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Gastbeitrag Warum die junge Generation Staatsschulden nicht fürchten muss

Die Schuldenlast ist für die junge Generation als Ganzes kein Problem. Denn sie erbt nicht nur die Schulden des Staates, sondern auch die Forderungen an ihn.
13.07.2020 - 15:11 Uhr 3 Kommentare
Wie stark sich der Staat verschulden soll, ist unter Ökonomen umstritten. Quelle: dpa
Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler

Wie stark sich der Staat verschulden soll, ist unter Ökonomen umstritten.

(Foto: dpa)

Kopenhagen, Frankfurt Die Coronakrise stellt für weite Teile der Bevölkerung eine große wirtschaftliche Herausforderung dar. Die junge Generation scheint aber doppelt betroffen. Zum einen beeinträchtigt die Krise jetzt ihre Berufs- und Einkommenschancen, weil die Bedingungen an Schulen und Universtäten schwierig, und die Suche nach einem angemessen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zur Geduldsprobe oder womöglich ganz aussichtlos wird.

Zum anderen kommt in der Zukunft die immense Schuldenlast hinzu, die allein von der jungen Generation zu schultern ist, während wir – die alte Generation – von den Maßnahmen gegen die Krise, vor allem dem Konjunkturpaket, profitieren.

Der Haken ist: während die erste Beobachtung richtig ist, ist die Schuldenlast für die junge Generation als Ganzes kein Grund zum Stöhnen. Denn sie erbt nicht nur die Schulden des Staates, sondern auch die Forderungen an ihn. Damit zahlen morgen die jungen Leute von heute an sich selbst zurück. Und da der Jargon der Ökonomen bei der Verdeutlichung dieser Zusammenhänge vermutlich eher hinderlich ist, haben wir die Zusammenhänge in ein Beispiel, eine Analogie gekleidet.

Franz ist dreizehn Jahre alt und geht in die siebte Klasse. Sein Vater ist Handwerksmeister und die vergangenen zehn Jahre lief der Betrieb gut. Ein Teil des Bankkredits, den der Vater vor Jahren aufnehmen musste, wurde zurückgezahlt und in den Sommerferien ging es mit dem Camper durch Kanada.

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    Jetzt aber hat sich die Mutter mit einem Virus infiziert und muss über Wochen in stationäre Behandlung. Der Vater kümmert sich um sie und schließt vorübergehend den Betrieb. Dadurch verliert nicht nur er sein Einkommen, sondern auch seine beiden Angestellten, denn er muss sie entlassen.

    Auf der Mitgliederversammlung des Sportvereins erzählt der Vater von seiner Notlage. Dabei erfährt er, dass das Virus auch anderen Vereinsmitgliedern schwer zu schaffen macht. Wieder andere dagegen sind nicht betroffen und haben bislang sichere Jobs. Sie sparen sogar mehr als zuvor, weil die Zeiten unsicher sind und man ja nicht weiß, was die Zukunft noch alles bringen wird.

    Vertrauenswürdige Kreditnehmer

    Da hat jemand aus der Versammlung eine Idee: Jene Mitglieder, die von der Krise nicht betroffen sind, leihen Franz‘ Papa und den anderen von der Krise Gebeutelten Geld, statt es auf dem Girokonto zu halten. Damit kann der Vater Miete, Löhne und andere Ausgaben finanzieren und so durch die Krise kommen. Das würde auch Franz und den Kindern der Angestellten seines Vaters helfen, denn so müssen sie nicht auf die Nachhilfestunden und – noch wichtiger – auf das Taschengeld verzichten.

    Dennoch überlegen der Vater und seine Freunde, ob sie das Angebot annehmen sollen, weil sie nicht wissen, ob sie in der Zukunft die Zinsen zahlen und die Schulden zurückzahlen können. Auch einige Familien, die Kredit geben könnten, zögern, weil sie unsicher sind, ob sie ihr Geld wiederbekommen.

    Die nächste Idee kommt von der Vereinsführung. Vereinsvorsitzender Merker und Kassenwartin Schlitz achten stets darauf, dass der Verein solide finanziert ist. Jetzt schlagen sie vor, dass nicht einzelne Mitglieder anderen Geld leihen, sondern der Verein sich Geld bei seinen Mitgliedern leiht. Mit dem Geld soll endlich die marode Sporthalle modernisiert werden. Damit können die Angestellten der Handwerksbetriebe weiterhin ihr Gehalt bekommen und der Verein eine moderne Sporthalle.

    Dies finden alle gut: die Sparer, weil der Verein kreditwürdiger ist als jedes einzelne Mitglied; die von der Krise betroffenen Familien, weil sie auf die Solidarität der Vereinsmitglieder setzen können; und jene, die weder Geld aufnehmen noch stärker sparen wollen, weil sie wissen, dass nun ihr Einkommen nicht mehr so stark durch den Rückgang der Nachfrage von Sparern und Kreditnehmern bedroht ist, den das Virus auslöst. Als in der Mitgliederversammlung um Zustimmung gebeten wird, reckt daher Nachhilfelehrer Müller seine Hand besonders hoch.

    So sind alle zufrieden. Nur Franz wird plötzlich nachdenklich. Er hat im Fernsehen gehört, dass Schulden immer die junge Generation belasten, also auch ihn. Ihm ist auch sofort klar: wenn er Mitglied des Vereins bleibt, muss er sich künftig an der Rückzahlung der Schulden beteiligen.

    Belastungen nicht wahrgenommen

    Jugendwartin Kerstin, die gerade ihr erstes Semester Volkswirtschaftslehre hinter sich hat, beruhigt ihn aber: ja, Vereinsmitglieder müssen später die Schulden zurückzahlen; aber diese Zahlung geht wieder an Vereinsmitglieder.

    Franz schüttelt verständnislos den Kopf. Aber Kerstin erklärt: Franz, Du und alle anderen jungen Vereinsmitglieder, ihr erbt zum einen das, was der Verein besitzt, z.B. das Vereinsheim, die renovierte Sporthalle, die Bankkonten; zum anderen erbt ihr die Schulden des Vereins, die aber für einige von Euch auch Forderungen an den Verein darstellen.

    Was Du in Zukunft zahlst, hängt also davon ab, wieviel Du verdienst (denn daran wird der Vereinsbeitrag bemessen) und davon, was der Verein Dir schuldet (also ob Du Forderungen an den Verein hast). Das gilt für alle anderen jungen Leute auch. In der Zukunft zahlen also Vereinsmitglieder an andere Vereinsmitglieder. Das Geld bleibt in der jungen Generation, sie wird als Ganzes also nicht belastet.

    Jetzt ist auch Franz zufrieden. Denn er kann sich auf eine bessere Sporthalle freuen, bekommt wieder Taschengeld und kann weiter den Nachhilfeunterricht besuchen. Damit kann er die Schule besser absolvieren und seine Chancen steigen, später mehr Geld zu verdienen. Und er ahnt, wem er dies zu verdanken hat: dem Verein, der Vereinsführung und allen Vereinsmitgliedern. Wenn er also in Zukunft einen höheren Vereinsbeitrag leisten muss, um die Schulden des Vereins zu bedienen, ist dies in Ordnung.

    Die Schulden werden für die künftige Generation nur dann zum Problem, wenn die Modernisierung der Sporthalle scheitert, der Traum von der besseren Ausbildung platzt oder die reicheren Vereinsmitglieder in Zukunft nicht mehr zum Wohle des Vereins beitragen wollen. In diesem Fall leiden darunter jene, die per Mitgliedsbeitrag die Schulden bedienen und zurückzahlen sollen, und jene, die Forderungen an den Verein halten.

    Damit endet unser Beispiel. Und wie bei jedem Beispiel stellt sich die Frage, wie weit es trägt. Vielleicht hilft da die Perspektive der jungen Generation unter den Bundeskanzlern Schmidt und Kohl. Deren Regierungen verschuldeten sich zwar in keinem Jahr so stark wie die Bundesregierung nun 2020. Aber damals lag die Neuverschuldung über mehrere Jahre hinweg bei über drei Prozent des BIP, und entsprechend groß waren die Warnungen wie sehr wir, die Autoren dieses Beitrags, in Zukunft belastet würden.

    Wir haben diese Belastungen nicht wahrgenommen. Die Modernisierung des Landes funktionierte, die Ausbildungsbedingungen waren gut und Krisen die Ausnahme. Und ja, wir haben Steuern gezahlt, damit der Bund Zinsen zahlen und Schulden begleichen konnte. Aber da diese Mittel wiederum an unsere Generation ausgezahlt wurden, hat sie insgesamt durch die damalige Verschuldung nicht gelitten.

    Holger Sandte ist Dozent am DIS Copenhagen. Adalbert Winkler ist Professor für International and Development Finance an der Frankfurt School of Finance & Management.

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    3 Kommentare zu "Gastbeitrag: Warum die junge Generation Staatsschulden nicht fürchten muss"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Muss Herrn Oser zustimmen! Der Beitrag sagt ja auch das, was ich als junger Mensch für meine Zukunft am meisten fürchte: eine stark steigende Steuer- und Abgabenlast! Egal, an wen das dann geht, es wird mir genommen und ich erhalte für meine Leistung am Ende weniger! Auch schwindet gerade die "Zahlerbasis" stark! Wir habe zwar seit 2015 eine Million Menschen nach Deutschland gebracht, aber die meisten von denen werden erstmal - und vielleicht nie - keine Unterstützer der Gesellschaft, sondern abhängig sein und auch wenn sie arbeiten, werden sie "aufstocken" müssen! Am meisten wird dann nach wie vor die "Mittelschicht" geschröpft werden, weil reiche immer wissen werden, wie sich was wegschaffen oder sich "arm" rechnen vor dem Fiskus. Außerdem wird die Politik immer Schlupflöcher lassen. Die Armen werden auch immer mehr und halten die Hand auf. Da Deutschland immer sozialistischer wird, kriegen die dann auch. Damit wächst aber bei denen nicht die Demut und Dankbarkeit, sondern das Anspruchsdenken! Nebenbei gehen die schwarz arbeiten. Nur die Mittelschicht mit normalen Angestelltenverhältnissen wird immer gläserner. Wir können nichts beiseite schaffen oder unter dem Radar dazuverdienen, weil alles geloggt wird.

    • Das was hier beschrieben wird ist so was von ahnungslos und einer Wirtschaftszeitung unwürdig. Das klappt noch nicht einmal im idealisiert beschriebenen Verein.
      Noch niveauloser ist die Aussage: "Schuldenlast für die junge Generation als Ganzes kein Grund zum Stöhnen. Denn sie erbt nicht nur die Schulden des Staates, sondern auch die Forderungen an ihn."
      Es sind aufgrund der ungleichen Vermögensverteilung nicht die gleichen Bürger, hinzu kommen ausländische Investoren, die dem Staat das Geld leihen und davon profitieren, wenn sie überhaupt profitieren, bei Negativzinsen und einer Inflation von 1 - 2 %,, und denen die die Staatsschulden zurück zahlen müssen.
      Es ist ein schönes Märchen das da erzählt wurde, nur hat das leider nichts, überhaupt nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Bei Argentinien sieht man wieder einmal wohin exorbitante Staatsschulden führen. In die Staatspleite, für die alle Bürger vom Mittelstand abwärts bitter bluten müssen. Die Profiteure, also Politiker, Banker, Reiche sind nicht so dumm um an die Schuldentheorie zu glauben und haben ihr Vermögen schon lange in sichere Häfen gebracht.

    • Erstens muss keine personelle Identität zwischen den Inhabern der Forderungen und Zahlern der Verbindlichkeiten bestehen.

      Zweitens wäre es auch besser, wenn es mehr Nettovermögen in diesem Land geben würde. Nein, damit sind nicht mehr Forderungen gegen das Ausland, sondern reale Sachvermögen gemeint. Staatsschulden zeigen an, dass viel zu Geldvermögensbildung betrieben wird, da eben keine Privaten Kreditnehmer für diese "Sparleistung" vorhanden. Staatsschulden sind bei Nullzins eindeutig Folge von ungebremsten Geldsparen.
      Abhilfe brächte jetzt eine große Rentenreform - Alle in eine auskömmliche Umlagerente. Die Privatrente als Staatsschuldenrente verschärft nur die Probleme des demografischen Wandels. Umlagequelle können künftig auch ökologische Lenkungssteuern sein.

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