Öl-Kartell: Was der Zoff bei der Opec für den Ölpreis bedeutet
Frankfurt. Es war eine überraschende Volte: Kurzfristig verschob das mächtigste Ölkartell der Welt, die Opec plus, eine für das Wochenende geplante Sitzung. Eigentlich sollte es auf dem Treffen um erneute Förderkürzungen gehen. Doch offensichtlich herrscht keine Einigkeit unter den Mitgliedstaaten.
Die Zusammenkunft wurde nun für kommenden Donnerstag angesetzt, heißt es in einer knappen Mitteilung, die die Ölallianz auf ihrer Website veröffentlichte. Gründe für die Verschiebung des Termins wurden offiziell nicht genannt. Doch die Investoren reagierten alarmiert: Der Ölpreis fiel deutlich und bleibt am Donnerstag unter Druck.
Welche Folgen hat der neue Zoff nun für die weitere Preisentwicklung? Und weshalb ist der Streit ausgebrochen? Darum geht es beim Opec-Konflikt wirklich.
1. Wie entwickelt sich der Ölpreis weiter?
Der Ölpreis sackte, nachdem das Treffen verschoben wurde, zunächst um fünf Prozent ab. Denn die Unruhe im Ölkartell weckt Erinnerungen an den März 2020. Damals gelang es Saudi-Arabien nicht, Russland dazu zu bewegen, eine Kürzung der Ölproduktion mitzutragen, um den pandemiebedingten Preisverfall einzudämmen. Es kam zu einem Preiskampf: Das Königreich flutete den Markt mit Öl, der Preis stürzte ab.
Doch Analysten bezweifeln, dass sich dieser Preiskampf erneut wiederholt, zumal die gemeinsame Produktion von opponierenden Staaten wie Angola und Nigeria nur rund neun Prozent der Gesamtförderung der Opec ausmacht.
Die Verschiebung des Treffens „steigert das Drama, wahrscheinlich nicht das Ergebnis“, schreiben etwa Analysten von Citigroup in einem Kommentar. Es wird erwartet, dass Saudi-Arabien seine freiwillige Kürzung, die es seit Juli monatlich verlängert, bis 2024 beibehält, während andere Mitglieder sich im Allgemeinen dazu verpflichten, bestehende Quoten bis zum nächsten Jahr einzuhalten.
Womöglich möchte Saudi-Arabien mit der Verzögerung des Treffens Stärke demonstrieren, wie Bjarne Schieldrop, Chefanalyst für Rohstoffe bei SEB, gegenüber der „Financial Times“ erklärt: „Saudi-Arabien trägt, mit ein wenig Hilfe von Russland, den gesamten Markt.“ Daher müsse der Wüstenstaat sicherstellen, dass sich alle Opec-Mitglieder schmerzlich bewusst seien, dass Saudi-Arabien die Produktion auch einseitig wieder erhöhen könne.
Würden sich nun die Opec und die zehn Staaten, die mit dem Ölkartell kooperieren (Opec plus), jedoch nicht einigen, könnte das also zu weiter sinkenden Ölpreisen führen – vor allem, wenn Saudi-Arabien seine freiwilligen Kürzungen als Reaktion zurückziehen würde.
Investoren haben sich daher nun vorsichtig positioniert: Am Mittwoch erreichte laut Daten von ICE Futures Europe der Handel mit Verkaufsoptionen für Brent-Rohöl ein nie da gewesenes Volumen.
2. Worum geht bei dem Streit?
Förderkürzungen bedeuten für die Länder weniger Einnahmen als geplant – das stößt wohl nicht bei allen Opec-plus-Mitgliedern auf Gegenliebe. Zumal es für einige Staaten mit hohen Kosten verbunden ist, ihre Produktion kurzfristig wieder herunterzufahren – das betrifft vor allem einige afrikanische Opec-Mitglieder, darunter Angola und Nigeria.
Die beiden Länder stehen nun im Zentrum des Opec-Streits. Denn beim vergangenen Opec-Treffen gab es Diskussionen: Unter anderem Angola und Nigeria wurden dazu gedrängt, niedrigere Produktionsquoten für 2024 zu akzeptieren – zugunsten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die in der Vergangenheit stark in neue Produktionskapazitäten investiert hatten, diese aber bisher nicht nutzen konnten.
Als Kompromiss erhielten die betroffenen afrikanischen Länder das Recht auf eine Überprüfung ihrer Produktionskapazität durch externe Berater. Sollte sich dabei herausstellen, dass sie doch in der Lage sind, mehr Öl zu fördern, würden die Quoten wieder erhöht. Diese Bewertung sei nun wohl vorgelegt worden, allerdings hätten die Länder die Ergebnisse abgelehnt, schreibt der Finanzdienst Bloomberg unter Berufung auf Kreise.
Nigeria konnte zuletzt beweisen, dass es höhere Produktionskapazitäten erreichen kann: Der westafrikanische Staat pumpte 36.000 Barrel pro Tag mehr als neu festgesetzt. Nigeria dürfte also weiteren Produktionskürzungen nur zähneknirschend zustimmen.
3. Wie agiert Saudi-Arabien?
Saudi-Arabien ist auf einen hohen Ölpreis angewiesen: Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft machen noch immer den Großteil aller Zuflüsse des Königreichs aus. Ein niedriger Ölpreis hat also Folgen für die Bevölkerung: Während des Ölpreisverfalls im Jahr 2020 verdreifachten die Behörden die Mehrwertsteuer des Landes und strichen eine Kostenpauschale für Regierungsangestellte. Das soll sich aus Sicht Saudi-Arabiens nicht wiederholen.
Andere Opec-plus-Staaten hingegen möchten einfach so viel Öl produzieren und verkaufen wie möglich. Innerhalb des Ölkartells gibt es also Interessenkonflikte. Obwohl Saudi-Arabien der größte Ölproduzent der Opec ist, konnte sich das Land sich beim vergangenen Treffen nicht durchsetzen und griff daher zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Ab Juli kürzte der Wüstenstaat freiwillig seine Ölförderung um eine Million Barrel pro Tag.
Saudi-Arabien verzichtet durch die freiwillige Kürzung allerdings auf wichtige Einnahmen. Die Frage, wann sich das Königreich wieder erlauben kann, seine Fördermenge zu erhöhen, bleibt angesichts der derzeit niedrigen Ölpreise aber offen. Experten rechnen nicht damit, dass es vor dem zweiten Halbjahr des kommenden Jahres so weit sein wird. Umso unzufriedener ist Saudi-Arabien mit den aktuellen Produktionsniveaus der anderen Opec-plus-Staaten.
4. Wer zählt zu den Rebellen in der Opec plus?
Einige andere Ölstaaten haben ihre Produktion nicht gekürzt oder sogar erhöht. Sie nehmen Saudi-Arabien also Marktanteile ab und profitieren zugleich von Preisen, die wegen der Förderkürzungen des Wüstenstaats lange gestiegen sind.
„Innerhalb und außerhalb der Opec gibt es Trittbrettfahrer, die von Saudi-Arabiens Kürzungen profitieren“, sagt Michel Salden, Leiter des Bereichs Rohstoffe beim Vermögensverwalter Vontobel.
Die Nicht-Opec-Mitglieder Guyana, USA, Brasilien, Kanada und Norwegen hätten ihre Produktion zeitweise gesteigert, ebenso die Opec-Staaten Venezuela und Iran, die aber aufgrund von Sanktionen derzeit von den Opec-Förderquoten ausgenommen seien. Saudi-Arabien wird sie wohl dazu drängen, sich den Förderkürzungen anzuschließen, um den Ölpreis zu stützen.
„Die Saudis werden wahrscheinlich wollen, dass auch die anderen Länder kürzen“, sagt der Ölhändler Pierre Andurand, Gründer von Andurand Capital Management, in einem Interview mit Bloomberg TV.
Zum Hintergrund: In der Opec haben sich 13 Erdöl exportierende Länder zusammengeschlossen, um hohe Öleinnahmen zu erzielen. Jedem Mitglied wird eine bestimmte Förderquote zugewiesen – also ein Anteil an der Gesamtfördermenge, die das Ölkartell festsetzt.
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Opec-Mitglieder sollen eigentlich nicht mehr Öl produzieren, als es ihre Quote zulässt. Einige Opec-Länder haben laut UBS-Rohstoffanalyst Giovanni Staunovo aber zuletzt etwas mehr Öl gefördert als vorgesehen, darunter der Irak. Beim nächsten Opec-Treffen könne nun Druck auf Staaten ausgeübt werden, deren Ölproduktion etwas zu hoch sei, glaubt er.
5. Was sind die geopolitischen Folgen?
Die „Financial Times“ stellt in einem Artikel die These auf, dass mögliche Opec-Förderkürzungen auch eine Reaktion auf den Israelkrieg seien. Die Kürzungen könnten die Spannungen mit den USA verschärfen, heißt es in dem Artikel. Denn in den USA stehen im kommenden Jahr Wahlen an. Ein hoher Benzinpreis könnte für Unzufriedenheit sorgen, ein allzu verknapptes Ölangebot will das Land daher vermeiden. Das Kartell sei laut einer anonymen Quelle „aufgewühlt“ durch den Konflikt.
Armin Sabeur, Fondsmanager von Optinova, glaubt, dass das Treffen vermutlich weniger wegen der Förderquotenproblematik verschoben wurde als aus einem anderen Kalkül: So können die Opec-Staaten das Ende der Waffenruhe und den Geiselaustausch zwischen Israel und der Hamas abwarten. „Eskaliert danach der Konflikt wieder, dann könnte das den Ölpreis wieder klettern lassen“, erklärt er. „Hätte die Opec nun aber bereits am Sonntag, an dem das Treffen ursprünglich geplant war, die Fördermenge gekürzt, hätten sich diese Kürzungen vielleicht im Rückblick als überzogen erwiesen.“
UBS-Analyst Staunovo betont hingegen: Mit Ausnahme des Ölembargos in den 70er-Jahren habe sich die Opec bei ihren Entscheidungen eher neutral verhalten, selbst in Zeiten, in denen Opec-Mitglieder in Kriege involviert waren. „Die Opec wird sich bei ihren Entscheidungen vor allem an Angebot und Nachfrage orientieren und dabei in erster Linie dorthin schauen, wohin das meiste Öl fließt: China“, so der Rohstoffexperte.