Energiepreise: Vonovia senkt Heizungstemperatur in der Nacht – Wohnungswirtschaft warnt vor Folgen der Energiepreisexplosion
Die Immobilienwirtschaft warnt immer lauter vor drastischen Folgen der steigenden Energiepreise.
Foto: imago images/Christian OhdeFrankfurt. Europas größter Immobilienkonzern Vonovia will zur Verringerung des Gasverbrauchs die Heizungstemperatur der Gas-Zentralheizungen in der Nacht absenken. Die Leistung werde zwischen 23 und 6 Uhr auf nun einheitliche 17 Grad Raumtemperatur reduziert, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.
Die Umstellung der Heiztemperatur soll nach Unternehmensangaben im Rahmen der Routinewartung der Heizungsanlagen vor Beginn der Heizperiode erfolgen. In einem Mieteraushang betonte der Dax-Konzern, das Unternehmen wolle mit diesem Schritt als verantwortungsvoller Vermieter dazu beitragen, Gas einzusparen und die Heizkosten zu begrenzen. Durch die Nachtabsenkung würden bis zu acht Prozent des Heizaufwands eingespart.
Zugleich werden die Warnungen aus der Immobilienbranche wegen der steigenden Energiepreise immer dringlicher. „Die Situation ist mehr als dramatisch, und der soziale Frieden in Deutschland ist massiv in Gefahr“, erklärte der GdW, Spitzenverband der Wohnungswirtschaft, am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz. „Wir sehen hier massiven sozialen Sprengstoff.“ Die steigenden Energiekosten sind aus Sicht des GdW ein weitreichendes Problem, das Mieter wie Vermieter treffen dürfte.
Nach Berechnungen des Verbands, der vor allem Genossenschaften und städtische Wohnungsunternehmen vertritt, aber auch börsennotierte Branchenriesen wie Vonovia, stiegen die Energiepreise über alle Energiearten hinweg bis Mai 2022 um 37 Prozent. Schon das bedeute für einen Einpersonenhaushalt eine Mehrbelastung von 508 Euro im Jahr im Vergleich zu 2021.
Auf das Jahr gerechnet dürften sich die Preissteigerungen jedoch auf zwischen 71 und knapp 200 Prozent belaufen. Dies bedeutete für einen Einpersonenhaushalt eine Mehrbelastung von 1000 bis 2700 Euro im Jahr, bei einem Zweipersonenhaushalt ein Plus von 1400 bis 3800 Euro im Jahr.
Das werde zum einen für viele Mieter zu einem Problem – aber auch für viele Vermieter, befürchtet der GdW. Schließlich müsste der bei der Zahlung der Energiekosten seines Mieters in Vorauslage gehen, und da könne es für manche Vermieter „verdammt schwer“ werden, diese Kosten abzufedern, warnt GdW-Präsident Axel Gedaschko auf der Jahrespressekonferenz. Er erwarte „massive, teils existenzbedrohende Liquiditätsengpässe“.
Der Verband, dessen Mitglieder nach eigenen Angaben etwa 30 Prozent der Mietwohnungen in Deutschland anbieten, schlägt zur Entlastung der Mieter die Einrichtung eines Treuhand-Hilfsfonds vor. Ferner betont er, dass Mieter und Vermieter zusammen über das Thema sprechen müssten.
In diesem Sinne seien auch Meldungen sinnvoll wie die aus dem ostdeutschen Dippoldiswalde: Eine dortige Wohnungsgenossenschaft hatte diese Woche mit der Nachricht für Aufsehen gesorgt, sie werde die Warmwasserversorgung ihrer Mieter einschränken. Bislang scheinen keine anderen Gesellschaften oder Immobilieneigentümer diesem Beispiel zu folgen – aus gutem Grund. Denn „das Vorgehen der Genossenschaft ist rechtlich unzulässig und wäre nur bei ausdrücklichem Einverständnis aller Parteien möglich“, hieß es dazu vom Deutschen Mieterbund in Berlin.
Vonovia senkt Heizungsleistung für nachts
Gleichzeitig kündigte am Donnerstag der Wohnungskonzern Vonovia seine Energiesparmaßnahme an: „Um möglichst viel Gas in unseren Beständen einzusparen, führen wir eine Nachtabsenkung der Heizungstemperatur bei den Gas-Zentralheizungen ein“, bestätigte ein Unternehmenssprecher den Schritt, über den zuvor die „Bild“-Zeitung berichtet hatte.
Tagsüber und in den Abendstunden könnten die Mieter weiter wie gewohnt heizen. Monteure nähmen die Änderungen in den kommenden Monaten vor, dies habe gerade erst begonnen.
Die Warmwasserversorgung sei nicht betroffen: „Hier gibt es keine Einschränkungen beim Duschen oder Baden.“
Europas größter Wohnungskonzern hat eine Energiesparmaßnahme bei seinen Mietern angekündigt.
Foto: imago images/Ina FassbenderMehr als die Hälfte der Heizungen in den über 500.000 Wohnungen an rund 400 Standorten in Deutschland werden nach Angaben des Dax-Konzerns mit Gas versorgt.
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte sich kürzlich schon für bewussteres Heizen ausgesprochen und eine gesetzliche Änderung der Heizvorschriften. „Im Mietrecht gibt es Vorgaben, wonach der Vermieter die Heizungsanlage während der Heizperiode so einstellen muss, dass eine Mindesttemperatur zwischen 20 und 22 Grad Celsius erreicht wird. Der Staat könnte die Heizvorgaben für Vermieter zeitweise senken. Darüber diskutieren wir mit der Politik“, sagte Müller der „Rheinischen Post“. Es sei wichtig, so viel Gas zu sparen wie möglich, um über den nächsten Winter zu kommen.
Absenkung der Mindesttemperaturen nur für den absoluten Ernstfall einer Gasmangellage
Auch beim GdW hält man eine Absenkung der rechtlich geforderten Mindesttemperatur beim Heizen für begrüßenswert: Für den Ernstfall einer Gasmangelsituation sei es sinnvoll, den Rechtsrahmen so anzupassen, dass ein Absenken der Mindesttemperatur auf eine maximale Untergrenze von 18 Grad tagsüber und 16 Grad nachts möglich wäre, hieß es. Eine solche Absenkung der Mindesttemperaturen komme allerdings tatsächlich nur für den absoluten Ernstfall einer Gasmangellage infrage.
Wie der Mieterverein Köln auf seiner Website informiert, muss der Vermieter im Sommer immer dann heizen, wenn die Außentemperatur drei Tage lang weniger als 12 Grad beträgt. Ist es nur mal einen Tag kühl, dann ist dies nicht erforderlich, da sich die Innenraumtemperatur in der Regel einige Tage hält. Je nach Raum müssen mindestens 20 Grad Celsius erreicht werden. Nachts darf die Temperatur 18 Grad Celsius nicht unterschreiten. Weigert sich der Vermieter, die Heizung anzuschalten, kann der Mieter die Miete kürzen.
Die Ideal- beziehungsweise Maximaltemperatur beträgt dem Mieterverein zufolge für die Wohnräume 20 bis 22 Grad, für die Küche 18 bis 20 Grad, das Schlafzimmer 16 bis 18 Grad und Badezimmer bis maximal 23 Grad. Die Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad spare sechs Prozent der Heizenergie.