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Gastbeitrag Die Welt im Quantenzustand

Neue Quantencomputer werden unser Leben nachhaltig verändern. Die Zukunft des Computers avanciert zur Metapher für die Veränderung der Welt.
03.02.2020 - 08:50 Uhr 1 Kommentar
Die Autorin ist Gründungsverlegerin von ada in der Handelsblatt Media Group.
Miriam Meckel

Die Autorin ist Gründungsverlegerin von ada in der Handelsblatt Media Group.

Noch neun Monate bis zur US-Präsidentschaftswahl. Und die Diskussion über die gesellschaftliche Spaltung der USA ist in vollem Gange. Es gibt Schwarz oder Weiß, aber kaum Grautöne mehr.

Das binäre politische Denken und Handeln hat Donald Trump nicht erfunden, aber kräftig genährt. Historisch gibt es viele Beispiele für das Denken in Gegensätzen. Europa hat Jahrzehnte in der Trennung des Kalten Krieges gelebt, zwischen den Alternativen Ost und West. Und schon im Matthäus-Evangelium steht: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“

Der Siegeszug des digitalen Computers seit den Fünfzigerjahren hat unser Weltverständnis da nur konsequent ergänzt: Jedes Wort, jedes Bild und jeder Ton lassen sich in ein Entweder-oder, eine Reihe von Nullen und Einsen verwandeln. Die Welt ist binär.

Technologie ist aber nicht nur Medium, sondern auch Metapher für den Wandel der Lebensverhältnisse. Als Google im Herbst kundtat, man habe „Quantum Supremacy“ erreicht, war das ein Vorbote für einen bevorstehenden Paradigmenwechsel, einen grundsätzlichen Wandel unserer Lebensverhältnisse.

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    Hinter dem Begriff verbirgt sich enorme Rechenleistung: Googles Quantencomputer „Sycamore“ brauchte 200 Sekunden für das Lösen einer Aufgabe, für die der derzeit beste Supercomputer, gebaut von IBM, 10.000 Jahre benötigen würde. Das ist ein unpraktischer Zeitaufwand, wenn man als Mensch in den Genuss des Ergebnisses kommen möchte.

    Quantencomputer unterscheiden sich grundsätzlich von bisherigen Computern. Sie sind nicht nur viel schneller, sondern können auch Millionen von Berechnungen gleichzeitig vornehmen. Sie arbeiten nicht mit dem Bit als Informationseinheit in der Unterscheidung von 0 und 1, sondern mit Quanten-Bits. Diese Qbits können alle Zustände zwischen 0 und 1 annehmen.

    Zukünftige Computer werden sich also aus den Fesseln des binären Codes befreien und sich für alle vorstellbaren Überlagerungszustände öffnen, „Superposition“ genannt. IBM-Chefin Ginni Rometty sagt dazu: Quantum ist die physikalische Variante von „shades of grey“.

    „Quantum wird es uns erlauben, die Welt tiefer gehend zu verstehen“

    Der österreichische Physiker Erwin Schrödinger hat in einem Gedankenexperiment 1935 am Beispiel einer Katze versucht, die Regeln der Quantenphysik auf die materielle Welt anzuwenden. Gelänge das, müsste man die Katze in einen Zustand versetzen können, in dem sie gleichzeitig tot und lebendig wäre. Das klingt absurd. Und doch steckt in diesem Paradoxon der Qbits eine Erkenntnis, die unseren Blick auf die Welt auch jenseits der Computertechnologie verrückt.

    „Bisherige Computer arbeiten, wie wir eine Münze werfen“, sagt der US-Journalist Tom Friedman. „Heraus kommt immer Kopf oder Zahl. Beim Quantencomputer dreht sich die Münze endlos auf dem Tisch, dabei sind immer beide Seiten präsent.“

    Für Sundar Pichai, CEO von Alphabet und Google, arbeitet die Natur in vielerlei Hinsicht wie ein Quantencomputer. Nicht mit der binären Unterscheidung zwischen 0 und 1, sondern mit vielen Zwischenzuständen: „Quantum wird es uns erlauben, die Welt tiefer gehend zu verstehen und zu simulieren.“

    Das erlaubt uns, den technischen Fortschritt wieder mit der biologischen und sozialen Evolution zu versöhnen. Zwei Psychologen der Yale University haben 2018 eine Menge Eigenschaften untersucht, von Schnabelformen bei Tieren bis zur menschlichen Neigung, Risiken einzugehen.

    Dabei zeigte sich, dass alle diese Eigenschaften nicht in der binären Ausprägung normal/unnormal vorkommen, sondern als mannigfaltige Variationen auf einem Kontinuum der Möglichkeiten. „Wir argumentieren, es gibt keine festgesetzte Normalität“, sagt Avram Holmes, leitender Forscher der Studie. „Es gibt auch kein universelles optimales Profil, wie ein Gehirn funktioniert.“

    Die Zukunft des Computers wird zur Metapher dafür, wie unsere Welt sich verändert und wir unser Denken verändern. Sie tickt längst nicht mehr binär. Nicht mehr entlang der traditionellen Unterscheidungen zwischen konservativ und progressiv, zwischen links und rechts, vergangenheits- und zukunftsorientiert. Es gibt unzählbare Zwischenzustände, die sich überlagern und verschränken. Die Welt ist im Quantenzustand.

    Traditionelle Institutionen, Politik, Wirtschaftsordnung, auch Medien, kommen damit noch nicht klar. Sie werden es lernen müssen. Mehr Zwischentöne und weniger Absolutismus in dem, was wir sagen und tun, machte vieles nicht nur besser, sondern vielleicht sogar schneller.

    Niemand muss Angst vor „Quantum Supremacy“ haben. Der Begriff gehört auf den Müll der binären Welt. In der Quantenwelt ist Vormacht immer nur die Vorstufe für das, was danach kommt.

    Mehr: Die Bundesregierung will die Quantentechnologie fördern – und zwar nicht nur die Anwendung, sondern auch den Bau von Quantencomputern.

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    Mehr zu: Gastbeitrag - Die Welt im Quantenzustand
    1 Kommentar zu "Gastbeitrag: Die Welt im Quantenzustand"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Frau Merkel,

      danke für Ihren sehr guten und nachvollziehbaren Gastbeitrag.
      Ehrlich gesagt, nun habe ich das Thema Quantencomputer und mögliche Auswirkungen verstanden.

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