Edelmetalle: Mangelware Gold: Nachschub aus der Schweiz gerät ins Stocken
Physisches Edelmetall ist in Deutschland aktuell Mangelware.
Foto: dpaFrankfurt. Der Schweizer Kanton Tessin hat wegen des Coronavirus sämtliche als „nicht kritisch“ eingestuften Industriebetriebe geschlossen. Darunter fallen auch drei der größten Goldbarrenhersteller der Welt.
Wie das Unternehmen Argor-Heraeus mitteilte, werde die Produktion am Standort in Mendrisio bis Anfang April ruhen. Auch Valcambi im benachbarten Balerna will bis Ende März die Produktion einstellen, wie eine Sprecherin bestätigte. Ebenfalls betroffen ist die Raffinerie Pamp in Castel San Pietro.
Schätzungen auf der Grundlage der Schweizer Zollstatistik zufolge wird rund 70 Prozent des weltweit geförderten Goldes in der Schweiz weiterverarbeitet. Drei der fünf großen Schweizer Barrenhersteller sitzen im Tessin, dem italienischsprachigen Teil der Schweiz. Der Kanton hatte wegen seiner Nähe zu den Corona-Krisengebieten in Italien ebenfalls strenge Maßnahmen im Kampf gegen das Virus eingeführt.
Dadurch dürften die Lieferketten der Goldbranche weiter durcheinandergewirbelt werden. Bereits vergangene Woche mussten die Schweizer Barrenhersteller Lieferengpässe einräumen, weil zahlreiche Mitarbeiter in Italien wohnen und der Grenzverkehr extrem eingeschränkt wurde. Zudem hatte es Verzögerungen bei den Werttransporten gegeben, die deutsche Händler mit Gold aus der Schweiz beliefern.
Zahlreiche Goldhändler in Deutschland waren daher schon vergangene Woche praktisch ausverkauft oder verlangten von ihren Kunden Wartezeiten von bis zu zehn Tagen. Auch waren zuletzt die Aufgelder für Barren und Münzen, also der Aufpreis für physisches Edelmetall gegenüber dem Weltmarktpreis, deutlich gestiegen. Beides dürfte sich nun verschärfen, erwartet Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte bei der Schweizer Bank UBS. „Die Prämien für physisches Edelmetall werden weiter steigen.“
Wegen des Ausverkaufs am Aktienmarkt ist die Nachfrage nach physischem Edelmetall groß. Viele Internetshops waren überlastet. Auch international ist die Nachfrage groß: Der Zufluss in goldgedeckte Indexfonds hat zuletzt ein Rekordniveau erreicht. Doch Barren und Münzen werden kurzfristig Mangelware in Deutschland, erwartet auch Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Edelmetallexperte beim Beratungshaus Fragold. „Man kommt im Moment an Gold nicht ran“, sagt er.
Hohe Aufgelder
Das liege nicht nur an den Engpässen in den Schweizer Raffinerien. Auch die australische Münze, die staatliche Münzprägeanstalt, hatte am Wochenende angekündigt, die Produktion einzustellen. Wrzesniok-Roßbach geht davon aus, dass auch die südafrikanische Rand Refinery, Hersteller des Krügerrands, dem Beispiel folgen wird: „Der Produktionsstopp gilt dann fast weltweit.“
Wie schwer es bereits heute ist, an Gold zu kommen, lässt sich auf den Webseiten der großen Händler ablesen. Pro Aurum aus München hat die Kunden am Montag informiert, den Onlineshop bis Mittwoch zu schließen und auch dann nur noch ein „stark eingeschränktes“ Sortiment liefern zu können.
Grund dafür sei, dass der Wertlogistiker Prosegur, der Warenauslieferungen ab 25.000 Euro übernimmt, seine Lieferungen an Privatpersonen bis auf Weiteres gestoppt habe. Auch die Degussa Goldhandel teilt auf ihrer Webseite mit, dass Aufträge über 25.000 Euro nicht mehr angenommen würden, weil der Werttransport zu den Kunden nicht möglich sei.
Das Chaos in der Logistik und die Engpässe haben daher die Aufgelder in den wenigen Internetshops, die überhaupt noch liefern können, in die Höhe getrieben. Diese erreichen bei einigen Produkten mitunter 30 Prozent, so Wrzesniok-Roßbach. Er rät Anlegern daher aktuell vom Kauf physischer Edelmetalle ab. Angesichts der Aufgelder muss der Goldpreis deutlich steigen, damit sich der Kauf zu den aktuellen Konditionen nicht als Verlustgeschäft entpuppt. Vielmehr sollten Anleger abwarten, bis sich die Lage am physischen Edelmetallmarkt entspannt.
Mittelfristig dürfte der Goldpreis zwar steigen. Dafür spricht neben der extrem lockeren Notenbankpolitik auch die steigende Staatsverschuldung. Niedrige Zinsen und Schutz vor Inflation gelten als Hauptargument für den Goldkauf. Dennoch lohnt es sich aus Sicht von Wrzesniok-Roßbach nicht, bei der Goldknappheit in eine Kaufpanik zu verfallen und trotz hoher Aufgelder Edelmetall zu kaufen. Wie so oft an den Finanzmärkten dürfte sich Geduld für die Anleger auszahlen.