Bargeld: Warum ist es so schwer, Münzen aufs Konto einzuzahlen?
Düsseldorf. Der Tiktoker mit dem Account @arlindagushi3 tut so, als sei es alles ganz einfach. Auf seinem Kanal zeigt er in einem Video eine hohe Glasvase auf einer Körperwaage – satte 21 Kilogramm zeigt die Skala an. Nicht weniger als 60 Millionen Aufrufe hat sein Video.
In einem weiteren Video vom 12. Dezember 2023 sieht der Zuschauer bei @arlindagushi3, wie so ein Glas auf einem Automaten steht. „Drei Monate Münzen gesammelt!“ steht als Einblendung. Der Automat gehört laut Schrift zu einer Sparkasse, das Fach, in das die Münzen geschüttet werden, soll, so ein Warnhinweis, nur zur Hälfte gefüllt werden.
Hartgeld nehmen, in ein Fach schütten, Münzen zählen lassen und Geld aufs Konto bringen – so einfach ist es selten, auch wenn der Tiktok-Account belinda.c gar Freude am Einschütten hat: „Ich liebe das Geräusch.“
Banken mögen es immer weniger. Dabei steigt die Zahl der Münzen in Europa an. Waren 2020 laut der Europäischen Zentralbank 138 Milliarden Stück im Umlauf, waren es 2023 gar 148 Milliarden Stück. Hartgeld ist schmutzig und macht Arbeit. Viele Banken nehmen es deswegen ungern an und wenn, nur von eigenen Kunden – andere gegen eine Gebühr für Fremdkunden und wieder andere schon gar nicht.
Welche Sparkasse oder Volksbank welche Regelung hat, müssen Kunden bei ihrem Institut einzeln erfragen. Sparkassen und Volksbanken sind in ganz Deutschland eigenständig, und die jeweiligen Dachverbände verweisen auf Anfrage auf die einzelnen Standorte. So wie die Berliner Volksbank, eine der großen in Deutschland.
Die Berliner Volksbank nimmt Münzen zur Einzahlung nur an, wenn die Einzahlerin oder der Einzahler auch ein Konto dort hat. Ansonsten helfen weder Gebühren noch warme Worte. Die Bank will das Hartgeld lieber nicht. Und für Bürger wird es immer schwerer, den klingelnden Inhalt einer Spardose einzutauschen oder auf das Konto zu bekommen. Das hat einfache Gründe.
Münzen: Büroklammern zwischen Cent-Stücken
Zunächst einmal ist da die schlichte Anzahl der Bankfilialen, die weiterhin rückläufig ist und, wie die Bundesbank Mitte Mai mitteilte, nun erstmals unter 20.000 in Deutschland gesunken ist. 19.501 mit Mitarbeitern betriebene Filialen zählte die Bundesbank, Tendenz fallend.
Danach folgen verschiedene Ursachen. Hans-Jörg Hisam von der Ziemann Sicherheit Holding kennt einige. Er ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Unternehmens mit Sitz im baden-württembergischen Schallstadt, das Münzgeld im Auftrag der Bundesbank bearbeitet.
„Das Münzgeld wird in vier Bearbeitungsschritten bundesbankkonform aufbereitet. Die Münzgelder werden gezählt und entsprechend der jeweiligen Stückelung sortiert“, sagt Hisam. Aus den lose sortierten Münzen werden am Ende Münzrollen, die wieder zurück an die Geldinstitute gehen.
Dazwischen aber liegen mehrere Schritte, die unter anderem beinhalten, die Münzen auf Echtheit zu überprüfen und auch Fremdkörper wie Büroklammern, die sich immer wieder einschmuggeln, zu entfernen. „Diese Fremdkörper gehören leider zum Tagesgeschäft, was immer wieder zu Störungen im Zählablauf führt“, sagt Hisam.
Bargeld, das kennen Menschen, die es täglich in den Händen halten, hinterlässt Schmutz an den Fingern. Gewaschen wird das Geld jedoch nicht. Wohl aber werden fehlerhafte Münzen aussortiert, mit Münzsortiermaschinen, die von der Bundesbank zertifiziert sein müssen.
Die Münzbearbeitung ist ein schweres Geschäft. In der Region West/NRW fallen an einem Beispieltag rund 2,5 Millionen Münzen bei der Ziemann Holding an. Allein die 432.271 Münzen im Wert von je einem Cent werden zu 8645 Rollen verarbeitet, mit einem Gesamtgewicht von 994,22 Kilogramm. In Summe sind es elf Tonnen, die mit Münzen aus der Region West an einem Beispieltag verarbeitet werden.
An den zehn Standorten kommen in ganz Deutschland monatlich in der Regel zwischen 789 und 1150 Tonnen Münzrollen zusammen, allein im November 2023 waren es mehr als sechs Millionen Rollen, die ausgeliefert wurden. Das kostet.
Bargeld einzahlen: Kosten, die keiner haben will
Weil die Ziemann Gruppe ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, muss diese Dienstleistung bezahlt werden, die bei den Banken und Sparkassen als Kosten aufschlagen, die sie inzwischen lieber nicht hätten.
Zurück zur Berliner Volksbank, die diese Kosten auch nicht haben will und nur noch einer Gruppe erlaubt, umsonst ihr Münzgeld einzuzahlen: Kindern. Von ihnen wird in der Berliner Volksbank wie üblicherweise von allen anderen Geldinstituten auch keine Gebühr verlangt.
„Die Logistik von Hartgeld ist unverändert aufwendig und auch teuer, da es sich um Geldgegenwerte handelt und jeweils Werttransportunternehmen eingebunden werden müssen“, sagt Mathias Paulokat von der Berliner Volksbank.
An neun Standorten in Berlin können Kunden einen Münzeinzahlautomaten nutzen. Voraussetzung ist ein Konto bei der Bank. Wer das nicht hat, kommt dort nicht weiter. „Wir sehen es so, dass auch bei Kleinbeträgen die Zukunft im bargeldlosen Bezahlen liegt“, sagt Paulokat.
Die Berliner Volksbank ist mit dieser Lösung nicht allein, und die Unterschiede zwischen den Geldinstituten liegen im Detail. Privatkunden der Deutschen Bank zum Beispiel können zwar kostenfrei Münzgeld einzahlen, allerdings nur bis zu einer Grenze von 50 Stück pro Tag.
Doch schon vorgefertigte Münzrollen schützen Privatkunden gegebenenfalls nicht vor Kosten. „Die Münzrollenannahme-/ausgabe von bis zu fünf Münzrollen pro Monat ist kostenfrei, ab der sechsten Münzrolle kostet es 0,30 Euro je Münzrolle. Bei größeren Mengen nehmen wir Münzgeld nur in gerollter Form oder lose in Safebags an. Für zur Gutschrift eingereichte Safebags fallen 5 Euro pro Safebag an“, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bank.
Die Commerzbank wiederum setzt keine klaren Grenzen, innerhalb derer die Annahme für Kunden kostenfrei ist, sondern umschreibt den Umfang mit „haushaltsüblichen Mengen“. Das Ersparte in Form von 1-Cent-Münzen für ein Geschenk oder Hochzeitsschuhe dürfte das dann allein bei 100 Euro Wert locker sprengen.
Es ist deswegen kein Wunder, dass die Banken auch ihre Geschäftskunden dazu bringen wollen, zumindest die kleinen Münzwerte nicht länger zu verwenden. Schon seit Jahren gibt es Händler, die auf- und abrunden, um nicht länger die kupferfarbenen Münzen im Wert von ein, zwei und fünf Cent verarbeiten zu müssen.
Bereits 2020 erregte das auf der Insel Wangerooge Aufsehen, da sich die Volksbank Jever entschloss, keine Münzen dieser Gruppe mehr auf die Insel zu liefern. Betroffen ist davon unter anderem auch die Inselbuchhandlung Schröder. „Da wir hier auf der Insel keine Münzen von den Banken erhalten, tauschen die Einzelhändler untereinander, und gelegentlich starten wir auch einen Aufruf und bitten Kunden, uns bestimmte Münzen vom Festland mitzubringen“, sagt Ralf Keulen von der Inselbuchhandlung.
Martin Schadewald von der Volksbank Jever hat wenig Verständnis für die Klagen der Händler, allein schon, weil die Bank als einzige noch auf der Insel vertreten sei. Zudem sei es für Kunden machbar, auf- und abzurunden. Die Kosten für den Werttransport via Fähre stünden in keinem Verhältnis mehr zum Wert, der transportiert werde.
Münzen gegen Gutscheine oder ab zur Landesbank
Menschen, die aus romantischen Gründen Spardosen pflegen oder vielleicht auf Flohmärkten mit größeren Summen Münzgeld hantieren, haben zwei weitere Möglichkeiten, diese loszuwerden, selbst wenn der Händler sie eigentlich gar nicht will. Das Unternehmen Coinstar hat in Deutschland rund 2000 Automaten aufgestellt, unter anderem im Lebensmitteleinzelhandel. Wer im Supermarkt seine Münzen in größerer Zahl loswerden möchte, kann sie dort in einen der Automaten einzahlen, ohne ein Konto zu benötigen.
Das Unternehmen händigt allerdings weder Scheine an den Automaten aus, noch tut es dies ohne Gebühren. Die Einzahler bekommen Gutscheine für den Einkauf abzüglich der Gebühr von 9,9 Prozent der eingezahlten Summe zuzüglich 25 Cent. Für Coinstar scheint die Unwilligkeit der Filialbanken, Münzen kostenfrei anzunehmen, als Geschäftsmodell zu funktionieren. Die Chance, einen der 2000 Automaten in der eigenen Nähe ausfindig zu machen, ist unter Umständen höher, als eine Filiale der eigenen kontoführenden Bank zu finden.
Noch rarer, dafür vollständig kostenfrei, ist dafür die Möglichkeit, in einer der Filialen der Bundesbank seine Münzen gegen Scheine einzutauschen. Ab einer Summe von 2500 Euro müssen Einzahler allerdings die Herkunft nachweisen. Verhindert werden soll das, was kein Unternehmen mit den Münzen mehr macht: Geld zu waschen.