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  4. Geldpolitik: Kampf gegen Inflation: Die Türkei gerät in die Zinsfalle

GeldpolitikTürkische Notenbank erhöht Leitzins auf 30,0 Prozent – Ökonomen reicht das nicht

Mit niedrigen Zinsen wollte die Regierung in Ankara die Exporte ankurbeln. Nun steuert die Zentralbank gegen – und die Exportwirtschaft ächzt.Ozan Demircan 21.09.2023 - 13:57 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Chefin der türkischen Zentralbank in ihrem Büro.

Foto: via REUTERS

Ankara. Die türkische Notenbank hat angesichts der hohen Inflation den Leitzins erneut deutlich angehoben. Der Leitzins steigt um 5,0 Prozentpunkte auf 30,0 Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag in Ankara nach ihrer geldpolitischen Sitzung mitteilte. Es war die vierte Zinserhöhung in Folge.

Die vor allem seit Mai im Wert deutlich gefallene türkische Lira gab nach der Entscheidung zu Euro und US-Dollar leicht nach und notierte am Nachmittag (Ortszeit) rund 0,25 Prozent schwächer bei 28,83 Lira pro Euro und 27,1 Lira pro US-Dollar.

Viele Analysten hatten zuvor eine Zinserhöhung in genau dieser Größenordnung erwartet. Trotzdem mehren sich im Land die Stimmen, dass die lange erwartete Zinserhöhung negative Nebeneffekte mit sich bringen könne – und der türkischen Wirtschaft Schaden zufügt.

Das geldpolitische Komitee unter Leitung von Zentralbank-Gouverneurin Hafize Gaye Erkan begründete die Zinserhöhung damit, dass sowohl die Inlandsnachfrage als auch hartnäckig hohe Preise im Dienstleistungssektor neben dem hohen Ölpreis den Inflationsdruck aufrechterhielten.

Der neue Finanzminister wirbt um Vertrauen, während die Exportwirtschaft klagt

Gleichzeitig listete die schriftliche Begründung der Zentralbank die Erfolge ihrer Zinserhöhungspolitik auf. „Mehr direkte Auslandsinvestitionen, eine Verbesserung der externen Finanzierungsbedingungen, eine kontinuierliche Erhöhung der Reserven, die Unterstützung der Tourismuseinnahmen in der Leistungsbilanz und die steigende In- und Auslandsnachfrage nach türkischen Lira-Vermögenswerten werden stark zur Preisstabilität beitragen.“ Der geldpolitische Rat werde seine Entscheidungen „weiterhin in einem vorhersehbaren, datengesteuerten und transparenten Rahmen“ treffen.

Seit Staatschef Recep Tayyip Erdogan nach seiner Wiederwahl im Mai Mehmet Simsek als Finanzminister eingesetzt hat, versucht dieser, zerstörtes Vertrauen an den Märkten wiederzugewinnen. Mit Erfolg: Ratingagenturen wie Fitch stuften zuletzt die Kreditwürdigkeit großer türkischer Unternehmen herauf, die Reserven der Zentralbank hatten sich stabilisiert.

Doch in der Realwirtschaft des Landes ist von Freude über die orthodoxe Geldpolitik nicht viel zu spüren. Die Inflation ist seit Mai und analog zu den Zinserhöhungen wieder angestiegen und liegt aktuell bei 58 Prozent. Für Unternehmenskredite muss man bis zu 50 Prozent Zinsen bezahlen.

Die Lira verlor seit dem zweiten Wahlgang Ende Mai ein Drittel an Wert. Für die exportorientierte türkische Wirtschaft besonders bitter: Seit Mitte Juli ist der Wechselkurs der Lira zu den Weltwährungen Euro und US-Dollar weitestgehend stabil, während die Preise immer weiter steigen.

Das hat einen fatalen Nebeneffekt: Ihre Produkte werden dadurch nämlich auch auf den Hauptexportmärkten in Europa und Nordamerika immer teurer und werden dadurch weniger nachgefragt.

Der Tourismus ist für die Türkei, wie hier in Alanya, eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Foto: IMAGO/Zoonar

Am deutlichsten spürt das der Tourismus in diesem Jahr, eine der wichtigsten Branchen des Landes. Der Küsten-Nobelort Bodrum etwa rechnete für die Sommersaison mit 1,5 Millionen Gäste. Es kamen nur rund eine Million.

Auch viele russische Touristen, die wegen der Sanktionen nicht nach Europa reisen dürfen, bevorzugten nach Aussage von Branchenverbänden häufiger Ägypten als die Türkei. Der Hauptgrund: die hohen Preise an der Türkischen Riviera.

Ökonomen fürchten zaghafte Geldpolitik

Verbände aus dem Textilsektor, ebenfalls einer wichtigen türkischen Exportindustrie, verlangten bereits einen künstlich schwächeren Wechselkurs für ihre Exportprodukte, damit sie höhere Lira-Einnahmen generieren können. Finanzexperten fürchten derweil, die Zentralbank bekämpfe die Inflation zu zaghaft.

Der Ökonom und ehemalige türkische Notenbanker Hakan Kara wies vor der Entscheidung auf die Bedeutung einer Zinserhöhung um 750 Basispunkte statt der nun beschlossenen 500 Basispunkte hin. „Obwohl die Zentralbank den Zinssatz seit Juni um 16,5 Prozentpunkte erhöht hatte, ist die Inflationserwartung für die kommenden zwölf Monate um 14,3 Punkte gestiegen“, begründete Kara in einem Gastbeitrag in der türkischen Zeitung „Ekonomim" seine Kritik.

„Ein langsames Vorgehen bei den Zinserhöhungen wird für die Wirtschaft teurer sein als starke Zinsschritte“, ist Kara überzeugt.

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Auch Altug Özaslan, Gründer der türkischen Investmentfirma Fortuna Capital, hatte zuvor auf eine stärkere Zinserhöhung gepocht. „An den aktuellen Inflationsaussichten und sich verschlechternden Erwartungen wird sich durch eine stärkere Erhöhung des Leitzinses statt der erwarteten 500 Basispunkte nicht viel ändern“, glaubt er, „aber im Hinblick auf die Botschaft der Zentralbank wäre es wichtig.“ Damit hätte die Zentralbank zeigen können, dass sie sich der Verantwortung bewusst sei und dass sie die „notwendigen politischen Genehmigungen dafür“ erhalten habe.

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