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Gastkommentar Christoph Meinel: Deutschland muss bei der digitalen Schulbildung nachsitzen

Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie dringend die Schulen modernisiert werden müssen. Wie digital unterstützter Unterricht gelingen kann.
01.12.2020 - 09:54 Uhr Kommentieren
Christoph Meinel ist Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering (HPI) und Professor für Internet-Technologien und Systeme.
Der Autor

Christoph Meinel ist Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering (HPI) und Professor für Internet-Technologien und Systeme.

Die digitale Schulbildung steht nach Jahren vergeblicher Appelle und vieler, wenig nachhaltiger Projekte im Fokus der Öffentlichkeit. Die Corona-Pandemie hat das Ausmaß der Versäumnisse sehr deutlich gemacht. Trotz milliardenschwerer Förderprogramme des Bundes fehlen vielerorts durchdachte Konzepte, wie der Unterricht in Schulen digital unterstützt werden kann. Deutschland muss nachsitzen.

Wer einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie digital unterstützter Unterricht gelingen kann, braucht nur nach Dänemark zu schauen. Dort sind Laptop, Smartphone und Whiteboard feste Bestandteile des Unterrichts. Abschlussprüfungen werden am Computer geschrieben, Zeugnisse gibt es oft nur noch online.

Natürlich gibt es auch in Deutschland Schulen und Lehrkräfte, die digitale Lernmittel und -inhalte einsetzen. Was jedoch weitgehend fehlt, ist ein gemeinsames Verständnis, dass offene und gemeinsam genutzte digitale Plattformen wichtige Synergien schaffen.

Tatsächlich haben die föderalen Strukturen in Deutschland, schließlich ist Bildung Ländersache, die Digitalisierung in den Schulen ausgebremst. Lange wurde allein darüber diskutiert, wer dafür verantwortlich ist – der Schulträger oder das Land.

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    Anstatt Ideen und Investitionen zu bündeln, haben sich viele Schulen, Gemeinden oder Länder selbst auf den Weg gemacht und eigene Lernsysteme konzipiert oder eingekauft. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich unterschiedlicher „dezentraler Lösungen“, bei denen oft nicht einmal eindeutig geklärt ist, ob sie den gesetzlichen Regelungen im Datenschutz entsprechen.

    Dabei liegen die Vorteile gemeinsamer Plattformen auf der Hand. Gute digitale Infrastrukturen sind in ihrer Entwicklung sehr teuer und können nur für sehr viele Nutzende effizient betrieben werden. Sie erlauben eine schul- und länderübergreifende Zusammenarbeit, können von IT-Fachleuten professionell administriert werden und berücksichtigen die Bildungshoheit der Länder, die über die Plattform den Schulen eigene Inhalte zur Verfügung stellen können.

    Und solche einheitlichen Lernplattformen gibt es, zum Beispiel die HPI Schul-Cloud, die wir am Hasso-Plattner-Institut mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als gemeinnütziges Open-Source-Projekt seit 2016 entwickeln. Sie ermöglicht den nutzerfreundlichen und datenschutzkonformen Einsatz digitaler Lernmittel und -inhalte, bietet Schnittstellen zu Tools und Programmen verschiedenster Anbieter und steht bundesweit ohne Lizenz- und Betriebskosten zur Verfügung.

    Digitalen Raum mitgestalten

    Natürlich geht es nicht darum, den Präsenzunterricht komplett ins Digitale zu verlegen. Schließlich ist die Schule ein wichtiger Ort sozialer Interaktion. Mit der Digitalisierung bieten sich Lehrkräften vielmehr neue Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung, die nicht nur bei Schulschließungen zum Einsatz kommen.

    Die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler kann vertieft, das Verständnis für komplexe Zusammenhänge und ihre Medienkompetenz gefördert werden, damit sie in einer zunehmend digitalisierten Welt selbstbestimmt agieren können. Und dafür braucht es Mut. Zu mehr Innovation und weniger Regulation.

    Wir Deutschen tendieren dazu, alles bis ins kleinste Detail regulieren und planen zu wollen – so aber würgen wir Innovationen ab. Andere Nationen dagegen fangen einfach an – Stichwort Dänemark – und lernen beim Erproben. Hierzulande verstricken wir uns in theoretischen, oft ideologischen Erörterungen, anstatt loszulegen und zu schauen, was funktioniert und was nicht.

    Nach dem Motto „Mehr Digitalisierung wagen!“ müssen wir den digitalen Raum aktiv mitgestalten. Sonst tun es andere – etwa Technologiekonzerne aus den USA oder China. Gerade in einem zentralen staatlichen Zuständigkeitsbereich wie dem Schulwesen wäre es verfehlt, die Souveränität über sensible Schülerdaten der Verantwortung kommerzieller Anbieter zu überlassen.

    Stattdessen brauchen wir ein Umdenken nach dem Prinzip „Public Money – Public Code“. Staatliche Investitionen in den Ausbau offener Systeme und bundesweiter digitaler Infrastrukturen sowie der Einsatz von Open-Source-IT-Lösungen sind notwendig, die Souveränität Deutschlands im digitalen Raum zu sichern.

    Auf dem Weg zu einer sicheren digital unterstützten Schulbildung sind noch viele Hürden zu nehmen: flächendeckende Breitband-Internetanbindung, WLAN in den Klassenräumen, adäquate Geräteausstattung – aber all das reicht noch nicht aus.

    Es braucht noch mehr: einen gemeinsamen Masterplan, wie alle Schulen bei der Digitalisierung mitgenommen werden können, wie wir das pädagogische Potenzial digitaler Lernplattformen erschließen und die Lehrkräfte befähigen, die junge Generation auf eine zunehmend digitale Welt vorzubereiten. Die Pandemie hat uns die Augen geöffnet, ein Anfang ist gemacht. Deutschland muss den Weg nun beherzt in großen Schritten gehen.

    Mehr: Der Mittelstand hat bei der Digitalisierung Nachholbedarf

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