Geldpolitik: Bantleon-Chefökonom: „EZB glaubt nicht an die eigene Geldpolitik“
Die EZB hat einen weiteren Zinsschritt für Juli in Aussicht gestellt.
Foto: dpaFrankfurt. Liegt die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren Prognosen, die sie Mitte Juni abgegeben hat, erneut falsch? Sie hatte, ähnlich wie die US-Notenbank (Fed), die Inflation zunächst als „vorübergehend“ eingeschätzt und erst mit einigen Monaten Verzögerung darauf reagiert. Jetzt, glaubt Bantleon-Chefökonom Daniel Hartmann, schätzt sie die Konjunktur dagegen deutlich zu stark und damit auch die künftige Inflation zu hoch ein.
„Nach unserer Einschätzung könnte die Inflation schon 2024 unter das Inflationsziel von zwei Prozent fallen“, sagt er. Zuletzt lag die Inflation bei 6,1 Prozent. Hartmann vermutet: „Die EZB will auf keinen Fall das Risiko einer zu hohen Inflation eingehen. Die Prognosen haben daher auch eine politische Komponente.“
Der Vermögensverwalter Bantleon aus Hannover, der vor allem für institutionelle Investoren arbeitet, bezeichnet sich selbst als Spezialisten für „konjunkturbasiertes Asset-Management“ und ist stolz darauf, dass die eigenen Volkswirte mehrfach von der Nachrichtenagentur Bloomberg Auszeichnungen für die Treffsicherheit ihrer Prognosen erhalten haben. Er verwaltet rund fünf Milliarden Euro, vergrößert sich aber gerade durch die Übernahme der ehemaligen NordLB Asset Management AG auf rund 23 Milliarden.
Hartmann spart nicht mit Kritik an der Notenbank: „Die Prognosegüte der EZB ist nicht gerade ein Aushängeschild“, sagt er. Weil sie Wachstum und Inflation auch für die folgenden Jahre seiner Meinung nach weit zu hoch ansetzt, schließt er: „Die EZB glaubt nicht an die eigene Geldpolitik.“
Denn wenn sie davon überzeugt wäre, so Hartmann, müsste sie ja davon ausgehen, dass die rasche Zinssteigerung von null auf vier Prozent innerhalb von weniger als einem Jahr die Nachfrage und damit die Inflation deutlich dämpft – was in der Regel erst mit Monaten Verspätung voll durchschlägt. Der Ökonom spricht mit Blick auf die geldpolitische Straffung der EZB vom „größten Zinsschock der Nachkriegszeit“.
Hartmann hält Inflationsprognosen für verfehlt
Rein technisch wirft er der Notenbank vor, dass sie bei ihren jüngsten Vorhersagen eine Revision des Wachstums im ersten Quartal von plus 0,1 Prozent auf minus 0,1 Prozent nicht berücksichtigt habe. Die EZB selbst hatte in einer Fußnote darauf hingewiesen, dass die Veränderung erst nach Fertigstellung ihrer Berechnung bekannt geworden sei.
Außerdem sagt Hartmann: „Die EZB unterschätzt den nachgebenden Preistrend bei Lebensmitteln und Energie.“ Nach den jüngsten Daten sei zum Beispiel zu erkennen, dass die Preise für Milch und Fleisch in Molkereien und Schlachthäusern „bereits deutlich sinken“.
Der Ökonom spart nicht mit Kritik an der Notenbank
Foto: ZVGWährend die EZB für das zweite Quartal 2023 einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in der Euro-Zone um 0,3 Prozent ansetzt, glaubt Hartmann, dass es in diesem Zeitraum weiter schrumpft. Auch die Prognosen der Notenbank für 2023 von insgesamt plus 0,9 Prozent und für 2024 von 1,5 Prozent hält er für viel zu hoch. Für entsprechend verfehlt hält er auch die Inflationsprognosen der EZB von 3,0 Prozent für 2024 und immer noch 2,3 Prozent für 2025.
Kritisch sieht er auch die Begründung der EZB für das von ihr erwartete schwache Wachstum im kommenden Jahr. EZB-Chefin Christine Lagarde hatte unter anderem die nachlassende Inflation als Faktor benannt, der die Kaufkraft der Verbraucher schont und damit wieder mehr Ausgaben ermöglicht.
Unternehmen hätten Inflation zur Ausweitung der Margen genutzt
Hartmann hält dagegen: „Auf eine Erholung des Konsums zu setzen überzeugt nicht, denn das ist ein nachlaufender Indikator.“ In der Regel beginne ein Aufschwung mit Investitionen, und davon sei nichts zu sehen. Im Gegenteil: Wenn die Inflation nachlässt, kommen die Gewinnmargen der Unternehmen unter Druck, was weder den Investitionen noch der Konjunktur hilft.
Lagarde selbst hatte darauf hingewiesen, dass viele Unternehmen die Inflation auch zur Ausweitung der Margen genutzt hätten. Hartmann erwartet, dass die EZB ihre Prognosen im September wieder deutlich nach unten revidieren muss.
Seine Kritik ist im Vergleich zu anderen Kommentaren ungewöhnlich pointiert. Aber mit seiner Stoßrichtung ist der Ökonom nicht allein. Seit geraumer Zeit schon gibt es, ebenso wie in den USA, eine Diskussion zu der Frage, ob die Notenbank zuerst zu langsam die Geldpolitik gestrafft hat und jetzt zu lange daran festhält.
So nannte kürzlich Erik Nielsen, Chefberater der italienischen Bank Unicredit, die Prognosen der EZB „nicht überzeugend“; zudem konstatierte er, die Kommunikation der EZB bewege sich in „eine neue Phase größerer Konfusion“. Nielsen hat schon häufiger kommentiert, dass er die Geldpolitik der EZB zunehmend für zu straff hält.
Auch Vítor Constâncio, der frühere Vizechef der EZB, hatte die jüngsten Prognosen als „optimistisch“ bezeichnet und fügte auf Twitter hinzu: „Sie ignorieren die künftige Rezession, die zur Dämpfung der Inflation beitragen wird.“ EZB-Direktorin Isabel Schnabel dagegen bekräftigte vor Kurzem noch einmal, dass die Inflationsrisiken nicht unterschätzt werden dürften.