Anlegerskandal um S&K: Tüv-geprüft auf Kundenhatz
Rückenwind vom Tüv Süd: Der ehemalige S&K-Chef Jonas Köller (links) warb mit Tüv-Bescheinigungen.
Foto: HandelsblattWenn der ehemalige Finanzvermittler aus dem bergischen Land diesen Slogan hört, ist es mit dem Spaß vorbei: „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“ So wirbt der Tüv Süd für seine Dienstleistungen.
„Falsche Sicherheit, drohender Totalverlust“, dichtet der Vertriebler mit Blick auf seine Kunden um. Sogar seinen eigenen Eltern hatte der Mann geschlossene Beteiligungen der unter Betrugsverdacht stehenden S&K-Gruppe im Wert von 100.000 Euro verkauft. Insgesamt vermittelte er S&K-Produkte im Wert von 240.000 Euro. Einen Kunden zahlt er jetzt aus eigener Tasche aus.
Er empfahl die S&K-Fonds auch wegen mehrerer Bescheinigungen des „Technischen Überwachungsvereins“ mit Sitz in München. „Wenn ich eine Bescheinigung vom Tüv sehe, gehe ich davon aus, dass es sich um eine seriöse Prüfung handelt“, sagt der Vertriebler. Jetzt möchte er seinen alten Job an den Nagel hängen und auf Gesundheitskurse umsatteln.
Die S&K-Anleger warten auf ihr Geld. Die volle Summe dürften sie wohl nicht widersehen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betruges mit Kapitalanlagen, Untreue und weiterer Straftaten“. Rund 12.000 Fondsanleger seien betroffen, der Schaden soll bei rund 200 Millionen Euro liegen. Die ehemaligen S&K-Chefs Jonas Köller und Stephan Schäfer sitzen in Untersuchungshaft und waren für Stellungnahmen nicht erreichbar.
Dem Unternehmen S&K widmete sich der Tüv Süd in einem „internen Audit“. In einer „Bescheinigung für die S&K-Unternehmensgruppe“ bestätigt ein „Produktmanager Immobilienwirtschaft“ das S&K zum „Stichtag 1. Juli 2011 Immobilien zu einem Verkehrswert von 101.413.399 Euro im Bestand“ habe. Die Einkaufspreise betrugen nach Tüv-Auskunft 53.444.840 Euro. „Wenn man weiß, wie diese Zahlen zustande gekommen sind, muss man diese mehr als nur kritisch hinterfragen“, sagt Marc Gericke, Rechtsanwalt der Siegburger Kanzlei Göddecke, die rund hundert S&K-Geschädigte vertritt. „S&K nutzte solche Testate um Anleger gezielt zu desinformieren.“
Der Tüv Süd bestätigt in weiteren „Bescheinigungen“ den vermeintlichen Erfolg der S&K-Unternehmensgruppe, etwa das S&K als Makler Immobilien im Wert eines dreistelligem Millionenbetrags im Zuge von Zwangsversteigerungen „auf Rechnung eines international agierenden Investors“ vermittelt habe. Oder dass in fünf Jahren bis zum Jahr 2011 Immobilien für 19,4 Millionen eingekauft und für 35,3 Millionen Euro wieder verkauft wurden. „Im Durchschnitt betrug der Zeitraum zwischen An-und verkauf 4,8 Monate!“, bescheinigt der Produktmanager.
Eine Sprecherin des Tüv Süd bestätigt, „im Rahmen eines internen Audits die Immobilienan- und Immobilienverkäufe der S&K Unternehmensgruppe auf Grundlage bereits bei S&K vorliegender Dokumente aufgelistet“ zu haben. Die Basis für diese „Bescheinigungen“ erscheint mehr als wackelig. Die Wertgutachten wurden von S&K vorgelegt. „Sie stammen von Gutachtern, die nicht zu unserem Unternehmen gehören“, sagt die Sprecherin des Tüv Süd. Zu weiteren Details äußert sich der Tüv Süd nicht (siehe „Viele Fragen, wenige Antworten“).
Bei vielen Daten, die der Tüv für seine „Bescheinigungen“ fleißig auflistete, dürften Zweifel angebracht sein. In einem Schreiben erklärt der Tüv-Produktmanager, der die Analyse erstellt hat, dass er sich auf „mehrere Wertgutachten“ eines Gutachters aus dem Rhein-Main-Gebiet bezieht.
Das Problem: Dieser zwischenzeitlich inhaftierte, jedoch wieder auf freiem Fuß befindliche Immobilienexperte, der mehrere S&K-Objekte begutachtet hatte, war zum Zeitpunkt der Prüfung schon lange kein bestellter und vereidigter Sachverständiger mehr. „In einem Telefonat erklärte er mir, dass er Stempel und Unterschrift aus einem älteren Gutachten kopiert habe“, sagt Anwalt Gericke. „Die Zulassung der Wertgutachter wurde nicht geprüft, da es in Deutschland zu viele unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten als Wertgutachter gibt“, rechtfertigt sich der Produktmanager vom Tüv Süd.
Wie dieser selbst ernannte „Gutachter“ arbeitete, zeigt das Beispiel der „Sachs Villa“, die früher dem legendären Playboy Gunter Sachs gehörte. Hinter den Steinmauern lockt repräsentative Gründerzeitpracht, die Säle sind groß, der Park herrschaftlich. Der „Sachverständige“ bescheinigte diesem Anwesen einen Verkehrswert von 6.709.000 Euro. S&K hatte das Objekt aber nur für rund 1,7 Millionen Euro ersteigert. Bei der späteren Zwangsversteigerung wurde der Verkehrswert nur auf 4,5 Millionen Euro taxiert.
Die „Sachs-Villa“ spielt eine besondere Rolle für den noch im Januar 2012 aufgelegten Fonds Deutsche S&K Sachwerte Nr. 2. Kurz nach Auflage des Fonds starteten die Staatsanwälte ihre Ermittlungen. Bis zur Insolvenz investierten Anleger mehr als 30 Millionen Euro in diesen Fonds.
Im Prospekt des Fonds vom 10. Januar 2012 steht auf Seite 40, dass die Gesellschaft mit einem Stammkapital von fünf Millionen Euro ausgestatten worden sei. Nach Recherchen der Kanzlei Göddecke ist diese Summe völlig aus der Luft gegriffen. „Laut Gründungsurkunde lag das Stammkapital nur bei 25.000 Euro“, sagt Gericke. Die Differenz sollte mit einer Kapitalerhöhung durch Sacheinlage erbracht werden, mit der Sachs Villa in Schweinfurth.
„Die Angaben zur Kapitalausstattung waren damit falsch“, sagt Gericke. Hätten Anleger von diesen Fakten im Prospekt gewusst, hätten sie wohl nie investiert. Und es kommt noch schlimmer. Das vermeintliche Stammkapital von fünf Millionen Euro wurde unmittelbar nach Auflage des Fonds notariell an eine andere S&K-Gesellschaft, die Asset Trust AG verpfändet.
Für diesen Fonds warben die S&K-Vertriebler in Prospekten und Vorträgen mit dem „Prüfbericht des Tüv Süd“, der das „Erwerbsvolumen von Immobilien der S&K Unternehmensgruppe belegt“. Schon im Jahr 2011 ging S&K mit den Tüv-Bescheinigungen auf Werbetour.
In einer Mitteilung einer S&K-Gesellschaft aus diesem Jahr („Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“) erklärten die aktuell in Untersuchungshaft sitzenden S&K-Vorstände Jonas Köller und Stephan Schäfer, dass der Tüv Süd die Immobiliendeals aus den Jahren 2006 bis Juli 2011 „im Hinblick auf die jeweiligen Konditionen“ geprüft hätte.
Angeblich dauerte die Untersuchung „mehrere Wochen“. „Neben der gesamten Buchhaltung wurden hunderte notarielle Urkunden, amtliche Wertgutachten und gerichtliche Zuschlagsbeschlüsse unter die Lupe genommen“, warb das Unternehmen.
Der Tüv Süd soll laut Pressemitteilung bestätigt haben, dass die S&K Unternehmensgruppe „Immobilien im Wert von über 213 Millionen Euro auf der Grundlage des Einkaufspreises oder damaligen Verkehrswertes erwarb. Diese repräsentieren einen Verkehrswert von weit über 300 Millionen Euro. Der derzeitige Immobilienbestand liegt bei einem Verkehrswert von über 100 Millionen Euro“.
Der damalige S&K Vorstand Jonas Köller freut sich: „Wir sind seit 2006 in jeglicher Hinsicht extrem gewachsen und eine derart fundierte Prüfung gibt einem die Sicherheit, dass wir das Richtige tun und alles im Griff haben“. Sein Unternehmen wolle „diesen Prüfprozess kontinuierlich fortsetzen“.
Der Tüv erklärt: „Wir haben weder die S&K Unternehmensgruppe als Ganzes, noch das Geschäftskonzept, noch einzelne Produkte bzw. Dienstleistungen dieser Gruppe zertifiziert“. Es gäbe daher kein Zertifikat, das für Werbung hätte verwendet werden dürfen. „Der gute Ruf von Tüv Süd ist aus unserer Sicht für das Geschäftsgebaren von S&K missbraucht worden“.
Warum der Tüv nicht gegen die Werbung von S&K vorgegangen ist, bleibt rätselhaft. Angeblich geht der Tüv Süd ansonsten rechtlich gegen missbräuchliche Verwendung des Prüfsiegels vor. „Hinweise auf solchen Missbrauch erhalten wir sowohl durch die kontinuierliche Beobachtung des Marktes als auch von öffentlichen Institutionen wie zum Beispiel der Bafin“, sagt die Sprecherin.
Handelsblatt Online liegen aber sechs verschiedene Prospekte, Faktenblätter, Präsentationen und Medienberichte vor, die die Tüv-Bescheinigungen ausdrücklich erwähnen. „Ob Siegel oder Bescheinigung, das macht in der Außenwirkung für den Anleger keinen Unterschied“, sagt Anwalt Gericke. Spätestens seit Oktober 2012 hätte der Tüv Süd Bescheid wissen müssen, als Gericke das Unternehmen in dieser Frage anschrieb. „Ab dann wusste der Tüv Süd definitiv Bescheid und hat trotzdem nichts unternommen“.
Und es gibt weitere offene Fragen. Warum hat etwa die Tüv Süd Management Service GmbH die Auditierung durchgeführt? Laut Internetseite ist dieser Unternehmensteil für Auditierungen von „Managementsystemen, insbesondere von Qualitäts-, Umwelt- und Sicherheits-Managementsystemen bei produzierenden und dienstleistenden Unternehmen aller Branchen“ zuständig.
Vom fachlichen Know-how wäre folglich die Tüv Süd ImmoWert GmbH die bessere Wahl. Diese Gesellschaft „erstellt Verkehrswertgutachten, Beleihungswertgutachten, Marktreports und Portfoliobewertungen“ für Immobilienbestände. „Der Mitarbeiter des Tüv Süd hat sich definitiv in einem Bereich bewegt, der nicht zu den Prüfungsaufgaben der Tüv Süd Management Service GmbH gehört“, kommentiert Anwalt Gericke. „Da hat sich jemand außerhalb seiner Kompetenzen bewegt“.
Auch zu diesem Punkt schweigt der Tüv Süd. Das Unternehmen, das in seinen Verträgen Unternehmen zur Transparenz verpflichtet und in dessen Aufsichtsrat Aktienlobbyistin Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut, ehemalige Vorstände von BMW und Audi, Gewerkschaftsvertreter und Vorstände von Maschinenbauern sitzen erklärt, „aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen S&K derzeit jedoch keine weiteren Angaben“ zu machen.
Der Verweis auf die Ermittlungen ist wenig überzeugend. Denn der Tüv Süd bestätigt, dass die Staatsanwälte „nach jetzigem Kenntnisstand weder gegen Tüv Süd noch gegen einen unserer Mitarbeiter ermitteln“. Und so erklärt eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde folgerichtig: „Seitens der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main wurde dem Tüv Süd nicht auferlegt, sich generell nicht öffentlich zu äußern“.
Die Ermittler hatten die Tüv Süd Management Service GmbH durchsucht, „da diese Tüv-Bescheinigungen für die S&K-Gruppe erstellte“. Der Verdacht: Die vom Tüv Süd erstellten Zertifikate wurden von den Hauptbeschuldigten der S&K-Gruppe auch dazu genutzt, Fondsanleger und Vermittler über den Umfang und Wert des Immobilienbestandes der S&K-Gruppe zu täuschen „und zugleich eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit für die zurückliegenden Jahre vorspiegeln zu können“.
Wenn das der Finanzvermittler aus dem bergischen Land nur früher geahnt hätte. „Dann hätte ich niemals S&K-Fonds an meine Eltern und Kunden verkauft“, sagt er. Noch gut ein halbes Jahr vor den Razzien bei S&K und Tüv Süd empfahl er die Beteiligungen zum Kauf.