Gastkommentar: Droht Deutschland jetzt die Deindustrialisierung? Vier Gründe sprechen klar dagegen
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Foto: Imago (2)Kaum eine Woche vergeht ohne Warnrufe von Unternehmen. Wahlweise vermelden sie akute Existenzängste oder kündigen an, Aktivitäten ins Ausland verlagern zu wollen. Das Schreckgespenst der Deindustrialisierung schwebt durch das Land.
Wie ernst müssen wir diese Sorge nehmen? Aktuelle Zahlen deuten nicht darauf hin, dass der Untergang ganzer Industriezweige unmittelbar bevorsteht. Dennoch: Verschläft die deutsche Wirtschaft weiterhin die ökologische Transformation und die Digitalisierung, könnte eine Deindustrialisierung in zehn bis 15 Jahren tatsächlich Realität werden.
Es gibt vier gute Gründe, weshalb eine Deindustrialisierung in den nächsten zwei oder drei Jahren höchst unwahrscheinlich ist. Zuallererst sehen wir derzeit keine Welle von Unternehmensinsolvenzen. Auch wenn zahlreiche kleinere Unternehmen schließen mussten, zeigt sich ein Großteil der Wirtschaft bemerkenswert resilient.
Kurzfristig ist eine Deindustrialisierung sehr unwahrscheinlich
Zweitens ist die Ertragslage vieler mittelständischer und großer Unternehmen ist in dieser Krise erstaunlich gut. Einige Dax-Konzerne fahren sogar Rekordgewinne ein. Bereits in vorherigen Krisen hat sich die mittelständisch geprägte Struktur der deutschen Wirtschaft als große Stärke erwiesen, weil ein großer Teil der Unternehmen langfristig orientiert und risikoscheu agiert.