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Gastkommentar Die europäische Mega-Cloud Gaia-X birgt viele Risiken

Die EU plant einen gigantischen Datenpool für Unternehmen und Institutionen. Doch die Risiken eines so großen Datenraums sind groß, warnt Harald Christ.
09.02.2021 - 18:18 Uhr Kommentieren
Harald Christ ist ein deutscher Unternehmer und Politiker. Früher war Christ in der SPD, seit September 2020 ist er Bundesschatzmeister der FDP. Quelle: Wikipedia
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Harald Christ ist ein deutscher Unternehmer und Politiker. Früher war Christ in der SPD, seit September 2020 ist er Bundesschatzmeister der FDP.

(Foto: Wikipedia)

Themen, die nicht direkt oder zumindest mittelbar mit der gegenwärtigen Krise zu tun haben, sind auf dem Markt des öffentlichen Diskurses derzeit kaum konkurrenzfähig. Das birgt erhebliche Gefahren für langfristige Entwicklungen und große Chancen für diejenigen, denen daran gelegen ist, irreversible Entscheidungen lieber ohne Rampenlicht zu befördern.

Was seit geraumer Zeit in Sachen Datensicherheit vor sich geht, gibt mit Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft Anlass zur Sorge, dass quasi auf der politischen Hinterbühne nicht wieder gutzumachende Fehlentscheidungen fallen. Ob und wenn ja wie Europa Souveränität (zurück)erhalten wird – über Daten und Algorithmen, über Privatheit oder geistiges Eigentum von Unternehmen

Am Anfang, 2019, stand ein großer Plan: Gaia-X, ein digitales europäisches Ökosystem, das es Unternehmen und Institutionen ermöglicht, Daten zu speichern und auszutauschen – ohne Risiko, von chinesischen oder US-amerikanischen Diensten oder Konkurrenten korrumpiert zu werden. Digitale Autonomie in einer sicheren Euro-Cloud, das klang damals ebenso charmant, wie es heute naiv wirkt.

Denn inzwischen sind diejenigen, die an nichts weniger interessiert sind als an einer digitalen Souveränität Dritter, längst dabei, eine an sich gute Idee zu kapern. Google, Facebook, Amazon, Huawei und diverse Geheimdienste haben längst erkannt, dass mit Gaia-X ein gigantischer Datenpool entstehen könnte, eine fantastische Schokoladenfabrik, die dem, der es schafft, über die Mauer zu klettern, ein Stück Paradies verheißt.

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    Hunderte, vielleicht Tausende Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in Europa, die ihre Daten auf eigenen Servern in einer eigenen Cloud speichern und darüber kommunizieren – welch eine Verlockung!

    Datenschützer und IT-Experten sind längst alarmiert, doch die Bundesregierung wiegelt ab: Nicht europäische Partner, so ließ das Bundeswirtschaftsministerium in dieser Woche mitteilen, erhielten nur Zugang, wenn sie sich zuvor auf weitreichende Sicherheitszertifikate verpflichten würden.

    US-Konzerne planen Beteiligung an Cloud

    Gucken – ja, aber nichts anfassen: Was von derartigen Zusicherungen zu halten ist, wissen wir nicht erst, seit Facebook Daten seiner Kunden an kommerzielle Wahlkampfhelfer verkauft oder der US-Geheimdienst NSA das Handy von Kanzlerin Angela Merkel abgehört hat. Ausgerechnet ein US-Technologiekonzern, dessen Gründung von der CIA finanziert wurde, hat im Sommer 2020 als einer der Ersten angekündigt, sich an Gaia-X beteiligen zu wollen.

    Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Bleibt die Frage, ob eine europäische Infrastruktur wie die Mega-Cloud Gaia-X ohne Teilnahme von Techgiganten aus den USA oder China überhaupt funktionsfähig wäre und damit Sinn macht. Ja, wenn sie als Ergänzung und Fortentwicklung bestehender globaler Strukturen betrachtet wird.

    Nein, wenn damit die Illusion verknüpft wird, Europa könnte sich damit einen sicheren Datenraum schaffen, in dem unbefugtes Mithören oder -lesen nicht nur unzulässig, sondern unmöglich ist. Das Projekt als Beitrag zur Datensicherheit oder gar zum Datenschutz zu verkaufen ist eine bewusste Irreführung.

    Denn längst haben interessierte Firmen und Institutionen außerhalb Europas die technischen Mittel, ihren digitalen Hunger global zu stillen. Anders ausgedrückt: Wer mit seiner Software Osama bin Laden in seinem Versteck aufstöbern kann, der ist auch in der Lage, Zugänge zu einer Euro-Cloud zu ermöglichen.

    Das führt zu der bitteren Erkenntnis, dass die Staaten Europas in einem hochsensiblen Feld des digitalen Ökosystems längst den Anschluss verloren haben und nun auf Know-how von Technologiekonzernen aus den USA oder Israel angewiesen sind: Die Rede ist von spezieller Software, wie sie Unternehmen, Sicherheitsbehörden und Geheimdienste für ihre Verwaltung, Recherche- und Ermittlungsarbeit benötigen.

    Lichtblick aus Österreich

    Die Folge ist, dass beispielsweise die Polizei in Hessen und künftig wohl auch in NRW auf Produkte eines US-Anbieters zurückgreift, der in den Vereinigten Staaten Geheimdienste und Militär ausrüstet. Die einzigen europäischen Anbieter solcher Software sind entweder vom Markt verschwunden oder, nach Ansicht der Bundesregierung, durch zwielichtige Geschäfte mit Partnern aus Staaten mit zweifelhaftem Leumund diskreditiert.

    Ein gewisser Lichtblick kommt ausgerechnet aus Österreich, wo eine kleine Software-Boutique in Wien derzeit zum Sprung auf die Bühne ansetzt. Bundesinnenminister Seehofer formuliert es so: „Wir können nur mit solchen Anbietern zusammenarbeiten, die unsere Sicherheitsvorgaben einhalten und damit unsere digitale Souveränität gewährleisten.“

    Das sollte sowohl für das technische Know-how in Sachen Big Data als auch für das im Aufbau befindliche digitale Ökosystem Gaia-X gelten. Von der naiven Vorstellung, Europa könne sich damit in Zeiten globaler Datenströme gegen ungebetene Ein- und Zugriffe von außerhalb absichern, sollten wir uns allerdings verabschieden.

    Mehr: Cloud-Projekt Gaia-X: Deutsche Behörden warnen vor Beteiligung von US-Techfirmen

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