wenn zahlreiche Versicherte ihre Verträge in den ersten Jahren kündigen, ist das für die Aufsicht ein Alarmsignal. Schließlich fallen zu Beginn die höchsten Kosten an. Die Anbieter müssen sich dann fragen, ob die Produkte für die Zielgruppe überhaupt geeignet sind, so Wiens.

In der Praxis beobachte sie häufig, dass Lebensversicherer die verschiedenen Zielgruppen sehr breit fassten und Personen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenfassten. Wer seinen Zielmarkt so weit definiere, müsse sicherstellen, dass sein Produkt solch unterschiedlichen Bedürfnissen auch wirklich gerecht wird, erklärte Wiens.

Auch die Versicherer selbst könnten ein Problem bekommen, wenn sehr viele Kunden auf einmal ihr Geld zurückfordern. Zumindest in diesem Punkt gibt die Bafin aber Entwarnung: Bei den Lebensversicherern stünden derzeit ausreichende Liquiditätsreserven zur Verfügung.

„Dass sich die Finanzaufsicht Ausreißer genauer anschaut, ist richtig“, sagte Jörg Asmussen vom GDV dem Handelsblatt dazu im August. Allerdings dürfe dadurch kein Schatten auf die gesamte Branche geworfen werden. Den Kosten stehe ein Leistungspaket aus Beratung, Geldanlage im Kollektiv und lebenslanger Rente gegenüber.

Investitionen in IT-Sicherheit notwendig

Julia Wiens mahnte am Donnerstag zudem mehr Investitionen in die Sicherheit und Modernität der IT-Systeme an. Im Bereich Künstlicher Intelligenz sei es wichtig, dass Unternehmen „für all ihre KI-Systeme eine adäquate Governance und ein adäquates Risikomanagement haben“.

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KI-Systeme könnten bestehende Risiken für die Unternehmen verstärken und damit indirekt Risiken für die Solvenz darstellen. Wiens äußerte sich auch zur Überarbeitung der Solvency II-Richtlinie. Diese legt fest, wie viel Eigenkapital Versicherer für Risiken vorhalten müssen.

Die Bafin will, dass die Richtlinie streng, aber fair bleibt. „Die Volatilität an den Kapitalmärkten kann jederzeit wieder steigen. Eine Aufweichung der Kapitalanforderungen würde ein fatales Signal senden“, so Wiens. Kleine Versicherer erhielten aber spürbare Entlastungen. Wiens versprach, stärker auf Proportionalität zu setzen.

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