Neuemission: Fast 50 Prozent Kursgewinn: Exasol gelingt erster Börsengang des Jahres 2020 in Frankfurt
Exasol-CFO Michael Konrad (l.CF) und CEO Aaron Auld posieren vor Börse Frankfurt.
Foto: MAXIMILIAN VON LACHNER/EPA-EFE/ShutterstockFrankfurt. Premiere im Jahr 2020: Erstmals hat es ein Unternehmen auf das Frankfurter Börsenparkett geschafft. Der Nürnberger Datenbankanbieter Exasol ließ sich von der Coronakrise nicht abschrecken.
Vorstandschef Aaron Auld sprach von einer „Achterbahnfahrt der Gefühle“. Nachdem der ursprünglich für März geplante Emissionstermin durch die Pandemie verschoben werden musste, erreichte das Unternehmen jetzt einen außergewöhnlichen Erfolg. Die Aktien starteten bei 14 Euro und damit fast 50 Prozent über dem Ausgabepreis von 9,50 Euro. Trotzdem hätte Auld gern mit seinen 150 Mitarbeitern, wie im Fall des Softwarekonzerns Teamviewer im vergangenen Jahr, den Börsengang auf dem Frankfurter Parkett gefeiert. In Zeiten der Kontaktsperren ist das nicht möglich.
Exasol und der norwegische Videokonferenz-Anbieter Pexip, der vor wenigen Tagen an der Börse debütiert hatte, entschieden sich für neue Wege, um Investoren zu überzeugen: eine virtuelle Roadshow. Pexip-Chef Odd Sverre Ostlie bezeichnete die ungewöhnliche Art der Firmenpräsentation als „super effizient“.
Nachdem sich Exasol im Februar bei vielen potenziellen Investoren vorgestellt hatte, „orchestrierten wir jetzt innerhalb weniger Tage 72 Investorenmeetings über den Videokonferenz-Anbieter Zoom“, sagt Auld. Er hält diese Form der Kommunikation für zukunftsträchtig und umweltschonend. Vor der Pandemie sah das anders aus. In der Regel fanden Treffen zwischen dem Börsenkandidaten und den Investoren dreimal vor der Emission statt.
Virtuelle Roadshows, wie sie jetzt Exasol und Pexip vorexerziert haben, könnten schon bald Schule machen. Das zeigt eine Umfrage der Berenberg Bank. „In Zeiten von Homeoffice und Video-teffen reicht es, wenn sich Börsenkandidat und Investor einmal direkt treffen“, meint Bastian Schiedat, Chef für Aktienemissionen in Europa bei der Berenberg Bank. Bei Pexip hat es offensichtlich geklappt. Die Aktie notiert mehr als 50 Prozent über dem Ausgabekurs von 63 norwegischen Kronen (umgerechnet 5,54 Euro).
Exasol brachte der Börsengang im Wachstumssegment Scale der Frankfurter Börse insgesamt 87,5 Millionen Euro. Wegen der großen Nachfrage nach Exasol-Aktien konnte das Auftragsbuch einen Tag vor dem offiziellen Ende der Platzierungsfrist geschlossen werden.
Über 40 Prozent der Aktien gingen laut Finanzkreisen nach Großbritannien, etwa 35 Prozent in den deutschsprachigen Raum. Die staatseigene KfW hat sich aus dem Kreis der Aktionäre verabschiedet. Andere Investoren verkleinerten ihr Engagement, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden.
Vom Gesamterlös des Konzerns aus dem Börsengang gehen 48,45 Millionen Euro an das Unternehmen selbst. Exasol will damit das weitere Wachstum finanzieren und Forschung und Entwicklung vorantreiben. An den Wachstumsraten von 25 Prozent jährlich möchte die Firma zumindest festhalten. Exasol bietet eine Analysedatenbank an und steht in Konkurrenz zu bekannten Namen wie Oracle, Microsoft und IBM.
Nach eigenen Angaben zählen Konzerne wie der Sportartikelhersteller Adidas, das Computerunternehmen Dell, der Mobilfunkkonzern Vodafone und der Mode-Onlinehändler Zalando zu den Kunden. Im vergangenen Jahr erzielte das im Jahr 2000 gegründete Technologieunternehmen einen Umsatz von 21,6 Millionen Euro. Der Verlust im gleichen Zeitraum belief sich auf 14 Millionen Euro.
Emissionsgeschäft zieht wieder an
Vor Exasol haben in Deutschland die Börsenkandidaten den Gang auf das Parkett wegen der Coronakrise gescheut. Dafür verantwortlich waren unter anderem logistische Hürden wie Ausgangssperren, Reisebeschränkungen und die sich hinziehenden Genehmigungsprozesse für die Börsenprospekte durch die Aufsichtsbehörden. Das hat sich in Europa inzwischen geändert. Unternehmen trauen sich – anders als in Deutschland –, selbst größere Transaktionen wieder zu starten.
Zuletzt ist das Geschäft mit Aktienplatzierungen und Initial Public Offerings (IPO), wie die Kapitalmarktprofis Börsengänge nennen, in Europa wieder deutlich angezogen. Trotz des durch einen Feiertag verkürzten Handels in der vergangenen Woche nutzten besonders viele britische Firmen den Kapitalmarkt.
Die Berenberg Bank begründet das mit den Plänen britischer Unternehmen, ihre Bilanz zu stärken, Schulden zu reduzieren und die Liquidität in der eigenen Aktie zu erhöhen. Das gelte vor allem für Konzerne aus dem Reise- und Tourismusbereich wie On the Beach, Dart Group und Time Out Group. Obwohl das Volumen vergangene Woche in Europa leicht gefallen sei, habe es die Marke von 50 Milliarden Euro im laufenden Jahr überschritten und liege damit neun Prozent über dem Vorjahr.
Hürde Kursausschläge
Ein weiterer zentraler Punkt bei Neuemissionen sind die Kursschwankungen an der Börse. Die Schwankungen, auch Volatilität genannt, sind das entscheidende Maß für die Chancen für eine gute Aufnahme von Börsenkandidaten.
Gemessen wird die Volatilität mit einem eigenen Index, dem sogenannten Vix: je höher der Stand, desto heftiger die Kursausschläge. Nach den Turbulenzen zu Beginn der Pandemie haben sich die Märkte inzwischen zwar deutlich beruhigt, aber die Volatilität ist noch immer zu spüren. „Der Vix hat sich seit Mitte März von 85 auf knapp über 30 mehr als halbiert, die Tendenz ist weiter fallend“, konstatiert Stefan Weiner, der bei JP Morgan das deutsche Aktienemissionsgeschäft leitet.
In den vergangenen 20 Jahren kamen allerdings 86 Prozent der europäischen Börsengänge bei einem Vix unter 20 an den Markt. Im vergangenen Jahrzehnt lagen die Kursschwankungen sehr niedrig – teilweise einstellig – wegen des vielen Kapitals, das nach lukrativen Anlagen suchte. Auch jetzt lägen die Barreserven der Großinvestoren mit fünf bis zehn Prozent ungewöhnlich hoch, betont Berenberg-Banker Schiedat. Das erhöhe den Anlagedruck. Normalerweise liege die Cash-Quote bei null bis drei Prozent. Für einen Erfolg an der Börse muss allerdings die Branche des Emittenten stimmen.
Das zeigt ein Blick auf die IPOs im vergangenen Jahr. Während der Softwarekonzern Teamviewer mit über 70 Prozent im Plus liegt, büßte etwa die Lkw-Tochter des Volkswagen-Konzerns, Traton, rund 50 Prozent ein. Ähnlich sieht es beim Online-Modehändler Global Fashion Group aus.