Staatsanleihen: Die Märkte wappnen sich für die neuen EU-Anleihen
Die EU dürfte in den kommenden Jahren für Hunderte Milliarden Euro eigene Anleihen ausgeben.
Foto: dpaFrankfurt. Die Europäische Union (EU) ist an den Anleihemärkten ein unbedeutender Akteur – bisher. Derzeit hat die EU als Organisation Anleihen mit einem Volumen von rund 52 Milliarden Euro ausstehen. Ein großer Teil der Papiere liegt bei der EZB und wird kaum gehandelt. Zum Vergleich: Deutschland, das größte EU-Mitglied, hat Anleihen in Höhe von über 1,3 Billionen Euro ausstehen.
Doch die EU könnte schon bald zu einem einflussreichen Player aufsteigen: Grund dafür ist der Wiederaufbaufonds, den die EU im Kampf gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf dem Kontinent auflegen möchte. 750 Milliarden Euro will die Union über Transfers und Kredite zu den Mitgliedstaaten lenken. Profitieren sollen vor allem jene Staaten, die von Corona am härtesten getroffen wurden. EU-Ratspräsident Charles Michel forderte im April nichts Geringeres als einen „Marshallplan“ für die EU, es seien „beispiellose Investitionsanstrengungen“ nötig.
Noch gibt es keine Einigung unter den 27 Mitgliedstaaten über den Umfang und die Finanzierung der Hilfen. Doch ein 100 Milliarden Euro schweres Nothilfeprogramm zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit hat die EU bereits auf den Weg gebracht. Auch das soll über Anleihen refinanziert werden. Insgesamt beziffern die Analysten der Commerzbank das nötige Refinanzierungsvolumen der EU in den kommenden Jahren auf 900 Milliarden Euro, sollten sich die EU-Mitgliedstaaten auf die aktuellen Entwürfe der EU-Kommission einigen können.
Allein zwischen 2021 und 2024 könnte die EU jedes Jahr neue Anleihen mit einem Volumen von 110 Milliarden Euro begeben, erwarten die Commerzbank-Experten. Damit würde die EU quasi über Nacht zum größten supranationalen Emittenten der Euro-Zone aufsteigen. Das ist bisher die Europäische Investitionsbank (EIB).
Schlüsselrolle der EZB
Das ist umso bemerkenswerter, als die EU dem „Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union“ zufolge gar keine externen Schulden aufnehmen darf. Die Union muss eigentlich mit dem auf fünf Jahre festgelegten Finanzrahmen auskommen. Eine Aufnahme von Schulden, für die schlussendlich alle Mitgliedstaaten gemeinsam haften, ist in den EU-Verträgen nicht vorgesehen.
Lediglich eine Ausnahmeregelung erlaubt, „im Geist der Solidarität“, direkte Transfers zu Mitgliedstaaten, wenn diese beispielsweise von einer Naturkatastrophe getroffen wurden. Die derzeit ausstehenden EU-Anleihen sind auf der Grundlage dieser Ausnahme begeben worden. Und sie könnte auch herhalten, um die neuen EU-Schulden zu begründen, erwarten die Commerzbank-Strategen.
Die Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s bewerten die EU ebenso wie Deutschland mit Dreifach-A. Ein Ausfall der Anleihen ist damit nahezu ausgeschlossen. Dennoch dürfte die Rendite leicht über der von Bundesanleihen liegen, weil die europäischen Zinspapiere vor allem zu Beginn weniger leicht handelbar sind.
Bei der Finanzierung des Wiederaufbaufonds dürfte einmal mehr die Europäische Zentralbank eine entscheidende Rolle spielen. Denn die Ankaufslimits sind für supranationale Emittenten großzügiger. Die EZB darf bis zu 50 Prozent einer Anleihe halten, nicht 33 Prozent, wie sie bei Mitgliedstaaten und Unternehmen gelten. Die EZB dürfte daher der wichtigste Käufer der neuen Papiere werden.
Eine Sorge vieler Investoren zerstreut die neue Flut europäischer Anleihen zumindest: Vor Corona befürchteten viele, dass sichere Wertpapiere wie Bundesanleihen angesichts der Anleihekäufe der EZB knapp werden könnten. Mit dem steigenden Emissionsvolumen in Deutschland und Europa dürfte diese Sorge vom Tisch sein.