Wirecard: Das steht im Urteil gegen den Marsalek-Vertrauten O’Sullivan
Düsseldorf. Henry O’Sullivan pflegte einen rauen Umgangston. Neun Tage war es her, dass Wirecard-Treuhänder Rajaratnam Shanmugaratnam (Shan) ihm gefälschte Kontenbestätigungen unterschrieben zurückgeschickt hatte. Am 23. März 2017 fragte der Brite über den Messengerdienst Telegram: „Haben die deutschen Bastarde dich schon wie versprochen für die Ernst-Young-Sache bezahlt?“
Mit den „deutschen Bastarden“ meinte O’Sullivan die damaligen Wirecard-Manager Jan Marsalek und Oliver Bellenhaus. Die Dokumente brauchten sie für Wirecards Abschlussprüfer EY (früher: Ernst & Young). Und O’Sullivan, so urteilte ein Gericht in Singapur Mitte September, half jahrelang, ein Loch in den Bilanzen des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim zu verschleiern.
Dem Handelsblatt liegt die schriftliche Urteilsbegründung vor. Auf 66 Seiten zeichnet das Gericht anhand von Mails und Chatnachrichten detailliert nach, wie tief O’Sullivan in den milliardenschweren Bilanzskandal verwickelt war. Die Begründung gewährt neue Einblicke in die Rollenverteilung im wohl spektakulärsten Betrug der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Wirecard war im Juni 2020 kollabiert, nachdem ein angebliches Milliardenvermögen des Dax-Konzerns auf Treuhandkonten nicht mehr auffindbar war. Das Geld sollte aus dem Drittpartnergeschäft stammen, das Wirecard unter der Verantwortung Marsaleks angeblich vor allem in Asien betrieb. Ermittler sind überzeugt, dass es dieses Geschäft nie gab. O’Sullivan soll bei dem Milliardenbetrug eine zentrale Rolle gespielt haben.