Edelmetall: Silberpreis gibt nach Rally am Vortag nach – Nachfrage ist jedoch ungebrochen hoch
Der US-Börsenbetreiber CME hat die Sicherheitsleistung erhöht.
Foto: dpaZürich. Auf den massiven Preissprung der vergangenen Tage folgt die Ernüchterung: Nachdem der Silberpreis zu Wochenbeginn kurzzeitig über die Marke von 30 Dollar pro Feinunze gesprungen war, hat er am Dienstag um rund fünf Prozent nachgegeben. Die Nachfrage nach dem Metall bleibt jedoch hoch.
Der größte Silber-Indexfonds, der „iShares Silver Trust“, verzeichnete auch am Montag noch Zuflüsse von mehr als 500 Millionen Dollar. Anleger hatten am Freitag den Rekordbetrag von 943 Millionen Dollar in das Produkt investiert. Die bekannten Bestände von Silber-ETFs stiegen den Rohstoffexperten der ING zufolge allein am Montag um 35 Millionen Unzen – also knapp 1100 Tonnen Silber. Das entspricht etwa drei Prozent der jährlichen Minenproduktion.
Analysten der Bank of America zufolge halten die Silber-ETFs schon jetzt 84 Prozent des Metalls, das in den offiziellen Tresoren des Branchenverbandes London Bullion Market Association (LBMA) lagert. Giovanni Staunovo, Chefanalyst für Rohstoffe bei der Großbank UBS, erwartet, dass die Überproduktion am Silbermarkt im Jahr 2021 200 Millionen Unzen betragen wird. Doch diese von der Industrie nicht nachgefragte Menge werde ohne Weiteres von der starken Investorennachfrage absorbiert.
Auch Edelmetallhändler in Deutschland berichten von weiterhin großem Anlegerinteresse. So heißt es beim Händler Pro Aurum: „Auch am Dienstag ist die Nachfrage nach physischem Silber noch deutlich erhöht.“ Die Folge: Die Aufschläge bei vielen Münzen sind bereits deutlich gestiegen. Einige Münzen können nur noch in großen Paketen verkauft werden, um die Bearbeitung der Orders zu beschleunigen.
Und Besserung sei nicht in Sicht, so ein Pro-Aurum-Sprecher: „Der Nachschub fehlt. Unsere wichtigsten Silberbarren-Produzenten sind für den Februar nahezu ausverkauft, und mit einer kurzfristigen Erholung auf der Angebotsseite ist nicht zu rechnen.“
Ein Grund dafür, dass der Silberpreis dennoch fällt, dürfte eine Maßnahme der CME gewesen sein. Der US-Börsenbetreiber hat angekündigt, die Sicherheitsleistung, mit der Händler Silber-Futures handeln können, zu erhöhen. Die Einschränkung begründete die CME mit der erhöhten Volatilität am Silbermarkt. Dieser Schritt verteuert jedoch gehebelte Wetten auf steigende oder fallende Silberpreise.
Das trifft auch den Optionsscheinmarkt: Denn viele der Wertpapiere basieren auf Silber-Futures. Am Montag war das Volumen im Handel mit Silber-Optionsscheinen laut Daten des Finanzdienstes Bloomberg auf den höchsten Stand der Historie gestiegen.
Verschiedene Aufrufe im Forum
Nach der Rekordjagd der vergangenen Tage treibt viele Marktbeobachter die Frage um, was den beispiellosen Run auf Silber ausgelöst hat. In vielen Medienberichten – auch im Handelsblatt – wurde auf Postings auf der Anlegerplattform Reddit verwiesen. Ein viel kommentierter und geteilter Beitrag lieferte Ende vergangener Woche eine Blaupause für den Silber-Hype, inklusive der Anleitung, sowohl Optionsscheine als auch Silber-ETFs und physisches Metall zu kaufen.
Allerdings wurde die Startseite des Reddit-Forums „Wall Street Bets“ von Aufrufen dominiert, bloß nicht bei der Gamestop-Aktie auszusteigen. Zahlreiche Nutzer warnten vor der Silberwette. Einige sahen in dem Aufruf, Silber zu kaufen, den Versuch, von der Treibjagd auf die Shortseller bei Aktien wie Gamestop abzulenken. In anderen, weniger frequentierten Unterforen von Reddit gab es jedoch auch Appelle von Edelmetall-Fans, an einem Strang zu ziehen und sowohl auf Silber als auch auf Gamestop zu wetten. Der Autor der Blaupause für den Silber-Run betonte in einem Update ebenfalls, nicht von der Gamestop-Wette ablenken zu wollen.
Für Unmut in der Trader-Community sorgte die Erkenntnis, dass viele Hedgefonds von steigenden Silberpreisen profitieren. Plattformen wie „Whalewisdom“ lesen Daten der US-Börsenaufsicht SEC aus und veröffentlichen, in welchen Finanzprodukten die US-Vermögensverwalter und Hedgefonds investiert sind. Darin zeigt sich etwa, dass der in den Fokus geratene Hedgefonds Citadel zu den größten Anteilseignern des „Silver Trust“ gehört. Auch die Trading-Firma CTC, die Investmentbank RBC sowie die Großbanken UBS, Credit Suisse und JP Morgan gehören den SEC-Daten zufolge zu den größten Investoren.
Die Daten zeigen jedoch auch: Hedgefonds wie Citadel sowie die Großbanken halten sowohl Call-Optionen, die von steigenden Silberpreisen profitieren, als auch Put-Optionen, die bei fallenden Preisen an Wert zulegen – und einfache Anteile am iShares Silver Trust. Sie verwalten die Wertpapiere treuhänderisch für ihre Kunden.
Besondere Struktur der Terminmärkte
Daten von Plattformen wie „Whalewisdom“ können daher in die Irre führen: Sie geben nicht unbedingt Auskunft über die Positionierung der Großbanken am Silbermarkt, sondern eher über die Positionierung ihrer Kunden. Zudem werden die SEC-Daten quartalsweise mit einigem Zeitverzug veröffentlicht: Die jüngsten verfügbaren Daten sind vom Jahresende 2020 und beziehen sich auf das dritte Quartal 2020.
Dass spekulative Finanzinvestoren wie Hedgefonds von steigenden Silberpreisen jedoch tendenziell profitieren, liegt an der Struktur der Silber-Terminmärkte. Dort sichern sich kommerzielle Akteure wie Minen oder Industriebetriebe, die Silber halten, über Short-Positionen am Terminmarkt ab. Die Finanzinvestoren nehmen den kommerziellen Anbietern das Risiko ab, dass der Silberpreis fällt. Dafür profitieren sie überproportional von steigenden Silberpreisen.
Der Silbermarkt gehört zu den volatilsten Segmenten im Rohstoffmarkt, bestätigt auch UBS-Stratege Staunovo: „Hier können sich schnell selbst erfüllende Prophezeiungen entwickeln.“ Die vergangenen Tage waren ein weiterer Beleg für die Volatilität.