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Gastkommentar Russland und Deutschland sollten beim Atommüll kooperieren

Statt einer endlosen Endlagersuche könnte man besser gemeinsam die Chancen der Wiederaufbereitung nuklearer Brennstoffe ausloten, schlägt Nikolai Spassky vor.
31.03.2021 - 05:00 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Vizegeneraldirektor des russischen Staatskonzerns Rosatom. Er ist dort zuständig für die internationale Zusammenarbeit. Nach Stationen im russischen Außenministerium war er von 1997 bis 2004 russischer Botschafter in Italien. Quelle: IAEA, M
Nikolai Spassky

Der Autor ist Vizegeneraldirektor des russischen Staatskonzerns Rosatom. Er ist dort zuständig für die internationale Zusammenarbeit. Nach Stationen im russischen Außenministerium war er von 1997 bis 2004 russischer Botschafter in Italien.

(Foto: IAEA, M)

Wenn Deutsche und Russen auf die Kernenergie schauen, tun sie das aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. In Russland haben wir kürzlich den 75. Jahrestag der Atomindustrie gefeiert und entwickeln die Kerntechnik aktiv weiter. Deutschland steigt 2022 aus der Produktion von Nuklearenergie aus. Was auch in Deutschland mit Begeisterung für eine Technik begann, die bezahlbare Energie in unbegrenzter Menge versprach, scheiterte am gesellschaftlichen Widerstand.

In Russland bedauern wir den deutschen Atomausstieg, aber wir akzeptieren ihn natürlich. Unabhängig davon bleibt uns allen die Stromerzeugung aus Kernenergie noch lange erhalten. Angesichts eines Kernkraftanteils an der globalen Stromerzeugung von 10,5 Prozent aus 443 laufenden Reaktoren und über 50 weiteren, die weltweit im Bau sind, erscheint der deutsche Atomausstieg vielen als Sonderweg.

Das gilt umso mehr, als gerade in der Klimaschutzbewegung wichtige Kräfte die Stromgewinnung aus Kernkraft als letztlich unabdingbar im Kampf gegen die Erderwärmung ansehen. Einer von ihnen ist der große britische Forscher und ökologische Vordenker James Lovelock. Der Begründer der Gaia-Theorie geht davon aus, dass der Planet Erde als eine Art riesiger Superorganismus begriffen werden kann. Lovelock wird nicht müde, die Kernkraft als Teil der Lösung des Klimaproblems zu preisen.

Auch der Uno-Weltklimarat IPCC hat sich in seinem Sonderbericht zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius so geäußert und geht ebenfalls von einer bedeutenden Rolle der Kernkraft aus. Vor diesem Hintergrund halten auch zwölf von 27 EU-Staaten – darunter Frankreich mit aktuell 56 Reaktoren – ausdrücklich an der Kernenergie fest.

Aber selbst wenn alle dem deutschen Ausstieg aus der Kernenergie folgen würden, bliebe immer noch das Thema Atommüll. Weltweit gibt es über 300.000 Tonnen abgebrannter Brennelemente und hochradioaktiver Abfälle. Auch Deutschland hat mit über 10.000 Tonnen eine erhebliche nukleare „Erblast“ zu tragen. Deshalb hat sich die Bundesrepublik entschieden, ihre einst führende Position in der globalen Kernforschung zwar zurückzufahren, aber doch wesentliche Fähigkeiten auf den Gebieten der nuklearen Sicherheit und Entsorgung zu erhalten.

Die internationale Kernenergie-Community verfolgt mit großem Interesse, dass Deutschland seine Endlagersuche derzeit forciert. Wir sehen aber auch: Es dürfte nicht einfach werden, für ein Endlager in der Bundesrepublik genügend Akzeptanz bei den Menschen in den betroffenen Regionen zu finden – Deutschland ist eben sehr dicht besiedelt. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat eine Entscheidung für ein Endlager in Bayern ja offenbar bereits kategorisch ausgeschlossen.

Die Ausfuhr von Kernbrennstoffen zur Wiederaufbereitung ist heute in der Bundesrepublik untersagt. Es gilt das Verursacherprinzip. Der deutsche Atommüll soll unbehandelt in einem deutschen Endlager für eine Million Jahre sicher eingelagert werden, dessen Erkundung, Erschließung und Befüllung wohl noch bis in das 22. Jahrhundert dauern werden.

Derweil schließt das deutsche Standortauswahlgesetz, das eine Rückholbarkeitsgarantie von 500 Jahren für ein Endlager zur Auflage macht, die Berücksichtigung alternativer Entsorgungsoptionen nicht grundsätzlich aus.

Strahlzeit des Atommülls drastisch senken

Russland investiert derzeit sehr aktiv in die Weiterentwicklung der Kernenergie und setzt dabei ganz entscheidend auf technologischen Fortschritt. Wir glauben an die wichtige Rolle der Kernkraft für die Energieversorgung der Welt – gerade unter den Bedingungen des Klimawandels.

Dabei würde die Wiederaufbereitung nuklearer Brennstoffe vor ihrer Endlagerung die Gefahr für die Umwelt unserer Ansicht nach entscheidend verringern. Und gerade beim Umgang mit hochradioaktiven Abfällen sind Fortschritte erkennbar, ja, kündigt sich mittelfristig ein Durchbruch an.

Bei Rosatom forschen wir mit Nachdruck an der Weiterentwicklung unseres Brennstoffkreislaufs und lassen uns dabei vom Gedanken des Recyclings von Spaltprodukten leiten (fission material recycling). Es fällt mir daher schwer, hier von „Atommüll“ zu sprechen, denn aus ihm können in komplexen Verfahren Wertstoffe und Energie gewonnen werden, Kernforscher reden von „Partitionierung“ und „Transmutation“. Neben Recycling und Verwertung großer Teile der hochradioaktiven Abfälle versprechen diese Verfahren, die Menge des eigentlichen Atommülls signifikant zu verringern und seine Strahlzeit auf bis zu unter 300 Jahre zu senken.

Am Standort Belojarsk unweit von Jekaterinburg betreibt Rosatom seit über 30 Jahren leistungsfähige Schnelle Reaktoren, die bereits mit „Atommüll“ aus wiederaufbereitetem, plutoniumhaltigem Kernbrennstoff befüllt werden. In der sibirischen Stadt Sewersk bei Tomsk bauen wir einen weiteren Reaktor der neuen Generation Brest-300, dessen laufender Betrieb sich auf das Recycling nuklearer Brennstoffe innerhalb der Reaktoranlage selbst stützen wird. Gemeinsam mit diesem Reaktor errichten wir eine Wiederaufbereitungsanlage, in der aus Uran und Plutonium neuer Kernbrennstoff gewonnen wird.

Auch die Beigabe sogenannter minorer Aktinide, gefährlicher und langlebiger Bestandteile abgebrannter Brennelemente, ist geplant, die mithilfe schneller Neutronen im Reaktor transmutiert werden sollen. Im Bau ist dort auch ein Flüssigsalzreaktor, dessen Betrieb auf der Transmutation dieser minoren Aktinide basieren wird. Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, „Partitionierung“ und „Transmutation“ zu einem Standard der nuklearen Entsorgung zu machen, und streben die Zusammenarbeit mit kernkraftbetreibenden Staaten an.

Menschheit von nuklearer Erblast befreien

Zur vollständigen und sicheren Beherrschung dieses Prozesses bedarf es noch großer Forschungsanstrengungen. Wir laden Wissenschaftler aus aller Welt – besonders auch unsere deutschen Kollegen – dazu ein, sich daran zu beteiligen.

Der positive Beitrag der Kernkraft zum Klimaschutz wird heute durch ihre Unterstützer hervorgehoben – ihre Gegner betonen das Gefahrenpotenzial, das aus der ungelösten nuklearen Entsorgung erwächst. Beide Seiten erkennen derweil die Notwendigkeit, sichere und ökonomisch sinnvolle Verfahren im Umgang mit nuklearen Abfällen zu erforschen. Dabei könnte eine enge Forschungskooperation mit meinem Land dazu beitragen, die Herausforderung im Umgang mit hochradioaktiven Abfällen technologisch zu bewältigen und das große Potenzial der Kernenergie für den Klimaschutz zu heben.

Die Chance, die Menschheit in absehbarer Zeit durch neue Technologien von einem großen Teil ihrer nuklearen Erblast zu befreien und die Strahlung des „Restmülls“ erheblich zu reduzieren – ist das nicht eine Alternative zu einer endlosen Endlagerdebatte für gewaltige Mengen hochradioaktiven Abfalls?

Das ist letztlich eine Entscheidung der Deutschen – wir können unsere Erfahrungen als Dialogpartner anbieten.

Der Autor: Nikolai Spassky ist Vizegeneraldirektor des russischen Staatskonzerns Rosatom. Er ist dort zuständig für die internationale Zusammenarbeit. Nach Stationen im russischen Außenministerium war er von 1997 bis 2004 russischer Botschafter in Italien.

Mehr: Bundesumweltministerin: Bei Endlagersuche geht es nicht um politische Erwägungen.

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