Notenbank: EZB könnte im zweiten Quartal 2023 mit Bilanzabbau beginnen
Die EZB könnte nächstes Jahr mit dem Bilanzabbau beginnen.
Foto: dpaWashington. Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) haben Insidern zufolge kürzlich über einen Zeitplan für den künftigen Abbau ihrer billionenschweren Anleihenbestände diskutiert. Dabei sei ein Startdatum für die Verringerung der Bestände im zweiten Quartal 2023 vorgebracht worden, sagten drei Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab. Durch die billionenschweren Anleihenkaufprogramme der vergangenen Jahre ist die Notenbankbilanz der EZB inzwischen auf fast neun Billionen Euro angeschwollen. In der Fachwelt wird der Bilanzabbau über eine Verringerung von Anleihenbeständen als „quantitative Straffung“ (QT - Quantitative Tightening) bezeichnet.
Bislang stellt die EZB in Aussicht, auslaufende Anleihen aus ihrem Ankaufprogramm APP auch nach der ersten Zinserhöhung für eine längere Zeit wieder durch neue Bonds zu ersetzen. Die Währungshüter wollen diese Reinvestitionen so lange fortsetzen wie nötig, um reichliche Liquidität zu gewährleisten und „einen angemessenen geldpolitischen Kurs“ aufrechtzuerhalten. Die EZB könne ihre Sprache zur Ersetzung abgelaufener Anleihen bereits auf ihrer Sitzung im Oktober anpassen, sagten die Insider nun. Möglicherweise im Dezember, aber wahrscheinlicher noch im Februar könne dann ein detaillierter Plan vorgelegt werden.
Auf einem kürzlich abgehaltenen Treffen der EZB-Währungshüter in Zypern sei in einer Präsentation ein Ende der vollständigen Reinvestítionen im zweiten Quartal 2023 angeführt worden. Einige Währungshüter hätten frühere Zeitpunkte genannt, andere hätten sich für Juni ausgesprochen. Ein Abbau der Bestände würde dadurch erfolgen, dass die Gelder aus ausgelaufenen Anleihen dann nicht mehr vollständig reinvestiert werden. Die EZB würde dabei sehr flexibel vorgehen. An einen direkten Verkauf der Anleihen sei nicht gedacht, sagten die mit der Situation vertrauten Personen.
Die Währungshüter hätten in ihrer Einschätzung übereingestimmt, dass die Finanzmärkte zur Zeit angespannt seien. Investoren mit einem verfrühten Reinvestitionsplan zu konfrontieren, mache daher keinen Sinn, sagten die Insider. Die jüngsten Börsenturbulenzen in Großbritannien, die die Bank von England zum Eingreifen bewegt haben, hätten einige Währungshüter aufgeschreckt und die Argumente für ein vorsichtiges Vorgehen gestärkt. Befürworter einer straffen Geldpolitik schienen ebenfalls damit einverstanden zu sein. Denn für sie besäßen Zinserhöhungen augenblicklich Priorität. Einige Währungshüter befürchteten, dass, wenn mit dem Bilanzabbau schon bald begonnen werde, dies als Argument für eine Verlangsamung der Zinserhöhungen dienen könne, sagten die Insider.
Es sei noch nicht über den Zeitplan entschieden worden. Es könne noch Änderungen geben, hieß es. Die Diskussionen befänden sich in einem frühen Stadium. Die Präsentation sei kein geldpolitischer Vorschlag gewesen. Wie die mit der Diskussion vertauten Personen ausführten, betrifft die Diskussion nicht das billionenschwere Pandemie-Notfallprogramm PEPP. Bei diesem Programm sollen auslaufende Anleihen bis mindestens Ende 2024 wieder ersetzt werden. Die Währungshüter haben den Insidern zufolge kein Interesse, hieran Änderungen vorzunehmen.
EZB-Währungshüter Kazaks für weiteren XXL-Zinsschritt im Oktober
Die Europäische Zentralbank sollte aus Sicht von Lettlands Notenbankchef Martins Kazaks im Kampf gegen die hohe Inflation im Oktober einen weiteren XXL-Zinsschritt beschließen. Kazaks zufolge ist eine erneute Erhöhung des Einlagenzinses um 0,75 Prozentpunkte wie im September sinnvoll, wie er am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters am Rande des Jahrestreffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington sagte. „Ein großer Schritt beim nächsten Treffen ist gerechtfertigt, und ich denke, 75 Basispunkte sind angemessen“, sagte Kazaks. Die nächste EZB-Zinssitzung ist am 27. Oktober. „Im Dezember können wir auch einen signifikanten großen Schritt machen, aber ob es 50, 75 oder etwas anderes sein wird, das steht zur Diskussion“, fügte das EZB-Ratsmitglied hinzu.
Danach könnten die Zinsschritte dann kleiner ausfallen und mit weiteren geldpolitischen Maßnahmen flankiert werden, sagte der Währungshüter. Kazaks zufolge könnte dazu auch eine Verringerung der im Zuge der Kaufprogramme der vergangenen Jahre stark angeschwollenen Anleihenbestände gehören. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sprach sich am Donnerstag in Washington dafür aus, mit dem Abbau der Anleihenbestände 2023 zu beginnen.
Nach Einschätzung des slowakischen Notenbankchefs Peter Kazimir mit dem Abbau ihrer durch die jahrelangen Anleihenkäufe angeschwollenen Bilanz noch bis nächstes Jahr warten. Das Abschmelzen der Anleihenbestände sei zwar ein unvermeidbarer Bestandteil der geldpolitischen Normalisierung und der geldpolitischen Straffung, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) am Rande des Jahrestreffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington der Nachrichtenagentur Reuters. „Aber das wird nicht in diesem Jahr beginnen“, fügte er hinzu.
Für die anstehende Zinssitzung am 27. Oktober hält Kazimir einen erneuten XXL-Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten wie im September für angemessen. Weitere Erhöhungen könnten notwendig sein, merkte er an. „Wir werden beim neutralen Zins nicht stoppen, wir müssen weiter durchpowern.“
Die EZB leitete im Juli die Zinswende ein und hat bislang ihre drei Schlüsselzinsen rasch in zwei Schritten um insgesamt 1,25 Prozentpunkte erhöht. Der Leitzins liegt damit inzwischen bei 1,25 Prozent. Und der für die Finanzmärkte derzeit maßgebliche Einlagensatz beträgt aktuell 0,75 Prozent. An den Börsen wird aktuell damit gerechnet, dass der Einlagensatz bis zum Jahresende auf rund zwei Prozent angehoben und dann im Frühjahr 2023 auf rund drei Prozent weiter nach oben gesetzt wird.
Kazaks argumentierte zudem dahingehend, dass Regierungen zwar jetzt mit gezielten fiskalischen Stützungsmaßnahmen den Schwächsten in der Gesellschaft helfen sollten. Aber es bestehe die Gefahr, dass Geldpolitik und Fiskalpolitik auseinanderdriften. „Die Fiskalpolitik darf nicht zum Inflationsdruck beitragen, und das ist ein schmaler Grat“, warnte Kazaks. Finanzpolitik müsse sich ihrer Wirkung bewusst sein. Regierungen müssten den weniger wohlhabenden Teilen der Gesellschaft helfen. „Aber sie dürfen es nicht übertreiben, denn dann werden wir die Zinsen weiter anheben müssen.“ Und dies würde beispielsweise die Risiken für die Finanzstabilität verstärken.
Mehr: Unterschiedliche Ansichten in EZB zum geldpolitischen Kurs