Geldpolitik: Spekulationen auf schnelle EZB-Zinssenkungen gehen etwas zurück
Frankfurt. Investoren am Finanzmarkt haben ihre Spekulationen auf eine rasche erste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) etwas zurückgenommen. Inzwischen wird ein Schritt nach unten auf der Zinssitzung im April am Geldmarkt nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 48 Prozent taxiert, wie aus den Kursen am Freitag hervorging. Noch im Januar war eine erste Zinssenkung im April zeitweise fest in den Kursen enthalten gewesen. Seitdem haben eine Reihe von Währungshütern der EZB die Erwartungen am Finanzmarkt zu dämpfen versucht.
Die Inflation im Euro-Raum sinkt aus Sicht von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane möglicherweise rascher als bislang gedacht. Die hereinkommenden Daten legten nahe, dass der Prozess des Inflationsrückgangs kurzfristig schneller verlaufen könnte als bisher erwartet, hieß es in einem am Donnerstag veröffentlichten Vortrag von Lane zu einer Veranstaltung der Brookings Institution in Washington.
„Gleichwohl sind die Auswirkungen auf die mittelfristige Inflation weniger klar“, fügte er hinzu. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2,0 Prozent für die Wirtschaft der 20-Länder-Gemeinschaft an. Im Januar lag die Teuerungsrate bei 2,8 Prozent nach 2,9 Prozent im Dezember.
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„Wir müssen im Desinflationsprozess noch weiter vorangekommen sein, bevor wir hinreichend sicher sein können, dass die Inflation das Ziel rechtzeitig erreichen wird und sich nachhaltig auf dem Zielwert einpendelt“, so Lane weiter.
Die im März anstehenden neuen Wirtschaftsprognosen der EZB-Volkswirte würden die Gelegenheit für eine umfassende Überarbeitung der mittelfristigen Inflationsaussichten bieten. Lane kündigte zudem an, dass die EZB in der Geldpolitik weiter datengestützt vorgehen werde.
Belgiens Notenbankchef: „Hat gewissen Wert, mit Zinswende zu warten“
Die EZB sollte aus Sicht des belgischen Notenbankchefs Pierre Wunsch wegen der Unsicherheiten hinsichtlich der Entwicklung der Löhne in der Euro-Zone mit der ersten Zinssenkung noch etwas warten.
„Ich bin auf der Seite derer, die glauben, dass es einen gewissen Wert hat zu warten,“ sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag auf einer Veranstaltung der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Aber vollkommene Sicherheit werde es nicht geben. „Irgendwann werden wir uns also alle Informationen ansehen müssen, die wir haben, und eine Wette eingehen müssen.“
Die Entwicklung der Löhne gilt unter den Euro-Wächtern derzeit als einer der maßgeblichen Treiber der Inflationsentwicklung. Aus einer Umfrage der EZB unter Unternehmen Anfang Januar war hervorgegangen, dass Firmen für dieses Jahr mit einem Lohnwachstum von etwa 4,4 Prozent rechnen, nach einem Plus von rund 5,5 Prozent 2023.
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Die Inflationsrate lag in der 20-Ländergemeinschaft im Januar noch bei 2,8 Prozent. Die Zielmarke der EZB von 2,0 Prozent Inflation ist daher inzwischen in Reichweite gerückt. Noch im Herbst 2022 hatte die Teuerung zeitweise bei über zehn Prozent gelegen.
Wenn es nicht um die Löhne ginge, würde die EZB bereits über die Zinsen sprechen, sagte Wunsch. In den jüngsten EZB-Wirtschaftsprognosen werde angenommen, dass sich das Lohnwachstum abschwäche und die Gewinnmargen der Unternehmen einen Teil des Schocks absorbierten. „Und wir sehen das, zumindest auf der Seite der Gewinnmargen“, sagte Wunsch.
Und es gebe auch einige Anzeichen dafür, dass sich die Dynamik des Lohnwachstums verlangsame. Das seien aber keine sehr starken Anzeichen. Wunsch zufolge wird die EZB innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne keine vollkommene Sicherheit über die Lohnentwicklung erlangen können. „Daher hat es einen gewissen Wert, auf noch mehr Daten zur Lohnentwicklung zu warten, aber irgendwann werden wir eine Wette darauf eingehen müssen, wohin sich die Inflation entwickeln wird.“