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Gastkommentar Der Weg zum Covid-19-Impfstoff ist für Pharmaunternehmen riskant

Auf dem Weg zum Impfstoff gibt es viele Hürden. Welche Risiken und Nebenwirkungen die Entwicklung eines Corona-Vakzins birgt.
04.12.2020 - 09:05 Uhr Kommentieren
Evelyne Freitag ist Finanzchefin (CFO) von Sanofi-Aventis Deutschland. Quelle: Sanofi
Die Autorin

Evelyne Freitag ist Finanzchefin (CFO) von Sanofi-Aventis Deutschland.

(Foto: Sanofi)

„Für dich ist Corona doch ein Geschenk!“ Solche Sätze bekomme ich als CFO von Sanofi Deutschland erstaunlich oft zu hören. Neidisch wird auf die staatlichen Förderungen verwiesen, die angeblich in Milliardenhöhe in die Impfstoffentwicklung flössen. Lässig auf das vermeintliche Riesengeschäft gedeutet, das dem schnellsten Entwicklungsteam am Ende winke – mit einem schier unermesslichen Markt von sieben Milliarden Kunden, die bereit seien, jeden Preis für das rettende Präparat zu bezahlen.

Die Pharmabranche – so floriert der Mythos – gehört zu den sicheren Profiteuren der Pandemie. Nun ja, ich will nicht jammern, aber ich möchte diesen verbreiteten Irrtum doch gern etwas korrigieren.

Covid-19 ist auch für uns kein Lottogewinn. Im Gegenteil: Auch wir mussten von einem Tag auf den anderen Lösungen finden, um unsere Mitarbeiter vor einer Infektion zu schützen und um in einer zusammenbrechenden globalen Wirtschaft die Lieferfähigkeit lebenswichtiger Medikamente aufrechtzuerhalten.

Und wie alle anderen mussten auch wir digitale Fähigkeiten und Instrumente etablieren, mit denen unsere 100.000 Mitarbeiter weltweit, davon 9000 in Deutschland, ohne Qualitätseinbußen „remote“ arbeiten können. Agile Arbeitsweise verwandelte sich vom Modewort zur Realität, und das alles, während wir parallel mit neuen Risikostrategien versuchten, das Geschäft weiterzuführen.

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    Sicher, im Unterschied zu den meisten anderen Branchen gab es für uns einen mentalen Turbo, der uns aus der anfänglichen Schockstarre führte: Plötzlich war glasklar, wofür wir arbeiteten. Natürlich herrschte an Sinnhaftigkeit auch zuvor kein Mangel. Millionen Menschen mit Diabetes führen dank unserer Insulin-Präparate ein weitestgehend normales Leben. Auch unsere Impfstoffe, ob gegen Grippe, Diphtherie, Tetanus oder Poliomyelitis, bewahren seit Jahrzehnten unzählige Menschen vor lebensgefährlichen Erkrankungen.

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    Doch aufgrund des schnellen Infektionsgeschehens und der damit verbundenen hohen Mortalität stellte uns Covid-19 neben den Herausforderungen in Forschung und Entwicklung auch vor Herausforderungen bei den Zulassungen, Produktions- und Fertigungskapazitäten bis hin zur Distribution derart großer Mengen in alle Zipfel der Welt.

    Während die breite Öffentlichkeit die „Jagd auf den Impfstoff“ wie ein sportliches Rennen betrachtet und darauf wartet, möglichst bald den Gewinner zu bejubeln, muss ich das Unternehmen als Ganzes im Blick behalten. „Alles auf die 17“ mag beim Roulette im Spielkasino eine coole Wette sein, für einen internationalen Konzern, der ein Spektrum an Therapieoptionen anbietet von Multipler Sklerose bis Onkologie, von Diabetes bis Herzkreislauferkrankungen, von Husten bis Verdauung, wäre ein „alles auf Covid-19“ schlichtweg verantwortungslos.

    Hohe Investitionen nötig

    Als Finanzfrau betrachte ich nicht die moralischen oder medizinischen, sondern vor allem die unternehmerischen Risiken und Nebenwirkungen. Die Pharma-Welt ist ein aufwendiges Geschäft. Damit am Ende ein Medikament auf den Markt kommt, müssen aus Millionen von Molekülen 10.000 Substanzen analysiert und erforscht werden. Etwa eine Milliarde Euro fließen bis zur Markteinführung eines Medikaments, und zwar über einen Zeitraum von zehn bis zwölf Jahren.

    Bei Sanofi fließen insgesamt 17 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Bei einem Umsatz von knapp 36 Milliarden Euro sind das sechs Milliarden Euro im Jahr. Das ist eine der umfangreichsten Investitionen der Industrie überhaupt.
    Um die Covid-19-Investitionen leisten zu können, müssen wir also an anderer Stelle sparen und zusätzliche Finanzmittel organisieren. Und was, wenn das Coronavirus wie einst Sars oder die Spanische Grippe einfach von selbst verschwindet? Was, wenn es mutiert und teuer entwickelte Wirkstoffe gegen künftige Viren-Generationen nicht (mehr) helfen?

    Frühe Verhandlungen und verbindliche Verabredungen mit unterschiedlichsten Regierungen, zu welchem Preis und in welcher Menge ein Impfstoff geliefert beziehungsweise abgenommen wird, wenn er denn endlich da ist, sind also nicht aus Gier nach Reichtum und Profit gespeist, sondern einem vernünftigen Blick auf mögliche Risiken geschuldet. Wie in jeder Branche muss bei den Investitionen maßvoll zwischen erhofften Gewinnen und möglichen Verlusten abgewogen werden.

    Bislang hatte die Pharmabranche sehr lange Zyklen. Jetzt muss sie lernen, sich deutlich schneller zu drehen: Plötzlich sollen alle in zwei Jahren leisten, was früher in zehn kaum zu schaffen war. Trotzdem stehen Sicherheit und Qualität im Vordergrund. Das Tempo von Forschung und Entwicklung hängt nicht an Wahlen oder Diktatorenwünschen. Auch hohe Renditeziele spielen keine Rolle.

    Kein Wettrennen der Giganten

    Anders als die meisten denken, gibt es kein Wettrennen der Giganten. Am Ende gewinnt nicht ein Unternehmen, sondern die Menschheit. Dafür arbeiten wir gerade alle gemeinsam, über alle Grenzen früheren Wettbewerbs hinweg. Die Welt der Wissenschaft war sowieso nie getrennt. Man beobachtet einander genau, ergänzt und reflektiert sich wechselseitig in den Forschungsarbeiten. Jetzt werden Dossiers schneller publiziert und schneller beurteilt. Der Wissenstransfer findet in Echtzeit statt. In der Forschung kommt verstärkt Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Recruiting von Patienten für die Studien läuft weltweit und geht schneller als je zuvor.

    Wir beschleunigen die Prozesse, ohne die Qualität zu reduzieren. Wir teilen die Arbeit klug auf und suchen Kooperationen mit möglichst vielen Partnern, von der Politik über die Regulatoren bis hin zu Universitäten, Start-ups und Mitbewerbern. Wir wollen das Virus besiegen, nicht die Konkurrenz. Alle schließen im Kampf gegen das Virus vielfältige cross-funktionale Allianzen. Wir üben uns nicht im Wettstreit, sondern in Solidarität. Wir lernen voneinander und überlassen anderen das Feld, wenn sie dort schneller Fortschritte machen als wir selbst.

    Die Verantwortung lastet auf vielen Schultern. Weltweit wird derzeit an 200 verschiedenen Impfstoffen geforscht. Schließlich brauchen wir Impfstoffe mit unterschiedlicher Wirksamkeit. Unter den sieben Milliarden Menschen weltweit wird es unterschiedlichste medizinische Unverträglichkeiten und Wirkmechanismen geben. Es wird nicht den einen Impfstoff für alle geben.

    Doch wie organisieren wir die medizinisch richtige und gesellschaftlich faire Verteilung? Das Robert Koch-Institut arbeitet bereits an Verteilungsplänen für Deutschland. Alte und Kranke zuerst, heißt die Devise. Aber wie kommunizieren wir die Ungleichzeitigkeit? Wie erklären wir die unterschiedlichen Wirkmechanismen? Wie organisieren wir nach welchen Kriterien die Komplexität der Verteilung?

    Zudem schauen wir mit Sorge auf die große Zahl an Skeptikern, die eine Impfung verweigern wollen. Damit stellen sich neue Herausforderungen. Muss es eine Impfpflicht geben? Können am Ende doch nur autoritäre Systeme wie in China das Virus komplett unter Kontrolle bringen? Oder ist auch in demokratischen Gesellschaften wie in Neuseeland die notwendige Disziplin und Resilienz möglich? Wie gelingt eine transparente laiengerechte Aufklärung der Bevölkerung – und das in Ländern mit unterschiedlichsten, aber überall sehr strengen Regularien zur Patienteninformationen?

    Risiko der Pandemie war bekannt

    Es gibt mehr Fragen als Antworten. Als Finanzerin übe ich mich in wachsamer Gelassenheit. Die Sensoren sind aktiviert. Die Risiken sind bekannt. Solange wir uns im Zielkorridor befinden, sind wir gut unterwegs. Wenn die Zahlen unter den Wert Q fallen, drücke ich den Kostenknopf R. Statt ständig den Kurs und die Planung zu ändern, entwickeln wir neue, kleinteiligere Indikatoren, auf die man sensibler und schneller reagieren kann. Statt uns auf jede Eventualität penibel und präzise vorzubereiten, haben wir verschiedene Optionen. Es ist wie im Auto; erst beim Aufprall öffnet sich der Airbag.

    Auch das Risiko einer Pandemie war allseits lange bekannt. Wir wussten: Die Folgen wären groß, deswegen gab es Maßnahmenpläne. Wir wussten auch: Die Wahrscheinlichkeit ist gering; deswegen waren die Pläne nicht ausgefeilt. Wir waren überzeugt: Wir kriegen das hin. Und siehe da, wir kriegen das hin!

    Die wichtigste Lektion, die wir derzeit lernen, lautet: Wir müssen nicht auf alles vorbereitet sein, aber wir müssen mit allem umgehen können. Stichwort: Resilienz. Unternehmerisches Handeln heißt, aus Unsicherheiten eine Strategie zu entwickeln. Das ändert sich auch nicht durch Covid-19.

    Mehr: Profite durch Corona-Tests: Der schmale Grat des Diagnostik-Booms

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