Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar – „Global Challenges“ Staatskapitalismus vs. Marktwirtschaft: Pandemie bringt Frage des Systemwettbewerbs zurück auf die Agenda

Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, haben Konjunktur. Das beschert uns einen neuen Systemwettkampf, meint Jörg Rocholl.
11.02.2021 - 10:44 Uhr 1 Kommentar
In der chinesischen Stadt soll das Coronavirus seinen Ursprung haben. Quelle: AFP
Menschen in Wuhan

In der chinesischen Stadt soll das Coronavirus seinen Ursprung haben.

(Foto: AFP)

Ist der chinesische Staatskapitalismus dem freiheitlichen westlichen Ansatz vielleicht doch überlegen? Diese Frage tritt wegen der Pandemie wieder in den Vordergrund. Denn China bekämpft nicht nur das Coronavirus sehr erfolgreich, auch die Wirtschaft des Landes hat rasch auf einen Wachstumspfad zurückgefunden, von dem die USA und Europa zurzeit nur träumen können.

Die Frage des Systemwettbewerbs – vielen Beobachtern schien sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schon endgültig zugunsten des Westens beantwortet – steht also wieder auf der internationalen Agenda. Was kann der Westen tun, um seine Position im Wettstreit zwischen Staatskapitalismus und Marktwirtschaft zu verbessern? Und wo wäre trotz aller ideologischer Unterschiede Kooperation sinnvoller als Konfrontation?

Zunächst lohnt ein kurzer Rückblick auf die globale Finanzkrise 2008/09. Damals war viel von Banken die Rede, deren globale Systemrelevanz unterschätzt wurde. Tatsächlich schafften es spekulative Geschäfte mit Hypothekenkrediten zur Finanzierung von Eigenheimen in den USA, das weltweit vernetzte Finanzsystem ins Wanken zu bringen.

Die nachfolgende Krise traf selbst Länder in Europa empfindlich, die wie Deutschland weit von einem überhitzten Immobilienmarkt entfernt waren. Auf die globale Finanzkrise reagierte die Politik mit deutlich verschärften regulatorischen Anforderungen an Finanzmärkte und -institutionen.

Die Finanzkrise weist Parallelen zur gegenwärtigen Pandemie-Krise auf. Diesmal reichte wohl ein Krankheitsausbruch auf einem chinesischen Tiermarkt, um die Weltbevölkerung zu gefährden. Bei Corona wurde in einer globalisierten Welt die Systemrelevanz von Gesundheit und Gesundheitssystemen unterschätzt. Jenseits aller Sofortmaßnahmen und des Schutzes gerade der älteren und pflegebedürftigen Bevölkerung stellt sich deshalb wie vor zwölf Jahren die Frage, welche Lehren die Politik aus der Krise ziehen sollte.

Am Anfang muss die Erkenntnis stehen: Diese Pandemie ist wie die letzte Finanzkrise keine Ausnahme, sondern dürfte in ähnlicher Form wieder auftauchen und um sich greifen. Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, haben nach Einschätzung von Experten Konjunktur. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich wichtige Schlussfolgerungen.

Digitalisierungsschub muss in Deutschland verstärkt werden

Beispiel Deutschland: Hier muss die öffentliche Verwaltung dringend auf ein internationales Spitzenniveau gebracht und insbesondere die Qualität der Gesundheitsämter verbessert werden. In digitalen Zeiten ist es für ein Hochtechnologieland anachronistisch, dass dort mit handgeschriebenen Listen und ausgedruckten Excel-Tabellen gearbeitet wird. Vielen jüngeren Menschen dürfte wohl erst in den vergangenen Monaten klargeworden sein, dass es noch Telefax gibt. Der Digitalisierungsschub in diesem und anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung muss dringend verstärkt werden.

Der Autor ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Jörg Rocholl

Der Autor ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Während viele private Arbeitgeber schnell auf die Möglichkeit des Homeoffice umgestiegen sind, hinkt die öffentliche Verwaltung hinterher. Auch die Qualität des Homeschooling hängt nach wie vor viel zu stark von der individuellen Bereitschaft und dem persönlichen Engagement von Lehrerinnen und Lehrern ab – eine umfassende digitale Strategie der Schulen ist eher die Ausnahme als die Regel. Deutschland muss aufholen.

Darüber hinaus sollte in der westlichen Welt eine grundlegende Diskussion über das Verhältnis zwischen Infektionsschutz und Datenschutz geführt werden – gerade in Zeiten der Pandemie können sich Fragen der Abwägung zwischen beiden Gütern neu stellen. Die Debatte hat zum Beispiel unmittelbare Bedeutung für die Funktionsfähigkeit und Effizienz der Warn-App oder die Vergabe von Impfterminen.

Der internationale Vergleich zeigt auch hier: Deutschland und Europa könnten besser dastehen. In jedem Fall müssten zentrale Fragen beantwortet werden, bevor die nächste Pandemie zuschlägt – um dann nicht überstürzt das Verhältnis zwischen Infektionsschutz und Datenschutz neu zu bestimmen.

Zusammenwirken privater und öffentlicher Akteure notwendig

Schließlich sollte gerade in Deutschland intensiv überlegt werden, wie Innovationen im Medizin- und Pharmasektor systematischer unterstützt und gefördert werden können. Es ist dem besonderen Unternehmergeist zu verdanken, dass Impfstoffe viel schneller entwickelt werden konnten, als die meisten Experten das zu Beginn der Krise erwartet hatten. Privates Kapital hat hier eine besonders positive Rolle gespielt, ebenso die schnelle Umsetzung universitärer Erkenntnisse in neue Produkte.

Europa sieht sich aber auch mit der Tatsache konfrontiert, dass die staatlichen Vakzin-Beschaffungsaufträge nicht optimal funktionieren. Ein engeres und besser abgestimmtes Zusammenwirken privater und öffentlicher Akteure sowie eine angemessene Risikoteilung sind mit Blick auf die nächste Pandemie von zentraler Bedeutung.

Da Corona keine Landesgrenzen kennt, sind transkontinentale Strategien zur Bekämpfung des Virus erforderlich – hier muss der Systemwettbewerb zugunsten der Kooperation in den Hintergrund treten. Wir brauchen Impfpläne, die auf internationaler Ebene besser abgestimmt werden. Die jetzige Krise zeigt, wie Mutationen in Großbritannien, Brasilien oder Südafrika schnell vermeintliche Erfolge bei der Bekämpfung der Pandemie in einzelnen Staaten zunichtemachen.

Die Abgabe von Impfstoffen an andere Staaten wird in Zeiten des Mangels keine Jubelstürme hervorrufen und birgt die Gefahr, populistisch ausgeschlachtet zu werden. Derzeit aber haben sich 16 Prozent der Weltbevölkerung rund 60 Prozent der verfügbaren Impfstoffe gesichert. Die reichen Länder müssen erkennen, dass eine faire Verteilung der Vakzine letztlich auch in ihrem Interesse ist. Denn niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind. Staaten, die glaubten, die Coronakrise vorrangig mit nationalen Maßnahmen überwinden zu können, leiden oft besonders stark unter der Pandemie.

Deutschland und Europa müssen, um bei der nächsten globalen Krise im Systemwettkampf bestehen zu können, besser gewappnet sein als diesmal. Deshalb lohnt es sich etwa, erfolgreiche Corona-Bekämpfungsstrategien in Asien zu studieren. Der Systemwettbewerb zwischen Staatskapitalismus und Marktwirtschaft sollte dort an seine Grenzen kommen, wo globale Herausforderungen zu bestehen sind.

Unter dem Eindruck der Weltfinanzkrise hatten sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer auf Grundzüge zur Reform des Finanzsystems geeinigt und sich verpflichtet, alle Finanzmärkte, Produkte und Akteure zu regulieren oder zu überwachen. Jetzt wäre die Staatengemeinschaft gut beraten, erneut das G20-Format zu nutzen, um gemeinsame Antworten auf die Herausforderung der Pandemie zu finden.

Mehr: Investitions-Deal mit China: Merkel und von der Leyen sind die Verliererinnen, meint Global-Challenges-Autorin Renate Schubert

Startseite
Mehr zu: Gastkommentar – „Global Challenges“ - Staatskapitalismus vs. Marktwirtschaft: Pandemie bringt Frage des Systemwettbewerbs zurück auf die Agenda
1 Kommentar zu "Gastkommentar – „Global Challenges“: Staatskapitalismus vs. Marktwirtschaft: Pandemie bringt Frage des Systemwettbewerbs zurück auf die Agenda"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Freiheitlich westliche Demokratie... das ist Zynisch. Über 80 Millionen Menschen werden von einer Politik entmündigt. Nach der derzeitigen Anzahl der täglichen Toten, im Verhältnis zu den täglichen Infektionszahlen, hat Deutschland das schlechteste Gesundheitssystem und die schlechtesten Ärzte der Welt- die schlechteste Politik im Umgang mit der Pandemie .. oder es wird falsch gezählt ... Wenn es die gleiche prozentuale Anzahl von Toten in den USA gäben würde ( !!! ), entspreche dies einer Zahl von ca. 10.000 Toten täglich in den USA. Das Thema " Alter der deutschen Bevölkerung " ist Blödsinn... dann berechnet dies bitte mal jemand auf Italien oder Japan, die eine wesentlich ältere Bevölkerung haben als Deutschland. Und ich vergleiche Deutschland nicht mit Indien oder dergleichen. Dir Politik hat vollständig versagt !!! Kinder, Eltern und die freiheitliche demokratische Grundordnung wurden von der Regierung Merkel sträflich vernachlässigt und verraten. Die Regierung sollte sich schämen und freiwillig abtreten !!!

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%