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Gastkommentar Unsere Chance auf goldene Zwanzigerjahre

Die Finanzlage der Haushalte in der Euro-Zone ist im Durchschnitt gut. Und die Bürger haben mehr gespart als üblich. Das Nachholpotenzial ist enorm, meint Holger Schmieding.
10.05.2021 - 17:00 Uhr Kommentieren
Holger Schmieding ist Chefvolkswirt bei Berenberg und Autor des Buchs „Unser gutes Geld: Warum wir den Euro brauchen“. Quelle: Berenberg
Der Autor

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt bei Berenberg und Autor des Buchs „Unser gutes Geld: Warum wir den Euro brauchen“.

(Foto: Berenberg)

Vor 100 Jahren begannen nach Weltkrieg und Spanischer Grippe die wilden Zwanzigerjahre. Die Verzweiflung und Lebenslust der Überlebenden entlud sich in einem langen Boom mit vielerlei Exzessen, der schließlich in einer neuen Katastrophe endete.

Kann sich die Geschichte wiederholen? Ja und nein. Ja, wir haben die große Chance auf einen kräftigen und lang anhaltenden Aufschwung nach der Pandemie. Nein, aus heutiger Sicht gibt es keinen Grund, ein Ende mit Schrecken vergleichbar der Großen Depression ab 1929 zu befürchten. Wenn die Wirtschaftspolitik keine groben Fehler macht, können es diesmal goldene Zwanzigerjahre werden.

Noch hält die Pandemie unser Leben im Würgegriff. Aber Besserung ist in Sicht. Impffortschritte und geeignete Notbremsen können helfen. Wie im Vorjahr werden wir die Einschränkungen des öffentlichen Lebens vermutlich bald spürbar lockern können. Dank vieler Impfstoffe wird Covid-19 im Herbst hoffentlich seine Schrecken weitgehend verloren haben.

Im Frühjahr und Sommer 2020 hat sich bereits gezeigt, wie schnell die Konjunktur wieder anspringen kann. Von Mai bis November haben nahezu alle Wirtschaftsdaten positiv überrascht. Mehr noch als im Vorjahr möchten die Menschen heute wieder zurück in Restaurants und Biergärten, Konzerthallen und Museen, in die Berge und an die Strände. Sobald es wieder erlaubt und hinreichend sicher ist, wird sich die aufgestaute Nachfrage entladen.

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    An Geld mangelt es nicht. Trotz vieler Härten im Einzelfall ist die Finanzlage der Haushalte in der Euro-Zone im Durchschnitt gut. Da sie ihr Geld nicht für den gewohnten Urlaub und die üblichen Freizeitvergnügen ausgeben konnten, haben die Bürger im vergangenen Jahr etwa 50 Prozent mehr gespart als üblich. Das Nachholpotenzial ist enorm.

    Auch die anderen Konjunkturzylinder könnten ab Sommer auf Hochtouren laufen. Der Außenhandel blüht, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen steigt und die Staaten werden quer durch Europa ihre Investitionen und ihre Ausgaben für die Gesundheitsvorsorge erhöhen. Zudem bläst der Rückenwind durch Geld- und Fiskalpolitik stärker als je zuvor. Bereits Ende des Jahres könnte Deutschland wieder die Wirtschaftsleistung von Ende 2019, also der Zeit vor der Pandemie erreichen, die Euro-Zone insgesamt im Frühjahr 2022.

    Über den reinen Wiederaufschwung nach dem Schock der Pandemie hinaus sprechen gute Gründe für eine längere Phase höheren Wirtschaftswachstums in der westlichen Welt. Schocks zwingen uns, unsere Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen und Neues auszuprobieren. Krisen treiben Innovationen. Viele von uns mussten sich seit März 2020 im Homeoffice auf digitale Technologien umstellen, die wir vorher nur selten genutzt hatten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich zudem eine Kluft aufgetan zwischen den Unternehmen, die Spitzentechnologien einsetzen und solchen, die weit hinterherhinken.

    In der Krise haben die Spitzenreiter ihre Position ausbauen können. Viele andere Unternehmen werden unter Druck geraten. Entweder sie finden den Anschluss an die neuen Technologien – oder sie verschwinden vom Markt.

    Beides erhöht die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Auch die zusätzlichen Schulden, die vor allem schwächere Unternehmen in der Pandemie aufnehmen mussten, wirken letztlich wie eine Produktivitätspeitsche. Bei Finanzierungskosten, die schrittweise steigen werden, müssen sie sich mehr anstrengen, um nicht unterzugehen.

    Die Wirtschaftsleistung pro Kopf steigt

    Hinzu kommt die Demografie. In Europa, Nordamerika und China gehen die geburtenstarken Jahrgänge im Verlauf der Zwanzigerjahre in den Ruhestand. Sobald die Konjunktur sich vom Corona-Einbruch erholt hat, werden gute Arbeitskräfte von Jahr zu Jahr knapper und begehrter werden. Um den daraus resultierenden Lohndruck abzufedern, müssen Unternehmen verstärkt in arbeitssparende Technologien investieren. Damit steigt die Wirtschaftsleistung pro Kopf.

    Da der demografische Wandel große Teile der Weltwirtschaft gleichzeitig betrifft, werden Unternehmen ihm nur sehr begrenzt durch den Wechsel in Niedriglohnländer ausweichen können. Schnellere Lohnzuwächse bei Vollbeschäftigung können auf Dauer auch die politische Stimmung prägen. Sie werden helfen, die gefährliche Kluft zwischen höheren und niedrigeren Einkommen wieder zu verringern und damit eine Quelle der Unzufriedenheit einzudämmen, die zum Aufstieg des Populismus beigetragen hat.

    Die Aussicht auf goldene Zwanzigerjahre nach einem düsteren Start ins neue Jahrzehnt beschreibt eine Chance. Ob wir sie nutzen, entscheidet sich daran, ob wir auf drei große Herausforderungen richtig reagieren: auf den massiven Anstieg der Staatsschulden, den Bedarf für mehr Daseinsvorsorge und den Klimawandel. Nachdem wir aus dem Vollen geschöpft haben, müssen wir die Staatsdefizite wieder ins Lot bringen. Höhere Steuern und Sozialabgaben aber, die Arbeitnehmer und den Mittelstand belasten, wären Gift.

    Deutschland hat es mit einem Rückgang seiner staatlichen Schuldenquote von 82,5 Prozent im Jahr 2010 auf knapp 60 Prozent 2019 bereits vorgemacht: Wachstum mit Vollbeschäftigung, letztlich das Ergebnis der Erfolgsagenda 2010, ist das einzig wirksame Rezept gegen hohe Staatsschulden. Ein höheres Renteneintrittsalter gehört dazu. Eine bessere Risiko- und Daseinsvorsorge wird Geld kosten. Unternehmen müssen ihre Lieferketten breiter aufstellen. Auch Staaten müssen Reserven vorhalten, um für Krisen gerüstet zu sein.

    Wir wissen heute mehr über Wirtschaftskrisen

    Feuerwehr und Polizei mussten schon immer so ausgestattet sein, dass sie im Normalfall nicht voll ausgelastet sind, um im seltenen Notfall schnell und kraftvoll eingreifen zu können. Dieses Prinzip muss auch für die Gesundheitsfürsorge gelten.

    Das klimaschonende Umsteuern unserer Wirtschaft und unseres eigenen Verhaltens ist gut für uns alle. Eine umfassende und vorhersehbar steigende Bepreisung des Schadstoffausstoßes ohne Ausnahmen gekoppelt mit einer Grenzausgleichsabgabe auf Ebene der Europäischen Union – oder im Idealfall gemeinsam mit den USA, Japan und anderen Partnern – würde Klima und Arbeitsplätze schonen und eine Verlagerung schmutziger Produktionen ins Ausland verhindern.

    Im vergangenen Jahrhundert endeten die wilden Zwanzigerjahre in einer wirtschaftlichen Katastrophe, der eine noch größere politische Katastrophe folgte. Dies sollte uns heute eine Warnung sein, vor allem vor den Gefahren einer falschen Wirtschaftspolitik, einer gesellschaftlichen Spaltung und des Populismus. Wir sind heute im Vorteil. Wir wissen mehr darüber, wie man Wirtschaftskrisen wirksam bekämpfen kann.

    Nach der Finanzkrise von 2008/2009 und in der Pandemie haben wir das gezeigt. Sowohl eine Hyperinflation als auch eine neue Große Depression sind heute unwahrscheinlich. Deshalb gibt es gute Chancen, dass die Zwanzigerjahre diesmal tatsächlich golden werden können. Aber nur, wenn wir die Weichen richtig stellen.

    Der Autor: Holger Schmieding ist Chefvolkswirt bei Berenberg und Autor des Buchs „Unser gutes Geld: Warum wir den Euro brauchen“.

    Mehr: Stärken sinkende Löhne die Wettbewerbsfähigkeit?

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