Euro-Zone: Tariflöhne steigen langsamer – EZB vor nächster Zinssenkung
Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert auf die nächste Zinssenkung zu. In der Euro-Zone steigen die Löhne EZB und Bundesbank zufolge längst nicht mehr so stark wie in den vergangenen zwei Jahren. Das gilt als wichtiges Indiz, dass die zu hohe Inflation im Dienstleistungsbereich nachlässt.
Der Anstieg der Tariflöhne in den 20 Euro-Ländern hat im ersten Quartal von 4,1 Prozent auf 2,4 Prozent nachgelassen. Das teilte die EZB am Freitag mit. Hierzulande legten die Tariflöhne laut Bundesbank nur noch um 0,9 Prozent zu, nach 5,8 Prozent von Oktober bis Dezember 2024.
Vor dem Hintergrund neuer Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump gegen die EU, mauer Konjunktur und sinkender Inflationsraten verdichten sich somit die Anzeichen, dass die EZB ihre Geldpolitik am 5. Juni weiter lockert. Der relevante Einlagensatz, an dem Banken ihre Spar- und Kreditzinsen ausrichten, dürfte von 2,25 Prozent auf 2,0 Prozent sinken.
Seit Juni 2024 hat die EZB die Leitzinsen bereits siebenmal reduziert. Etliche Notenbanker haben Bereitschaft signalisiert, die Zinssenkungen fortzusetzen. Die kontinuierlich nachlassende Inflation spielt ihnen in die Karten.
Experten halten es für möglich, dass die Inflationsrate in der Euro-Zone im Mai auf das EZB-Ziel von zwei Prozent gesunken ist. Eine Schnellschätzung veröffentlicht das Statistikamt Eurostat drei Tage vor dem Zinsentscheid.
Die aktuellen Daten zeigen, dass von den Löhnen momentan kaum eine Inflationsgefahr ausgeht. Die EZB ist dahingehend in einer komfortableren Lage als die Bank of England: In Großbritannien steigen die Löhne so kräftig, dass die Notenbanker mit Zinssenkungen vorsichtiger sein müssen. Darauf weist der Chefvolkswirt der britischen Notenbank, Huw Pill, hin.
In Deutschland kommt jetzt zum Tragen, dass die Inflationsausgleichsprämien ausgelaufen sind. Bis Ende 2024 konnten Unternehmen ihren Angestellten befristet steuer- und abgabenfreie Sonderzahlungen überweisen. Die fallen nun weg. Die Bundesbank rechnet deshalb mit „spürbar niedrigeren“ Lohnabschlüssen als 2023 und 2024.
Die am Donnerstag veröffentlichten Stimmungsumfragen zur Konjunktur erhärten ebenfalls den Verdacht, dass die Serie an Zinssenkungen weitergeht. Der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zone ist unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten gesackt. Das Ifo-Geschäftsklima für Deutschland hat sich zum fünften Mal leicht verbessert, allerdings auf bescheidenem Niveau.
Die EZB werde auf dieser Basis wohl am Plan festhalten, die Leitzinsen erneut zu senken, heißt es bei der Landesbank Helaba. Gemischt fallen die Preisaussichten aus: Dienstleister berichten von gesunkenen Preisen im Verkauf, jedoch von höheren Preisen im Einkauf.
Für den Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, signalisiert das aktuelle Geschäftsklima, dass „die positiven Wirkungen der EZB-Zinssenkungen stärker als die höheren Zölle“ wirken. Dieser Effekt der Geldpolitik werde etwas unterschätzt, meint auch Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank LBBW.
EZB-Direktorin Isabel Schnabel weist darauf hin, dass sinkende Zinsen erst nach und nach ihre Wirkung bei Unternehmen und Verbrauchern entfalten. Sie spricht sich dafür aus, die Leitzinsen nicht mehr allzu weit zu senken, sondern mit „ruhiger Hand“ vorzugehen.
Im Entscheidungsgremium, dem EZB-Rat, überwiegen derzeit die Stimmen jener Notenbanker, die niedrigere Zinsen für erforderlich halten. Darunter sind auch Notenbanker, die prinzipiell eher eine straffe Geldpolitik bevorzugen. So bezeichnete Pierre Wunsch aus Belgien Markterwartungen an zwei weitere Zinssenkungen auf 1,75 Prozent als „vernünftig“.
Am konkretesten wurde am Freitag Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras: „Ich glaube, dass wir die Zinsen im Juni ein weiteres Mal senken werden, und dann sehe ich eine Pause“, sagte Stournaras der griechischen Zeitung „Kathimerini“.