Rezension: Bilanzen sind spannend – auch ohne BWL-Studium zu durchschauen
Düsseldorf. Bilanzen sind mehr als nur Zahlenkolonnen und Tabellen. Die alljährlichen Geschäftsberichte bilden ab, was in einem Unternehmen passiert. Will der Vorstand das Bild der Firma aufhübschen, wird leider auch das dargestellt. Weil sich viel tricksen und verstecken lässt, haben Bilanzen in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf. Hinzu kommen viele ungebräuchliche Begriffe, die diese Art von Vernebelungstaktik unterstützen.
Der Wirtschaftswissenschaftler Nikolaj Schmolcke lädt in seinem Buch „Offene Geheimnisse“ ein, Bilanzkosmetika zu entlarven und Bilanzen besser zu verstehen. Als eine für jeden offen zugängliche Informationsquelle (das Internet macht es möglich!) seien Bilanzen maßlos unterschätzt. Diese sind für ihn eine wahre Fundgrube von Wahrheiten, Lügen, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Schmolckes Buch soll eine Anleitung sein, Bilanzen kritisch zu lesen. Und es hält, was es verspricht. Das Buch erzählt von Unternehmen, die es schaffen, Verluste oder falsche Entscheidungen als Erfolg darzustellen. Doch wer die Bilanzen aufmerksam liest, erkennt diese Mechanismen und Tricksereien, auch ohne Betriebswirtschaftsstudium. Schmolcke erklärt, worauf man konkret achten muss
Das Buch lebt von Beispielen. Etwa dem von Bayer. Der Konzern hat zwischen 2016 und Juni 2018 insgesamt 66 Milliarden Dollar für den Kauf Monsantos bezahlt. Nur zwei Monate später verlor die frisch erworbene Firma einen Prozess in den USA, weil eines der wichtigsten Produkte Monsantos den Bestandteil Glyphosat enthält, der im Verdacht steht, Krebs zu erregen.
Konzernbilanzen offenbaren Milliardenverluste
Auch wenn Bayer in den Folgejahren immer wieder auf die Sinnhaftigkeit dieses Deals verwies, so offenbarten die Konzernbilanzen etwas ganz anderes: Milliardenverluste. 2023 beendete Vorstandschef Werner Baumann, der maßgeblich für den Deal verantwortlich zeichnete, seinen Vertrag vorzeitig.
Schmolcke belegt: An Bewertungen scheitern Karrieren, und Firmen können in große Not geraten. Bis heute hat sich Bayer nicht erholt, wie alljährlich neu in der Konzernbilanz nachzulesen ist.
Spannend lesen sich Kapitel wie „Profis sind schnell, Ganoven brauchen etwas länger“. Wer befürchtet, hier schreibt jemand reißerisch an der Oberfläche, der irrt. Detailliert geht es um Jahresabschlüsse und einzuhaltende Fristen. Beispielsweise um Volkswagen. Der Konzern brauchte in Zeiten des Abgasskandals – VW nutzt die beschönigende Bezeichnung Dieselthematik – länger als sonst für die Erstellung seines Geschäftsberichts.
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„Kein Bilanzskandal, aber ein Skandal, der sich in Abschlussgeschwindigkeit ausdrückt“, betitelt Schmolcke seine Ausführungen und weist nach, dass die zeitliche Dauer bis zum Testat des Wirtschaftsprüfers unter dem Jahresabschluss wertvolle Hinweise gibt. VW verfolgt der Skandal bis heute.
Nikolaj Schmolcke: Offene Geheimnisse.
Econ Verlag,
Berlin 2024,
288 Seiten,
19,99 Euro
Genauso spannend sind Rückschlüsse, die sich aus dem Lagebericht einer Bilanz ziehen lassen. Der Autor hat dafür exemplarisch die Lageberichte in drei aufeinanderfolgenden Jahren bei Delivery Hero nebeneinandergestellt. Während es im Geschäftsbericht 2017 noch klare Aussagen zur Strategie gibt, fällt 2018 der häufig benutzte und vernebelnde Begriff „amazing“ ins Auge, ehe 2019 von einer Erläuterung der Strategie im Lagebericht Abstand genommen wird. Ab 2020 fehlen Aussagen oder auch nur Hinweise dazu vollständig.
Mehr noch: 2022 fiel bei dem einstigen Dax-Konzern ein Verlust von knapp drei Milliarden Euro an. Doch Delivery Hero schrieb in seinem Lagebericht: „Im Jahr 2022 fokussierte sich Delivery Hero strategisch auf Verbesserungen der Profitabilität in allen Regionen und Vertikalen.“
Irreführungen mit mehr als 100 selbst erstellten Firmenbilanzen entlarven
Der Autor bezeichnet solche Irreführungen als „Meilenstein der sprachlichen Künste des Managements“. Diese zu entlarven gelingt ihm ausgezeichnet. Dabei helfen ihm mehr als 100 selbst erstellte Firmenbilanzen, langjährige Praxis in Unternehmen und seine Bilanztrainings für Manager, Aufsichtsräte, Betriebsräte und Juristen.
Doch es bleibt nicht bei spannenden Beispielen, die mit kriminaltechnischer Bravour seziert werden. Schmolcke führt in das Reich der Zahlen ein und erläutert Begriffe wie Vermögen, Schulden, Aktiva und Passiva, Eigen- und Fremdkapital, GuV und Gewinnvortrag.
Hier wird es dann komplizierter, und die im Buchtitel versprochene „Leichtigkeit“ geht verloren. Die Behauptung „Wenn Sie die Grundrechenarten beherrschen, können Sie Bilanzen lesen“ ist sicherlich übertrieben. Ganz so einfach ist es eben doch nicht, sich im Dickicht der vielen Zahlen, Begriffe und Bilanztabellen zurechtzufinden. Aber durch Schmolckes Buch kommen Leserinnen und Leser dem Verständnis ein ganzes Stück näher.