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Anlegerskandal um S&KTüv-geprüft auf Kundenhatz

Vertriebler nutzten Bescheinigungen des Tüv Süd, um Anleger zum Kauf der Fonds der unter Betrugsverdacht stehenden S&K-Gruppe zu überreden. Neue Dokumente belegen im Detail, wie die Tüv-Mitarbeiter agierten.Jens Hagen 25.04.2014 - 12:53 Uhr Artikel anhören

Rückenwind vom Tüv Süd: Der ehemalige S&K-Chef Jonas Köller (links) warb mit Tüv-Bescheinigungen.

Foto: Handelsblatt

Wenn der ehemalige Finanzvermittler aus dem bergischen Land diesen Slogan hört, ist es mit dem Spaß vorbei: „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“ So wirbt der Tüv Süd für seine Dienstleistungen.

„Falsche Sicherheit, drohender Totalverlust“, dichtet der Vertriebler mit Blick auf seine Kunden um. Sogar seinen eigenen Eltern hatte der Mann geschlossene Beteiligungen der unter Betrugsverdacht stehenden S&K-Gruppe im Wert von 100.000 Euro verkauft. Insgesamt vermittelte er S&K-Produkte im Wert von 240.000 Euro. Einen Kunden zahlt er jetzt aus eigener Tasche aus.

Er empfahl die S&K-Fonds auch wegen mehrerer Bescheinigungen des „Technischen Überwachungsvereins“ mit Sitz in München. „Wenn ich eine Bescheinigung vom Tüv sehe, gehe ich davon aus, dass es sich um eine seriöse Prüfung handelt“, sagt der Vertriebler. Jetzt möchte er seinen alten Job an den Nagel hängen und auf Gesundheitskurse umsatteln.

Die S&K-Anleger warten auf ihr Geld. Die volle Summe dürften sie wohl nicht widersehen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betruges mit Kapitalanlagen, Untreue und weiterer Straftaten“. Rund 12.000 Fondsanleger seien betroffen, der Schaden soll bei rund 200 Millionen Euro liegen. Die ehemaligen S&K-Chefs Jonas Köller und Stephan Schäfer sitzen in Untersuchungshaft und waren für Stellungnahmen nicht erreichbar.

Die Bescheinigungen des TÜV Süd
Auf offiziellen Briefpapier bestätigt ein Produktmanager vom TÜV Süd mit drei Bescheinigugen, das Geschäftsgebaren der S&K-Unternehmensgruppe. Die Bescheinigungen wurden zur Werbung von Anlegern verwand.
„Sehr geehrte Damen und Herren, in dem Zeitraum 27. Juni 2011 bis 1. Juli 2011 wurden die getätigten Vermittlungen von Immobilien der S&K Gruppe geprüft. Die S&K - Gruppe hat im Zeitraum Juni.2007 bis Mai.2008 als beauftragte Maklergesellschaft Immobilien im Wert von 107.722.814,00 € auf Rechnung eines international agierendem institutionellen Investors im Wege der Zwangsversteigerung vermittelt. Grundlage der Prüfung war der Kriterienkatalog 20110617. Die Ergebnisse sind im Prüfbericht und in der Aufstellung der Provisionsabrechnung und dem Zahlungsverkehr AG dokumentiert.“
„Sehr geehrte Damen und Herren, in dem Zeitraum 16. Mai bis 25. Mai 2011 und vom 27. Juni 2011 bis 1. Juli 2011 wur-den die getätigten An- und Verkäufe von Immobilien der S&K Gruppe geprüft. Die S&K - Gruppe hat in dem Zeitraum Jan. 2006 bis Mai. 2011 Immobilien für 19.374.771,00 € eingekauft und diese für 35.278.710,00 € verkauft. Im Durchschnitt betrug der Zeitraum zwischen An- und Verkauf 4,8.Monate! Grundlage der Prüfung war der Kriterienkatalog vom 20110513. Die Ergebnisse sind im Prüfbericht und in der Aufstellung der getätigten An- und Verkäufe sowie in den Notarverträgen oder amtlichen Zuschlagsbeschlüssen dokumentiert.“
„Sehr geehrte Damen und Herren, in dem Zeitraum 27. Juni 2011 bis 1. Juli 2011 wurden die getätigten Ankäufe von Immobilien der S&K Gruppe geprüft. Die S&K - Gruppe hat zu Stichtag 1. Juli 2011 Immobilien mit einem Verkehrswert von 101.413.399,00 € im Bestand. Die Einkaufspreise dieser Immobilien betrugen 53.444.840,00 €. Grundlage der Prüfung war der Kriterienkatalog 20110617. Die Ergebnisse sind im Prüfbericht und in der Aufstellung der getätigten Ankäufe sowie den Verkehrswertgutachten dokumentiert.“

Dem Unternehmen S&K widmete sich der Tüv Süd in einem „internen Audit“. In einer „Bescheinigung für die S&K-Unternehmensgruppe“ bestätigt ein „Produktmanager Immobilienwirtschaft“ das S&K zum „Stichtag 1. Juli 2011 Immobilien zu einem Verkehrswert von 101.413.399 Euro im Bestand“ habe. Die Einkaufspreise betrugen nach Tüv-Auskunft 53.444.840 Euro. „Wenn man weiß, wie diese Zahlen zustande gekommen sind, muss man diese mehr als nur kritisch hinterfragen“, sagt Marc Gericke, Rechtsanwalt der Siegburger Kanzlei Göddecke, die rund hundert S&K-Geschädigte vertritt. „S&K nutzte solche Testate um Anleger gezielt zu desinformieren.“

Der Tüv Süd bestätigt in weiteren „Bescheinigungen“ den vermeintlichen Erfolg der S&K-Unternehmensgruppe, etwa das S&K als Makler Immobilien im Wert eines dreistelligem Millionenbetrags im Zuge von Zwangsversteigerungen „auf Rechnung eines international agierenden Investors“ vermittelt habe. Oder dass in fünf Jahren bis zum Jahr 2011 Immobilien für 19,4 Millionen eingekauft und für 35,3 Millionen Euro wieder verkauft wurden. „Im Durchschnitt betrug der Zeitraum zwischen An-und verkauf 4,8 Monate!“, bescheinigt der Produktmanager.

Die Intransparenz des Tüv Süd
Der Tüv Süd stellte drei Bescheinigungen über geschlossene Beteiligungen der S&K-Gruppe aus. Die Unterlagen, die Handelsblatt Online vorliegen, werfen zahlreiche Fragen auf. Die Sprecherin des Tüv Süd verwehrt der Öffentlichkeit die Antworten darauf.
Bei einer Recherche zu der unter betrugsverdacht stehenden Unternehmensgruppe S&K sind wir auf drei „Bescheinigungen“ des Tüv Süd gestoßen Auf welcher Basis gaben Sie diese Auskünfte? Es gibt Zweifel an den von Ihnen ausgewiesenen Angaben. Bitte erklären Sie Ihr Vorgehen bei der Prüfung sowie die Datenbasis im Detail. Die „Bescheinigungen“ waren Teil einer Gesamtprüfung der S&K-Gruppe. Was haben Sie untersucht und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?Wie viel haben Sie S&K für Ihre Dienstleistung berechnet?Was kostete die Verwendung Ihres Siegels?S&K warb mit der Prüfung des Unternehmens durch den Tüv Süd, Vertriebler nutzen Ihre Prüfungsergebnisse zur Akquise. Entschädigen Sie Anleger, die wegen Ihrer Bescheinigung in S&K-Produkte investierten?Wie viele Finanzprodukte/Unternehmen haben Sie in 2013 geprüft? Wie viele erhielten ein entsprechendes Siegel (Bitte schicken Sie mir den Kriterienkatalog für entsprechende Siegel)?Wie stellen Sie sicher, das Unternehmen aus dem grauen Markt Ihre Siegel/Testate nicht zur Werbung mit falschen Tatsachenbehauptungen missbrauchen?
Wir haben weder die S&K Unternehmensgruppe als Ganzes, noch das Geschäftskonzept, noch einzelne Produkte bzw. Dienstleistungen dieser Gruppe zertifiziert. Es gibt somit auch kein Zertifikat, das kommunikativ hätte verwendet werden dürfen. Der gute Ruf von Tüv Süd ist aus unserer Sicht für das Geschäftsgebaren von S&K missbraucht worden.Im Auftrag von S&K haben Mitarbeiter unseres Unternehmens Mitte 2011 im Rahmen eines internen Audits die Immobilienan- und Immobilienverkäufe der S&K Unternehmensgruppe auf Grundlage bereits bei S&K vorliegender Dokumente aufgelistet. Die den Mitarbeitern hierfür seitens S&K vorgelegten Wertgutachten für die Immobilien wurden also nicht von uns erstellt. Sie stammen von Gutachtern, die nicht zu unserem Unternehmen gehören.Aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen S&K können wir derzeit jedoch keine weiteren Angaben machen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.
Leider haben Sie kaum eine der gestellten Fragen beantwortet. Auf Grund ihres kurzen Statements und neuer Erkenntnisse sind außerdem zusätzliche Fragen im Falle Ihres „internen S&K-Audits“ aufgetreten. Wir bitten daher um die noch ausstehenden Antworten sowie inhaltlich erschöpfende Auskunft zu folgenden Fragen.Warum hat die Tüv-Süd Management Service GmbH und nicht die Tüv-Süd Immowert GmbH geprüft, die eigentlich vom Fachbereich her zuständig wäre?Welche vertraglichen Regelungen gibt es für die Prüfungszuständigkeiten?An welche Gesellschaft wurde der Auftrag von S&K erteilt? A) Tüv-Süd Management Service GmbH; B) Tüv-Süd ImmoWer GmbH?Was steht in diesem Auftrag zu der Verwendung des Siegels? Welche Vorkehrungen hat der Tüv-Süd bzw. die Tüv-Süd Management Service Management GmbH konkret für eine angeblich missbräuchliche Verwendung des Siegels getroffen?Wann hat der Tüv-Süd von der Werbung mit seinem Testat erfahren?Sie schreiben in Ihrer Antwort: „Aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen S&K können wir derzeit jedoch keine weiteren Angaben machen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.“ Die Aussage leuchtet uns nicht ein. Warum können Sie keine Transparenz herstellen? Gibt es Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Tüv-Süd oder dessen Mitarbeiter? Aufgrund welchen Tatvorwurfes erfolgte Durchsuchung der Geschäftsräume des Tüv-Süd im letzten Jahr?
Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass in diesem Fall unser Unternehmen keine Zertifizierung vorgenommen hat. Es gibt somit auch kein Zertifikat, das kommunikativ hätte verwendet werden dürfen.Zu Ihren weiteren Fragen: Sobald wir von einer missbräuchlichen Verwendung unseres Logos oder eines Prüfzeichens erfahren, gehen wir rechtlich hiergegen vor. Hinweise auf solchen Mißbrauch erhalten wir sowohl durch die kontinuierliche Beobachtung des Marktes als auch von öffentlichen Institutionen wie zum Beispiel der Bafin. Unser Interesse ist es, diesen Sachverhalt aufzuklären. Wir unterstützen deshalb die Ermittlungen und kooperieren in vollem Umfang mit den Ermittlungsbehörden bei der Beweissicherung. Nach jetzigem Kenntnisstand wird weder gegen Tüv Süd noch gegen einen unserer Mitarbeiter ermittelt. Für weitere Details zum laufenden S&K-Verfahren wenden Sie sich bitte an die Staatsanwaltschaft Frankfurt.
Sie haben die Frage nach der Zuständigkeit nicht beantwortet - ebenso wie viele weitere offene Fragen. An wen kann ich mich in Ihrem Hause wegen dieser Auskünfte wenden?
Die Pressestelle von Tüv Süd ist alleiniger Ansprechpartner für alle journalistischen Anfragen. Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir aufgrund laufender Ermittlungen gegen S+K derzeit keine weiteren Angaben machen und deshalb nicht alle Ihre Fragen detailliert beantworten können.
Seitens der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main wurde dem Tüv Süd nicht auferlegt, sich generell nicht öffentlich zu äußern, zumal die erfolgte Durchsuchung und die entsprechenden Ermittlungen auch im Hinblick auf die Erstellung der Tüv-Bescheinigungen mittlerweile hinlänglich bekannt sind.Die Durchsuchung erfolgte bei der von Ihnen auch genannten Tüv-Süd Management Service GmbH, da über diese TüvV-Bescheinigungen für die S&K-Gruppe erstellt wurden.Die Durchsuchung erfolgte, da der Verdacht besteht, dass von dem Tüv Süd erstellte Zertifikate durch die Hauptbeschuldigten der S&K-Gruppe mit dazu genutzt werden sollten bzw. auch dazu genutzt wurden, Dritte (insbesondere Fondsanleger, Vermittler) über den Immobilienumfang bzw. die Werthaltigkeit der von der S&K-Gruppe gehaltenen Immobilien zu täuschen und zugleich eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit für die zurückliegenden Jahre vorspiegeln zu können.Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Auswertung der sichergestellten Unterlagen und der auch im Übrigen andauernden Ermittlungen, können derzeit keine weitergehenden Angaben gemacht werden.

Eine Sprecherin des Tüv Süd bestätigt, „im Rahmen eines internen Audits die Immobilienan- und Immobilienverkäufe der S&K Unternehmensgruppe auf Grundlage bereits bei S&K vorliegender Dokumente aufgelistet“ zu haben. Die Basis für diese „Bescheinigungen“ erscheint mehr als wackelig. Die Wertgutachten wurden von S&K vorgelegt. „Sie stammen von Gutachtern, die nicht zu unserem Unternehmen gehören“, sagt die Sprecherin des Tüv Süd. Zu weiteren Details äußert sich der Tüv Süd nicht (siehe „Viele Fragen, wenige Antworten“).

Bei vielen Daten, die der Tüv für seine „Bescheinigungen“ fleißig auflistete, dürften Zweifel angebracht sein. In einem Schreiben erklärt der Tüv-Produktmanager, der die Analyse erstellt hat, dass er sich auf „mehrere Wertgutachten“ eines Gutachters aus dem Rhein-Main-Gebiet bezieht.

Das Problem: Dieser zwischenzeitlich inhaftierte, jedoch wieder auf freiem Fuß befindliche Immobilienexperte, der mehrere S&K-Objekte begutachtet hatte, war zum Zeitpunkt der Prüfung schon lange kein bestellter und vereidigter Sachverständiger mehr. „In einem Telefonat erklärte er mir, dass er Stempel und Unterschrift aus einem älteren Gutachten kopiert habe“, sagt Anwalt Gericke. „Die Zulassung der Wertgutachter wurde nicht geprüft, da es in Deutschland zu viele unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten als Wertgutachter gibt“, rechtfertigt sich der Produktmanager vom Tüv Süd.

Wie dieser selbst ernannte „Gutachter“ arbeitete, zeigt das Beispiel der „Sachs Villa“, die früher dem legendären Playboy Gunter Sachs gehörte. Hinter den Steinmauern lockt repräsentative Gründerzeitpracht, die Säle sind groß, der Park herrschaftlich. Der „Sachverständige“ bescheinigte diesem Anwesen einen Verkehrswert von 6.709.000 Euro. S&K hatte das Objekt aber nur für rund 1,7 Millionen Euro ersteigert. Bei der späteren Zwangsversteigerung wurde der Verkehrswert nur auf 4,5 Millionen Euro taxiert.

Die „Sachs-Villa“ spielt eine besondere Rolle für den noch im Januar 2012 aufgelegten Fonds Deutsche S&K Sachwerte Nr. 2. Kurz nach Auflage des Fonds starteten die Staatsanwälte ihre Ermittlungen. Bis zur Insolvenz investierten Anleger mehr als 30 Millionen Euro in diesen Fonds.

Verhaltensregeln am grauen Markt
Früher galten zweistellige Renditen als suspekt, heute wird es schon bei mancher Solaranleihe mit sechs Prozent Zins kritisch. Gerade in Zeiten niedriger Zinsen möchten Sparer zwar gerne etwas mehr verdienen. Doch im Moment sind leider die Zinsen auf einem historischen Tief. Wer behauptet, er könnte Festgeldangebote und Anleiheanbieter haushoch überbieten, ist unglaubwürdig.
Die Entschuldigung „In Finanzdingen kenne ich mich nicht aus“ gilt nicht. Auch Experten brauchen oft Tage, bis sie einen Prospekt komplett verstanden haben. Wenn der Berater nur eine nette Broschüre mitgebracht hat, dann sollte der Anleger im Internet den Prospekt herunterladen (meist unter „Downloads“). Anbieter sind bei Fonds verpflichtet, alle Risiken aufzuzählen. Wer querlesen möchte, sollte zumindest die Prognoseplanung auf Plausibilität überprüfen. Wichtig ist die komplette Lektüre des Zeichnungsscheins.
Auch einem altbekannten Bankberater ist nicht unbedingt zu trauen. Die Angestellten stehen oft unter hohem Verkaufsdruck. Was besprochen wurde, gehört zwar ins Beratungsprotokoll. Aber auch das sichert im Zweifel eher den Berater ab als den Kunden. Deshalb: lieber einen Bekannten als Zeugen mitnehmen.
Die einfache Frage: "Was verdient der Berater?" stellen sich viele Anleger gar nicht. Erst hinterher wird ihnen klar, warum ihr Vermittler das eine oder andere Investment so toll fand.

Im Prospekt des Fonds vom 10. Januar 2012 steht auf Seite 40, dass die Gesellschaft mit einem Stammkapital von fünf Millionen Euro ausgestatten worden sei. Nach Recherchen der Kanzlei Göddecke ist diese Summe völlig aus der Luft gegriffen. „Laut Gründungsurkunde lag das Stammkapital nur bei 25.000 Euro“, sagt Gericke. Die Differenz sollte mit einer Kapitalerhöhung durch Sacheinlage erbracht werden, mit der Sachs Villa in Schweinfurth.

„Die Angaben zur Kapitalausstattung waren damit falsch“, sagt Gericke. Hätten Anleger von diesen Fakten im Prospekt gewusst, hätten sie wohl nie investiert. Und es kommt noch schlimmer. Das vermeintliche Stammkapital von fünf Millionen Euro wurde unmittelbar nach Auflage des Fonds notariell an eine andere S&K-Gesellschaft, die Asset Trust AG verpfändet.

Für diesen Fonds warben die S&K-Vertriebler in Prospekten und Vorträgen mit dem „Prüfbericht des Tüv Süd“, der das „Erwerbsvolumen von Immobilien der S&K Unternehmensgruppe belegt“. Schon im Jahr 2011 ging S&K mit den Tüv-Bescheinigungen auf Werbetour.

In einer Mitteilung einer S&K-Gesellschaft aus diesem Jahr („Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“) erklärten die aktuell in Untersuchungshaft sitzenden S&K-Vorstände Jonas Köller und Stephan Schäfer, dass der Tüv Süd die Immobiliendeals aus den Jahren 2006 bis Juli 2011 „im Hinblick auf die jeweiligen Konditionen“ geprüft hätte.

Die üppigen Provisionen der S&K-Vertreter
Vertreter, die für S&K auf Kundendang gingen konnten stattliche Provisionen einstreichen. Handelsblatt Online liegt ein Vertrag der „S&K Vertriebskoordination GmbH“ mit einem ehemaligen Vertriebler vor.
Die Abrechnung erfolgte monatlich. S&K verpflichtet sich die fälligen Provisionen innerhalb von 14 Tagen zu überweisen. Vermittler konnten Abrechnungsfehler innerhalb einer Frist von sechs Monaten widersprechen.
Im Jahr 2011 wurde die geschlossene Beteiligung „S&K Investment Plan GmbH“ aufgelegt. Nach der Insolvenz bangen Anleger um ihr Geld. Im Eigengeschäft gab es für den Vermittler 15 Prozent Provision. Wenn das Call Center einen Kontakt lieferte und der Vermittler einen Abschluss schaffte immerhin noch zehn Prozent.
Bei der Emission der Beteiligung „S&K Investment GmbH & Co KG“ gab es im Eigengeschäft 12 Prozent. Wenn das Call Center die Adresse lieferte fünf Prozent.
Auch bei der erst im Jahr 2012 emitierten „Deutsche S&K Sachwerte 2.0“ gab es 12 Prozent (inklusive fünf Prozent Agio) für den Vermittler. Wenn das Call Center half, gab es dagegen nur vier Prozent. Im Jahr 2012 starteten die Staatsanwälte ihre Ermittlungen und informierte die Finanzaufsicht Bafin darüber. Der Fonds sammelte fast 30 Millionen Euro an Kundengeldern ein.

Angeblich dauerte die Untersuchung „mehrere Wochen“. „Neben der gesamten Buchhaltung wurden hunderte notarielle Urkunden, amtliche Wertgutachten und gerichtliche Zuschlagsbeschlüsse unter die Lupe genommen“, warb das Unternehmen.

Der Tüv Süd soll laut Pressemitteilung bestätigt haben, dass die S&K Unternehmensgruppe „Immobilien im Wert von über 213 Millionen Euro auf der Grundlage des Einkaufspreises oder damaligen Verkehrswertes erwarb. Diese repräsentieren einen Verkehrswert von weit über 300 Millionen Euro. Der derzeitige Immobilienbestand liegt bei einem Verkehrswert von über 100 Millionen Euro“.

Fallstricke bei geschlossenen Fonds
Anteile an geschlossenen Fonds oder Unternehmensbeteiligungen sind in der Regel nur etwas für Anleger, deren Vermögen im sechsstelligen Bereich liegt und die bereits Aktien, Anleihen, Festgeld und ein eigenes Häuschen besitzen. Der Anteil geschlossener Fonds sollte maximal 30 Prozent des Gesamtvermögens ausmachen.
Die Beteiligungen laufen in der Regel zehn Jahre und länger. Der Anleger muss somit in der Lage sein, über viele Jahre auf dieses Geld zu verzichten. Ein vorzeitiger Verkauf ist zwar beispielsweise bei Schiffen über den Zweitmarkt möglich. Die Preise dort schwanken jedoch stark – insbesondere seit der Finanzkrise.
Steuerliche Aspekte spielen im Gegensatz zu früheren Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle beim Kauf von geschlossenen Fonds. Viele populäre Anlagemodelle wie die in den 90er-Jahren – etwa Ost-Immobilien mit hohen Sonderabschreibungen – gibt es längst nicht mehr.
Wie viele andere Anlageklassen unterliegen auch die geschlossenen Fonds und Unternehmensbeteiligungen gewissen Modetrends. Beliebt sind aktuell Fonds im Bereich Flugzeugleasing. Zudem ist zu beobachten, dass die Anleger wieder risikofreudiger werden. Sogar Private-Equity- und Projektentwicklungsfonds finden wieder Käufer. Das war vor zwei Jahren noch nahezu undenkbar.

Der damalige S&K Vorstand Jonas Köller freut sich: „Wir sind seit 2006 in jeglicher Hinsicht extrem gewachsen und eine derart fundierte Prüfung gibt einem die Sicherheit, dass wir das Richtige tun und alles im Griff haben“. Sein Unternehmen wolle „diesen Prüfprozess kontinuierlich fortsetzen“.

Der Tüv erklärt: „Wir haben weder die S&K Unternehmensgruppe als Ganzes, noch das Geschäftskonzept, noch einzelne Produkte bzw. Dienstleistungen dieser Gruppe zertifiziert“. Es gäbe daher kein Zertifikat, das für Werbung hätte verwendet werden dürfen. „Der gute Ruf von Tüv Süd ist aus unserer Sicht für das Geschäftsgebaren von S&K missbraucht worden“.

Warum der Tüv nicht gegen die Werbung von S&K vorgegangen ist, bleibt rätselhaft. Angeblich geht der Tüv Süd ansonsten rechtlich gegen missbräuchliche Verwendung des Prüfsiegels vor. „Hinweise auf solchen Missbrauch erhalten wir sowohl durch die kontinuierliche Beobachtung des Marktes als auch von öffentlichen Institutionen wie zum Beispiel der Bafin“, sagt die Sprecherin.

Handelsblatt Online liegen aber sechs verschiedene Prospekte, Faktenblätter, Präsentationen und Medienberichte vor, die die Tüv-Bescheinigungen ausdrücklich erwähnen. „Ob Siegel oder Bescheinigung, das macht in der Außenwirkung für den Anleger keinen Unterschied“, sagt Anwalt Gericke. Spätestens seit Oktober 2012 hätte der Tüv Süd Bescheid wissen müssen, als Gericke das Unternehmen in dieser Frage anschrieb. „Ab dann wusste der Tüv Süd definitiv Bescheid und hat trotzdem nichts unternommen“.

Und es gibt weitere offene Fragen. Warum hat etwa die Tüv Süd Management Service GmbH die Auditierung durchgeführt? Laut Internetseite ist dieser Unternehmensteil für Auditierungen von „Managementsystemen, insbesondere von Qualitäts-, Umwelt- und Sicherheits-Managementsystemen bei produzierenden und dienstleistenden Unternehmen aller Branchen“ zuständig.

Vom fachlichen Know-how wäre folglich die Tüv Süd ImmoWert GmbH die bessere Wahl. Diese Gesellschaft „erstellt Verkehrswertgutachten, Beleihungswertgutachten, Marktreports und Portfoliobewertungen“ für Immobilienbestände. „Der Mitarbeiter des Tüv Süd hat sich definitiv in einem Bereich bewegt, der nicht zu den Prüfungsaufgaben der Tüv Süd Management Service GmbH gehört“, kommentiert Anwalt Gericke. „Da hat sich jemand außerhalb seiner Kompetenzen bewegt“.

Auch zu diesem Punkt schweigt der Tüv Süd. Das Unternehmen, das in seinen Verträgen Unternehmen zur Transparenz verpflichtet und in dessen Aufsichtsrat Aktienlobbyistin Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut, ehemalige Vorstände von BMW und Audi, Gewerkschaftsvertreter und Vorstände von Maschinenbauern sitzen erklärt, „aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen S&K derzeit jedoch keine weiteren Angaben“ zu machen.

Der Verweis auf die Ermittlungen ist wenig überzeugend. Denn der Tüv Süd bestätigt, dass die Staatsanwälte „nach jetzigem Kenntnisstand weder gegen Tüv Süd noch gegen einen unserer Mitarbeiter ermitteln“. Und so erklärt eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde folgerichtig: „Seitens der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main wurde dem Tüv Süd nicht auferlegt, sich generell nicht öffentlich zu äußern“.

Die Ermittler hatten die Tüv Süd Management Service GmbH durchsucht, „da diese Tüv-Bescheinigungen für die S&K-Gruppe erstellte“. Der Verdacht: Die vom Tüv Süd erstellten Zertifikate wurden von den Hauptbeschuldigten der S&K-Gruppe auch dazu genutzt, Fondsanleger und Vermittler über den Umfang und Wert des Immobilienbestandes der S&K-Gruppe zu täuschen „und zugleich eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit für die zurückliegenden Jahre vorspiegeln zu können“.

Wenn das der Finanzvermittler aus dem bergischen Land nur früher geahnt hätte. „Dann hätte ich niemals S&K-Fonds an meine Eltern und Kunden verkauft“, sagt er. Noch gut ein halbes Jahr vor den Razzien bei S&K und Tüv Süd empfahl er die Beteiligungen zum Kauf.

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