Gastkommentar: Chips als Waffe? Europa sollte seine Stärken besser einsetzen
Im Zollstreit zwischen den USA und der Europäischen Union sowie im Systemwettbewerb mit China offenbart sich eine unbequeme Wahrheit: Europa muss sich geopolitisch neuen Herausforderungen stellen.
Diese reichen weit über die klassische Politik hinaus. Technologische Abhängigkeiten werden von den USA und China gezielt als Druckmittel eingesetzt und stehen im Zentrum des Systemwettbewerbs.
Das gilt insbesondere für die Mikroelektronik. Die globale Halbleiterknappheit der Jahre 2020 bis 2023 war ein erster Vorgeschmack auf die Auswirkung möglicher politischer Eskalationen.
Deutschland war mit seiner starken Industrie besonders betroffen und wird es bei potenziellen Eskalationen auch künftig sein. Ebenso zeigen die chinesischen Exportrestriktionen bei kritischen Rohstoffen, wie wirtschaftliche Abhängigkeiten als politischer Hebel genutzt werden.
Der Marktanteil Europas an der weltweiten Halbleiterproduktion lag 2024 bei nur rund acht Prozent, der deutsche bei gerade einmal drei Prozent. Doch in der globalen Zuliefer- und Komponentenkette für Halbleiter sind Europa und insbesondere Deutschland gut positioniert.
Deutschland und die Niederlande liefern Maschinen zur Chipproduktion
Dies beginnt mit Spezialchemie und endet in der weltweit einmaligen Fertigung extrem ultravioletter Lithografiesysteme, ohne die es keine Hochleistungs-Chips geben könnte. Deutschland und die Niederlande beliefern die Welt mit Maschinen zur Chipproduktion.
Europa muss diese Stärken unbedingt gezielt ausbauen. Dazu gehört, das Potenzial für die Bereiche zu erfassen, in denen wir technologisch führend sein können, und für Unternehmen in diesen Technologiefeldern bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
In anderen Bereichen, beispielsweise beim Chipdesign, sollte die Politik flankierend unterstützen, um Marktdominanzen anderer Regionen auszugleichen. Cluster wie das Silicon Saxony zeigen, wie wichtig regionale Ökosysteme für die Innovationsdynamik sind.
Diese Cluster sollten als Blaupause für weitere Standorte dienen. Der Advanced Chip Design Accelerator (ACDA) in Baden-Württemberg, an dem in Zukunft hochmoderne Chiplet-, Packaging-, Systemintegrations-, Sensor- und (Edge-)KI-Technologien entwickeln werden sollen, ist ein weiteres Beispiel für vielversprechende Initiativen.
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Mit diesen hochinnovativen Ökosystemen kann Europa wechselseitige Abhängigkeiten reduzieren und auch politische Verhandlungsmasse für handels- oder geopolitische Konflikte schaffen.
Wer den Zugang zu Hochleistungshalbleitern kontrolliert, bestimmt die Spielregeln der digitalen und sicherheitspolitischen Zukunft. Dies ist nicht nur für zukünftige industrielle Fertigung, das KI-Rennen und den wachsenden Bereich der Robotik entscheidend, es ist auch militärisch hochrelevant.
Die geplanten fünf EU-AI-Gigafactories, mindestens eine davon sollte zwingend in Deutschland entstehen, sind neben dem EU Chips Act erste wichtige Schritte auf europäischer Ebene in diese Richtung.
In Deutschland fehlen klare Ziele im Halbleitermarkt
2025 sind vor allem über den European Chips Act und das IPCEI Mikroelektronik rund 2,9 Milliarden Euro für Mikroelektronik vorgesehen. Doch die Mittel sind im Vergleich zu 2024 rückläufig, und die langfristige Verstetigung bleibt unklar.
Die Bundesregierung hat mit der Hightech Agenda einen strategischen Rahmen geschaffen, um Schlüsseltechnologien zu fördern. Die Mikroelektronik ist richtigerweise eine davon.
Die Hightech-Agenda setzt zwar wichtige Impulse, etwa durch Roadmaps und Flaggschiff-Initiativen, doch es fehlen klare Ziele und definierte Meilensteine. Entscheidend im schnelllebigen und rasant wachsenden Halbleitermarkt ist aber Geschwindigkeit.
Mikroelektronik ist eine sicherheitsrelevante Schlüsseltechnologie. Eine strategische Stärkung des Mikroelektronik-Standorts Deutschland sollte technologische Souveränität, strategische internationale Partnerschaften, Rohstoffsicherung und zielgerichtete Förderung miteinander vereinen.
Wir müssen nicht nur kritische Produktionskapazitäten sichern, sondern brauchen auch eine Förderkulisse für zukünftige große Abnehmer von Halbleitern wie Medizintechnik und KI-Robotik. Staatliche Fördermittel reichen jedoch nicht aus.
Regulatorische Hürden müssen abgebaut, Planungs- und Genehmigungsprozesse vereinfacht und beschleunigt sowie der Fachkräftemangel bekämpft werden, um schnell neue Produktionskapazitäten aufzubauen.
Technologische Stärke ist zentral für unsere Widerstandsfähigkeit, das zeigt der Konflikt um Chips-Exporte zwischen China und den USA. An dieser Erkenntnis muss sich die deutsche und europäische Technologiepolitik ausrichten.
Die Autorin: Iris Plöger ist in der BDI-Hauptgeschäftsführung für den Bereich Digitales zuständig.