Immobilienmesse: Das erwarten Branchenexperten von der Mipim
Cannes ist in den nächsten Tagen die Kulisse für die Mipim. Mehr als 20.000 Besucher haben sich nach Angaben des Veranstalters bereits für die Teilnahme registriert.
Quelle: Imago
Foto: HandelsblattHeute öffnet die Mipim in Cannes ihre Pforten. Nachdem in den vergangenen beiden Jahren pandemiebedingt nur deutlich abgespeckte Veranstaltungen stattgefunden hatten, soll die aktuelle Immobilienmesse wieder an die Zeiten vor Corona anknüpfen. Viele internationale Gäste haben sich angekündigt.
Zwar dürften noch nicht so viele Besucher wie 2019, der letzten Auflage vor der Pandemie, an die Côte d’Azur kommen. Doch laut Messeveranstalter RX haben sich bereits mehr als 20.000 Gäste registriert. Das sind noch deutlich weniger als die gut 26.000 vor drei Jahren, aber auch viel mehr als die etwa 4.200 auf der zweitägigen Mini-Auflage vergangenen September.
Aus Deutschland präsentieren sich laut Messehomepage etwa 230 Aussteller auf der Mipim, darunter neben vielen Firmen auch Städte wie Berlin, Hannover, Leipzig, Stuttgart und Köln. Das ist ein Anteil von etwa 13 Prozent an allen Ausstellern. Zudem stellt Deutschland laut RX die drittgrößte Besuchergruppe nach Frankreich und Großbritannien.
Der Krieg in der Ukraine und dessen Folgen für die Branche dürfte ein allgegenwärtiges Thema sein, sind doch bereits direkte Auswirkungen auf die Veranstaltung deutlich: Weder Aussteller noch Besucher aus Russland kommen dorthin.
Welche weiteren Themen bestimmen das Messegeschehen? Mit welchen Erwartungen reisen Immobilienprofis nach Cannes? Und wird die Messe künftig wieder zu alter Größe zurückfinden? Handelsblatt Inside Real Estate hat im Vorfeld der Mipim Immobilienprofis nach ihren Einschätzungen dazu befragt.
Mit welchen Erwartungen fahren Sie zur diesjährigen Mipim?
Vor dem Angriff des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Ukraine hat sich Stefan Spilker, Geschäftsführer Soravia Deutschland, auf die Mipim gefreut. Die Immobilienbranche sei mit Ausnahme einiger Assetklassen „im Vergleich zu anderen Branchen relativ stabil durch die Coronakrise geglitten“. Die Aussicht auf eine angenehme Stimmung unter der Frühlingssonne am Mittelmeer war deshalb bis dahin gut. „Nun sind wir aber mit einer anderen Situation in Europa konfrontiert, und ich denke, dass dieses Thema auch alle Besucher der Mipim beschäftigen wird.“
Dennoch sei nach den vielen reduzierten persönlichen Treffen in den vergangenen zwei Jahren die Freude über den Austausch mit internationalen Geschäftspartnern groß, sagt Nikolai Mader, Head of Investment Management bei Hansainvest Real Assets. Er dürfte damit für viele Aussteller und Besucher der Messe sprechen. 70 bis 80 Prozent seiner Gesprächspartner kenne er bereits, „doch es ergeben sich auch immer wieder spannende neue Kontakte“. Für Mader und sein Team in Cannes stehen die Produkte und das Sourcing möglicher Ankäufe im Vordergrund. „Daneben beobachten wir aber auch immer eng aktuelle Markttrends und Best Practices der Branche.“
Geht die Erwartung von Jörn Stobbe, Geschäftsführer Becken Holding, und Gunnar Gombert, Head of Sales & Business Development bei JLL, in Erfüllung, dürfte es auf jeden Fall mehr Gespräche als im vergangenen Jahr geben. So erwartet Gombert, dass die Messe „deutlich stärker besucht wird als im vergangenen Jahr“, auch wenn „bei zahlreichen Unternehmen, insbesondere bei jenen in Konzernstrukturen, weiterhin Zurückhaltung“ herrsche. Stobbe hofft, dass sich wertvolle Kontakte ergeben, „die uns bei dem Vorhaben, den Investment- und Immobilienbereich weiter auszubauen, potenziell unterstützen können“.
Welche Themen werden die bestimmenden auf der Messe sein?
Die Folgen des Kriegs dürften die Gespräche auf der Messe bestimmen, sind sich die befragten Experten einig. Das Geschehen dort „wird nicht nur branchenspezifisch bei Themen wie Finanzierungen mitschwingen, sondern wirft auch Fragen allgemeiner Natur wie die nach der Entwicklung Europas und unserem Sicherheitsgefüge auf“, sagt Soravia-Geschäftsführer Spilker.
Eng damit verbunden ist laut Mader von Hansainvest Real Assets neben der Frage der Zinsentwicklung die Aussicht auf generell steigende Kosten. „Nicht nur Fremdkapital-, sondern auch Baukosten sind ja zuletzt spürbar gestiegen.“
Darüber hinaus dürften die Dauerbrenner-Themen auf der Messe diskutiert werden. Dazu zählen die befragten Experten die Digitalisierung und natürlich ESG beziehungsweise Nachhaltigkeit. Spilker ist davon überzeugt: „In fünf Jahren werden sie kein Gebäude einfach abreißen und ersetzen können, ohne einen ausführlichen Bericht über CO2-Bilanzen et cetera vorzulegen.“
Für den Soravia-Geschäftsführer spielen zudem die Zukunft der Büros und der künftige Flächenbedarf in dieser Assetklasse eine wichtige Rolle. In Zeiten von Homeoffice und digitaler Tools, die die Zusammenarbeit über eine Distanz erleichtern, hätten sich die Ansprüche der Arbeitnehmer verändert. „Viele werden auch nach der Pandemie von zu Hause aus oder remote arbeiten wollen. Daher werden wir uns viel mit der Frage beschäftigen: Was bedeutet das für die Lage, Ausstattung, Größe und Bedeutung der Büros und die Investments in dem Segment?“
Nicht zuletzt gibt es noch die Pandemie, auch wenn deren Folgen seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine deutlich in den Hintergrund geraten sind. Zwar sei die Erholung sehr weit gediehen, betont Mader, aber „nach wie vor sind wir als Branche davon natürlich betroffen“.
Sind Sie wieder mit der vor der Pandemie üblichen Mannschaftsstärke in Cannes vertreten?
Ob es vertretbar ist, sich mitten in der Pandemie in ein Messegetummel zu stürzen, sorgt seit zwei Jahren für Diskussionen. Während manche Unternehmen von vornherein den Besuch großer Veranstaltungen absagen, nehmen andere unter den jeweils geltenden Hygienebestimmungen an Mipim, Expo Real und anderen großen Branchentreffen teil, wenn auch oft mit deutlich dezimiertem Team.
Dieses Bild zeigt sich auch jetzt: JLL ist in diesem Jahr mit etwa 200 Kolleginnen und Kollegen in Cannes vertreten. Damit sind das laut Gombert immer noch etwas weniger als 2019, „jedoch wieder deutlich mehr als im vergangenen Jahr“. Auch die Mitarbeitenden von Universal Investment kommen in etwas geringerer Zahl zur Messe als vor Corona. Hansainvest Real Assets ist mit sechs Personen vor Ort – und damit mit derselben Zahl an Kollegen wie seit jeher. Von Soravia reisen wie immer die Geschäftsführer an die Côte d’Azur.
Wird die Mipim nach den Mini-Ausgaben 2019 und 2020 künftig wieder an die Veranstaltungen aus der Vor-Corona-Zeit anknüpfen?
Die aktuelle Auflage der Messe dürfte mit Blick auf Besucher- und Ausstellerzahl noch kleiner ausfallen als die von 2019 und davor. Das zeigen nicht nur die Angaben des Veranstalters, sondern auch die Einschätzungen der Branchenvertreter: „Wir erwarten nicht, dass die Messe in diesem Jahr zu gewohnter Größe zurückkehrt“, sagt Kurt Jovy von Universal Investment. „Mittelfristig ist dies aber durchaus denkbar.”
Soravia-Geschäftsführer Spilker hat nur von wenigen Unternehmen gehört, die nicht erscheinen. „Ich rechne mit bis zu 80 Prozent der präpandemischen Besucherzahlen und mit entsprechend guten Gesprächen und Geschäften.“
Auf jeden Fall scheinen die Besucher die persönlichen Treffen zu schätzen: „Unsere Kalender sind ausgebucht, entsprechend erwarten wir Besucher und Programm wie vor Corona“, sagt Mader von Hansainvest Real Assets. Doch ganz so unbeschwert wie früher dürfte die Stimmung nicht sein. Gombert findet, es gibt „weniger Veranstaltungen als die Jahre zuvor – auch abseits der Messe“.