Gastkommentar: Das Interesse an der Zukunft verbessert die Qualität von Anlageentscheidungen
Die Wiederwahl von Donald Trump, die Eskalation im Nahen und Mittleren Osten, die Fortdauer des Kriegs in der Ukraine und Chinas Taiwan-Ambitionen – wenn die Eliten aus Wirtschaft und Politik wie jüngst in Davos die Lage der Welt skizzieren, kann einem mulmig werden. Das Ausmaß an Kriegsleid, politischer Repression und Ungerechtigkeit berührt uns.
Bei Anlageentscheidungen sollten wir uns aber nicht vom unmittelbaren Eindruck leiten lassen. Denn entgegen der Wahrnehmung vieler Beobachter und Marktteilnehmer haben große geopolitische Ereignisse häufig nur sehr kurzfristig Einfluss auf die Märkte. Politische Börsen haben nachweislich kurze Beine.
Das Muster wiederholte sich nach dem Fall der Mauer, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA, nach dem Brexit und auch nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs: Häufig handeln die Börsen schon wenige Monate nach dem geopolitischen Schock wieder auf vorherigen Niveaus.
Ökonomische Umbrüche äußern sich in politischen Umbrüchen – und nicht umgekehrt
Das liegt häufig daran, dass die politischen Krisen nicht Auslöser wirtschaftlicher Verwerfungen sind, sondern umgekehrt: Ökonomische Umbrüche äußern sich schließlich – einige Jahre später – auch in politischen Umbrüchen. Die Börsen bilden aber die ökonomischen Veränderungen lange ab, bevor sie in der Politik auf die Agenda kommen. Der ökonomische Hund wedelt in der Regel mit dem politischen Schwanz. Nichts anderes wollte schon Karl Marx sagen, als er feststellte: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
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Die Finanzmärkte sind kurzfristig emotional, aber mittel- und langfristig herzlos. Bei der Verdauung großer Ereignisse stellt sich bald die Frage, ob diese überhaupt einen wirtschaftlichen Unterschied machen. Häufig genug ist dies nicht der Fall. So hart es klingt: Was im Gazastreifen passiert, ist für die Weltwirtschaft nahezu irrelevant, und auch Russland spielt nur als Energielieferant eine Rolle – und füllt diese auch heute noch aus.
Ein Krieg zwischen China und den USA um Taiwan könnte tiefgreifende ökonomische Folgen haben
Nach dem 11. September 2001 ist der amerikanische Kapitalismus geblieben, was er immer war. Und so ist es auch, wenn wir nach vorne schauen: Die USA sind schon vor Jahren vom Magazin „Economist" als eine „fehlerhafte Demokratie“ klassifiziert worden – daran würde auch eine erneute Wahl von Donald Trump nichts ändern. Ökonomisch betrachtet wird der Wahlausgang deutlich weniger Wellen schlagen, als es die Schlagzeilen derzeit vermuten lassen.
Das einzige Ereignis, das ich mir derzeit vorstellen kann und das tiefgreifende ökonomische Auswirkungen hätte, wäre ein Krieg zwischen China und den USA um Taiwan. Das würde die wirtschaftliche Entkoppelung erheblich beschleunigen und Chinas Rückkehr in die Kommandowirtschaft vermutlich besiegeln.
Der Investor ist also besser beraten, sich die langfristigen ökonomischen Trends anzusehen als die Ereignisse in den Schlagzeilen. Hier liegen die wahren Treiber der Wirtschaft und der Börsen. Wer sich intensiv mit Digitalisierung („Software eats the World“), dem demografischen Wandel, der Rückkehr des Staates als wirtschaftlicher Akteur und seiner Unfähigkeit, die Steuern zu erhöhen oder die Ausgaben zu beschneiden, auseinandersetzt, wird die Qualität seiner Anlageentscheidungen sehr wahrscheinlich verbessern.
Neben den großen wirtschaftlichen Entwicklungen (deren Resultat die politischen Krisen dann häufig sind) ist es unerlässlich, die Geschäftsmodelle der Unternehmen unter die Lupe zu nehmen. Sind diese resilient und nachhaltig profitabel? Passen sie in die langfristigen wirtschaftlichen Entwicklungen? Handelt das Management aktionärsfreundlich? Das sind die beiden wesentlichen Stellgrößen des langfristig denkenden Investors: die großen Makro-Trends und die Geschäftsmodelle der einzelnen Unternehmen.
Die Fokussierung auf das, was geopolitisch schlecht laufen kann, wird irgendwann selbst zum Risiko. Risikoaversion hilft auf jeden Fall nicht, langfristig hohe Renditen zu erzielen, und ist auch nicht angetan, Deutschlands und Europas Wirtschaftsdynamik im globalen Kontext anzukurbeln. Ein wenig Glaube an den Fortschritt und Interesse an der Zukunft schaden nicht und sind nötig, um den bei der Kapitalanlage unerlässlichen Blick für die Chancen zu schärfen. Die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft bleiben von der Geopolitik meist unberührt.
Der Autor: Georg von Wallwitz ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der unabhängigen Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz.