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Gastkommentar BASF-Chef Brudermüller: Das ist die Formel für die Energiewende

Der Umbau der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität wird lange dauern. Trotzdem kann er durch Zusammenarbeit zwischen Politik und Industrie gelingen.
13.12.2020 - 13:47 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Vorsitzender des Vorstands und Chief Technology Officer (CTO) der BASF SE. Quelle: BASF SE
Martin Brudermüller

Der Autor ist Vorsitzender des Vorstands und Chief Technology Officer (CTO) der BASF SE.

(Foto: BASF SE)

Die Energietransformation hin zur Klimaneutralität, wie sie jetzt der EU-Gipfel erneut bekräftigt hat, ist ein Muss. Es wird aber ein langer und schwieriger Weg, und betriebswirtschaftlich wird diese Umstellung eine echte Herausforderung. Sie fällt einem nicht in den Schoß, sondern braucht unternehmerischen Mut und einen langen Atem. Für die chemische Industrie gilt das ganz besonders, denn sie ist äußerst energieintensiv und mit hohen CO2-Emissionen verbunden.

Trotzdem kann die Transformation gelingen, wenn die Formel stimmt. Sie funktioniert aber nur, wenn man vom Ergebnis her denkt. Die Energietransformation muss bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit beginnen und mit dieser auch zum Abschluss kommen. Wenn man bereits am Start auf Carbon Border Adjustment, ein CO2-Grenzausgleichssystem, bauen muss, dann haben wir schon verloren, bevor wir begonnen haben. Denn das ist das Eingeständnis, dass es nicht unter Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit geht.

Noch immer ist die Politik auf hoher Flughöhe unterwegs, vor allem mit Visionen und Ambitionen. Doch das ist jetzt verstanden. Jetzt muss der schmerzhafte Prozess der Umsetzung beginnen. Wir müssen uns auf die richtige Formel konzentrieren. Das erfordert eine völlig neue Art der Zusammenarbeit zwischen Politik und Industrie und am Ende auch der Gesellschaft.

Wir brauchen eine neue Formel, mit innovativen Ideen und dem Eingeständnis, dass es mit ein bisschen Korrigieren hier und ein bisschen Veränderung dort nicht funktionieren wird. Das Denken muss weg von der Bestrafung durch hohe CO2-Bepreisung, hin zur Ertüchtigung einer Energietransformation unter Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit.

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    Es gibt viele Stimmen, die meinen, durch das möglichst schnelle Hochschrauben des CO2-Preises richte sich alles von allein. Diese Formel ist einfach, aber sie funktioniert nicht. Wer denkt, es reiche, die Kosten hochzutreiben, um dadurch alle in die Transformation zu zwingen, verrechnet sich. Denn die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist dann schon vorher weg.

    Am Ende sinken so zwar unsere CO2-Emissionen, aber nicht durch eine erfolgreiche Energietransformation, sondern durch Deindustrialisierung und Verlagerung von Emissionen ins Ausland. Für unseren künftigen Wohlstand, unsere Wettbewerbsfähigkeit und unser Wachstum in Europa ist dies definitiv nicht die richtige Formel.

    Wie sieht die richtige Formel aus? Der große Faktor in der Formel ist erneuerbarer Strom – in riesigen Mengen und zu niedrigen Preisen. Das ist der Hebel, mit dem die Energietransformation gelingen kann. Dabei geht es nicht nur um die Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, sondern am Ende auch um die weiteren Belastungen des Strompreises: Stromsteuer und Netzgebühren. Es kann gelingen mit einem Zielpreis von 40 Euro pro Megawattstunde Strom.

    Riesiger Strombedarf

    Problematisch ist, dass die Erwartung des künftigen Strombedarfs nicht stimmt. Die Schätzungen sind viel zu sehr auf die alleinige Substitution von Strom aus fossilen durch regenerative Quellen konzentriert und der Annahme riesiger Effizienzgewinne in der Volkswirtschaft. Die gibt es in moderatem Umfang sicher auch, aber sie unterschätzen den Bedarf der Industrie, wenn sie energieintensive Produktionsverfahren wie in der Chemie oder das Betreiben von Hochöfen in der Stahlindustrie durch Strom aus erneuerbaren Quellen ersetzen würde.

    Allein die Chemieindustrie wird ihren Strombedarf durch die Elektrifizierung weg von der fossilen Energieerzeugung, hin zu erneuerbarem Strom bis zu vervierfachen. Private Heizungen durch Wärmepumpen, die Elektromobilität und auch die Wasserstoffwirtschaft werden große zusätzliche Mengen erneuerbaren Strom benötigen.

    Welche Variablen müssen in die richtige Formel?

    Erstens: ein schneller Aufbau zusätzlicher Kapazitäten bei erneuerbaren Energien. Lokale Solar- und Windlösungen werden auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Doch die entscheidende Energiesäule für Deutschland werden Offshore-Windparks sein müssen. Die gute Nachricht: Sie sind heute bereits wettbewerbsfähig und benötigen daher keine Subventionen mehr. Unverständlich ist, warum die geplanten zusätzlichen Kapazitäten so gering sind. Hier müssen schnellstens ausreichende Flächen definiert und freigegeben werden.

    Abschaffung der EEG-Umlage

    Zweitens: eine grundlegende Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Das EEG war ein riesiges Technologieförderungsprogramm: Erneuerbare sind heute wettbewerbsfähig. Doch jetzt ist das EEG eine Innovationsbremse. Es behindert die Transformation, da es erneuerbaren Strom verteuert. Heute ist das beste Technologieförderungsprogramm die Abschaffung der EEG-Umlage. Das würde den Einsatz neuer, klimaschonender Technologien beschleunigen.

    Natürlich würde eine sofortige Abschaffung der EEG-Umlage den Haushalt belasten. Aber richtig gemacht könnte es auch einen Konjunkturimpuls geben und wäre eine langfristige Investition in die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Denn die Kostenentlastung käme allen zugute – vom Großunternehmen über den Mittelstand und den Handwerksbetrieb bis zu den privaten Haushalten.

    Drittens: ein schneller Ausbau der Netze. Netzausbau muss als gesellschaftliche Aufgabe mit Priorität durch neue und deutlich schnellere Prozesse erfolgen. Netzkapazitäten und Stromtrassen sind Infrastruktur, die der Staat zur Verfügung stellen muss. Schon zu Zeiten des Wirtschaftswunders war Infrastruktur ein Wachstumsbeschleuniger. Der vielbeschworene „Netzengpass“ ist also kein Naturzustand – Deutschland besteht nicht aus einem „erneuerbaren Norden“ und einem „industriellen Süden“. Infrastruktur löst Engpässe und eröffnet Wachstumschancen.

    Frist bis 2030

    Viertens: eine Förderung neuer Technologien. Technologieförderung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Was früher die Unterstützung der Erneuerbaren war, ist heute die Förderung moderner emissionsarmer Technologien. Dabei sollte die Vielzahl möglicher Lösungsansätze nicht von vornherein begrenzt werden. Viele Unternehmen arbeiten an Pilotanlagen, die möglichst schnell auf industriellen Maßstab skaliert werden müssen. Bis 2030 ist es nicht mehr lange hin.

    Das sind nur zwei industrielle Investitionszyklen – technologische Sprünge sind also dringend erforderlich. Dies wird einen Mechanismus erfordern, der mittel- bis langfristig die Weitergabe von klimaschutzbedingten Mehrkosten ermöglicht, ohne die Produktion vor Ort zu gefährden.

    Fünftens: eine Integration von Regulierung und Innovation. Klimapolitik muss zwingend zusammen mit Industriepolitik gedacht und gemacht werden. In Reallaboren, also Experimentierräumen unter realen Anwendungsbedingungen, können wir das Zusammenwirken von Innovationen und neuer Regulierung ausprobieren und sehen, was funktioniert und was nicht.

    Zum Beispiel muss der EU-Beihilferahmen so ausgestaltet werden, dass Wettbewerbsregeln nicht die Entwicklung neuer Technologien behindern – denn Innovationen bestimmen die Wettbewerbsfähigkeit von morgen.

    Steigender CO2-Preis

    Sechstens: ein verlässlich steigender CO2-Preis. Kein wirtschaftlicher Akteur darf sich irgendwelchen Illusionen hingeben. Der CO2-Preis wird steigen und der Druck auf bestehende Entlastungsregelungen weiter zunehmen. Eine reine Verteuerung von CO2 – ohne technologisch und wirtschaftlich bereits realisierbare Umstiegsmöglichkeiten – würde allerdings die Industrie bei der Transformation abhängen. Daher braucht es ein langfristig planbares CO2-Kostenregime als Element einer klugen Industriepolitik.

    Eigentlich haben wir also die richtige Formel. Und ich bin überzeugt davon, dass es mit dieser Formel gelingen kann. Wir in der Industrie haben den unternehmerischen Mut dazu. Wenn die Gesellschaft auch den Mut hat und die Politik einen innovativen und technologiefördernden Regulierungsrahmen setzt, dann wird uns das auch wettbewerbsfähig gelingen. Wir brauchen dazu alle zusammen Unternehmertum, Ausdauer und Zuversicht, denn eine Zauberformel gibt es leider nicht.

    Mehr: EU verschärft Klimaziele: Was das für die deutsche Industrie bedeutet

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