Dax aktuell: Dax mit der meistgehassten Rally aller Zeiten – Leitindex schließt 3,9 Prozent im Plus
Die beiden Figuren symbolisieren das Auf und Ab an den Märkten.
Foto: ReutersDüsseldorf. Der deutsche Leitindex steigt und steigt. Zum Handelsschluss lag er 3,9 Prozent im Plus bei 12.487 Punkten. Nach einem freundlichen Handelsstart hatte die Wall Street mit ihren Kursgewinnen einen Zusatzschub gegeben.
Bereits am Dienstag hatte er die 12.000-Punkte-Marke überschritten und war 3,8 Prozent höher bei 12.021 Zählern aus dem Handel gegangen. „Die Börsenampel bleibt ganz klar auf Grün, und die Bullen dürften nach dem Sprung über die psychologisch wichtige Marke nun noch mutiger werden“, kommentierte Marktanalyst Milan Cutkovic vom Broker AxiTrader.
Sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie nur eine kleine Wachstumsdelle? Die Kursentwicklung der vergangenen Tage am deutschen Aktienmarkt beantwortet diese Frage mit Ja. Ausgehend vom Tief Mitte März mit 8255 Zählern ist der Dax bereits fast 50 Prozent gestiegen.
Wer sich die heute veröffentlichten neuen Zahlen der Lufthansa durchliest, mag das kaum glauben. Trotz der Milliardenverluste in der Coronakrise stieg die Aktie zum Handelsschluss um 7,7 Prozent.
Anders formuliert: Wohl selten haben sich die Börsen von den tatsächlichen fundamentalen Rahmenbedingungen in der Realwirtschaft so weit entfernt wie derzeit. Dazu tragen die Nullzinspolitik der Notenbanken und die milliardenschweren Konjunkturprogramme erheblich bei.
Hinzu kommt, dass viele Leerverkäufer, die auf fallende Kurse gesetzt haben, unter Druck geraten. Denn diese Wetten funktionieren nach folgendem Prinzip: Investoren leihen sich Aktien von Unternehmen, bei denen sie mit Kursverlusten rechnen. Diese Papiere verkaufen sie danach und hoffen darauf, dass die Notierungen fallen. Dann können sie die Aktien später günstiger zurückkaufen und an den Verleiher zurückgeben.
Um beim Beispiel der Lufthansa-Aktie zu bleiben: Der Anteil dieser Spekulation beträgt mittlerweile 11,27 Prozent aller frei handelbaren Aktien (Stand 2. Juni) – ein sehr hoher Wert. Umgerechnet sind das rund 53,8 Millionen Papiere.
Fällt der Kurs tatsächlich, behält der Investor die Differenz aus Verkaufs- und Kaufwert als Gewinn, abzüglich einer Leihgebühr. Steigen die Aktien hingegen, macht der Spekulant Verluste. Er muss sie teurer zurückkaufen, als er sie abgegeben hat.
Also müssen Anleger sich nicht wundern, wenn der Kurs der Lufthansa-Aktie in den kommenden Tagen plötzlich weiter steigen sollte. Dann lösen die Hedgefonds einen Teil ihrer Spekulationen auf. Denn diese Fonds haben im vergangenen Monat Mai ihre Quoten deutlich aufgestockt, doch im Mai ist die Lufthansa-Aktie um 15 Prozent gestiegen.
Schließlich müssen die Hedgefonds irgendwann fast 53,8 Millionen Aktien zurückkaufen. Das ist sehr viel, angesichts eines durchschnittlichen Handelsvolumens von 12,6 Millionen Aktien täglich in den vergangenen drei Monaten. Das Papier der Kranich-Airline ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Rally noch etwas weiterlaufen kann.
Der aktuelle Anstieg am Aktienmarkt sei die meistgehasste Rally aller Zeiten an der Börse, meint Jochen Stanzl vom Onlinebroker CMC Markets. Diese Meinung wird auch von der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment und der ähnlichen Umfrage zur Anlegerstimmung der Börse Frankfurt unterstützt.
Laut der Handelsblatt-Erhebung herrschen hohe Verunsicherung und großer Zukunftspessimismus unter den Anlegern. „Mag sein, dass Anleger aus Angst, die Rally zu verpassen, die Kurse nach oben getrieben haben“, meint Sentimentexperte Stefan Heibel nach Auswertung der Umfrage. Doch diese Investoren würden gemeinsam mit den Pessimisten bei erster Gelegenheit Gewinne mitnehmen und ihre Positionen verkaufen.
Die charttechnische Lage
Der deutsche Leitindex befindet sich laut technischer Analyse in einer klassischen „Hopp oder top“-Situation, es geht um alles oder nichts. Denn aktuell notiert der Dax oberhalb der wichtigen 200-Tage- (12.035 Punkte) und 200-Wochen-Linie (12.160 Zähler). Diese Marken sind wichtige Indikatoren für den langfristigen Trendverlauf und werden bei Investoren stark beachtet.
Sollte die Frankfurter Benchmark diese beiden Marken nachhaltig überwinden, wäre das eine Bestätigung der Erholungsbewegung, aus charttechnischer Sicht würde die Baisse endgültig beendet. Nachhaltig bedeutet, dass der Dax zumindest per Schlusskurs über diesen Linien bleibt, besser noch drei Tage hintereinander. Das wäre die „Top“-Variante, die mit dem heutigen Schlusskurs von 12.487 Zählern wahrscheinlicher wird.
Auf der Unterseite bietet die Aufwärtskurslücke vom gestrigen Dienstag bei 11.850/11.813 Punkten eine erste Unterstützung. Solche Lücken entstehen, wenn der höchste Kurs eines Handelstages unterhalb der niedrigsten Notierung des Folgetages liegt. Sie gelten dann laut Charttechnik als Widerstände.
Das Hoch vom vergangenen Freitag liegt bei 11.813 Punkten, das Dienstagstief bei 11.850 Zählern. Sollte der Dax unter 11.850 Zähler fallen, würde die „Hopp“-Variante eintreten, dann könnte die Rally vorerst beendet sein.
Anlass zu Optimismus bieten Anlegern neueste Zahlen aus China. Dort hat sich die Stimmung in den Dienstleistungsfirmen im Mai überraschend deutlich erholt und signalisiert jetzt wieder ein Anziehen der wirtschaftlichen Aktivität.
Der von der Mediengruppe „Caixin“ und dem britischen Forschungsinstitut IHS Markit erhobene Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor stieg im Vergleich zum Vormonat um 10,6 Punkte auf 55,0 Punkte, wie aus einer am Mittwoch veröffentlichten Mitteilung hervorgeht. Analysten hatten lediglich mit einem Anstieg auf etwa 47 Punkte gerechnet.
In den USA wurden an diesem Mittwoch neue Arbeitsmarktzahlen bekannt, die zwar schlecht aussehen, aber dennoch besser sind als erwartet: Laut einer monatlich veröffentlichten Umfrage des Personaldienstleisters ADP wurden unter dem Strich 2,76 Millionen Stellen gestrichen. Von Reuters befragte Experten hatten sogar mit neun Millionen gerechnet. Im April waren mehr als 19,5 Millionen Arbeitsplätze gestrichen worden – so viele wie noch nie in einem Monat.
Die ADP-Zahlen gelten als Omen für den bevorstehenden Arbeitsmarktbericht der Regierung, der neben Jobs in der Privatwirtschaft auch Stellen im öffentlichen Dienst umfasst. Hier erwarten Experten einen Wegfall von acht Millionen Jobs, nachdem im April bereits 20,5 Millionen gestrichen wurden.
Blick auf die Einzelwerte
Infineon: Die Aktien des Chipherstellers waren zwischenzeitlich der größte Dax-Gewinner, mittlerweile beträgt das Plus noch sechs Prozent. Auch Papiere des Halbleiterproduzenten AMS legten 6,1 Prozent zu. In den USA hatte der Chipkonzern Microchip mitgeteilt, angesichts sich schneller erholender Lieferketten in der Automobilbranche zuversichtlicher auf das erste Quartal des Geschäftsjahres 2021 zu blicken. „Die Fabriken unserer Kunden in China sind wieder voll in Betrieb“, teilte der Konzern mit. „Einige der Fabriken unserer anderen Kunden in Europa und Nordamerika haben ebenfalls begonnen, wieder zu öffnen.“
BASF: Eine Kaufempfehlung treibt die Aktien von BASF an. Sie legten 6,3 Prozent zu. Die Analysten der Investmentbank Jefferies stuften die Titel auf „Buy“ von „Hold“ nach oben. Die Chemiebranche werde schneller als gedacht auf Erholungskurs gehen, hieß es zur Begründung. Das liege an Investitionen in den Bereich medizinische Infrastruktur und einem geringeren Risiko einer zweiten Infektionswelle.
Axa: Die Aktien von Axa stiegen um zehn Prozent. Die Dividendenkürzung wegen der Coronakrise sei nicht so happig ausgefallen wie befürchtet, sagten Händler. Der französische Versicherer zahlt den Aktionären 0,73 Euro je Aktie statt der ursprünglich angepeilten 1,43 Euro. Die meisten hätten erwartet, gar nichts zu bekommen, sagten die Analysten der Investmentbank Jefferies.
Voestalpine: Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine ist im abgelaufenen Geschäftsjahr aufgrund der Corona-Pandemie wie angekündigt tief in die roten Zahlen gerutscht. Der Betriebsverlust (Ebit) beläuft sich für das bis Ende März laufende Geschäftsjahr 2019/20 auf 89 Millionen Euro nach einem Gewinn von 779 Millionen Euro im Jahr davor, wie das Linzer Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Die Aktie notierte dennoch 6,1 Prozent im Plus.
Renault: Die Billigung einer staatlichen Garantie für einen Kredit über fünf Milliarden Euro sorgt für kräftigen Anschub bei Renault. Die Aktien des französischen Autobauers schnellten um 10,5 Prozent nach oben. Der Konzern teilte am Mittwoch mit, dass er sich mit der französischen Regierung auf das staatlich abgesicherte Darlehen geeinigt habe.
Mit Agenturmaterial.
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