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Gastkommentar Volle Kraft voraus für die digitale Lehre an Hochschulen

Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Universitäten bereit für den technologischen Wandel sind. In der Digitalisierung steckt eine riesige Chance.
03.09.2020 - 17:14 Uhr Kommentieren
Dominik Austermann (links im Bild) ist Professor für strategisches und internationales Management an der Hochschule Mainz. Mathias Wolff lehrt als Kommunikationswissenschaftler strategische Kommunikation an der HTW Berlin. Quelle: Angelique Tuszakowski, Lucas Furlani [M]
Die Autoren

Dominik Austermann (links im Bild) ist Professor für strategisches und internationales Management an der Hochschule Mainz. Mathias Wolff lehrt als Kommunikationswissenschaftler strategische Kommunikation an der HTW Berlin.

(Foto: Angelique Tuszakowski, Lucas Furlani [M])

Kehren wir zurück zur Präsenzlehre, oder bleiben wir digital? Es sind folgenschwere Entscheidungen, vor denen die 424 Hochschulen in Deutschland stehen. Entscheidungen, die über den Lernalltag und -erfolg von rund 2,9 Millionen Studierenden bestimmen werden.

Wir haben im Sommersemester zusammen sieben Lehrveranstaltungen durchgeführt. Unsere Antwort aus der Praxis-Perspektive ist eindeutig. Solange wir das Virus nicht verlässlich im Griff haben, muss volle Kraft voraus für die digitale Lehre gelten – und zwar aus drei Gründen. Erstens: Hochschulen sind die Superspreader unter den Institutionen. Zweitens: An Hochschulen funktioniert digitale Lehre. Drittens: Digitale Lehre hat ungeahnte Stärken.

Hochschulen sind die Superspreader

Wie sieht ein typischer Hochschultag vieler Studierender aus? Er beginnt zum Beispiel mit einer Vorlesung mit über hundert Kommilitonen. Dann ein Abstecher in die Bibliothek, dann Mittagessen in der Mensa. Zum Schluss wieder eine Vorlesung oder ein Seminar. Das Ganze an einem offen durchmischten Campus mit oft Tausenden Studierenden – und ohne einen vergleichsweise schützenden Klassenverband, wie es ihn an Schulen gibt.

Man muss kein Experte für infektionsepidemiologische Modelle sein, um festzustellen: Hochschulen sind ein Corona-Albtraum – vor allem, wenn im Wintersemester die Temperaturen offene Fenster unmöglich machen. Wenn eine Vor-Ort-Präsenz die einzige Möglichkeit für eine sinnvolle und qualitativ akzeptable Lehre wäre, hätten wir jetzt ein Problem. Aber glücklicherweise ist das nicht der Fall.

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    Die Erfahrungen zeigen: Digitale Lehre funktioniert

    Die Rahmenbedingungen an den Hochschulen für digitales Lehren und Lernen sind großartig. Junge Erwachsene in Deutschland sind ohnehin mehrere Stunden am Tag online aktiv: 14- bis 29-Jährige sind über 200 Minuten online, Tendenz steigend. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es unter 100 Minuten, Tendenz fallend.

    Die Studierenden verfügen sowieso schon über die benötigten Endgeräte wie Laptops und Smartphones, weil auch das Präsenzstudium dies erfordert. Ohne digitales Endgerät kann man sich weder die Vorlesungsunterlagen herunterladen noch zu Klausuren anmelden. Und die Studierenden bewegen sich intuitiv auf virtuellen Oberflächen für Kommunikation und Austausch.

    Die Grundfunktionen der digitalen Lehre – Videotelefonie, Chat, Teilen und Kommentieren von Dokumenten und Videos – sind selbstverständlicher Alltag. Viele Lehrende haben ein hartes Sommersemester hinter sich, weil sie sich ad hoc in einen bis dahin fremden digitalen Nahkampf begeben mussten. Auf die Studierenden trifft das nicht zu.

    Sowieso: Mit Anwendungen wie Adobe Connect, Zoom oder Big Blue Button stehen längst bewährte Plattformen für die digitale Lehre zur Verfügung. Fragen beispielsweise des Datenschutzes sind wichtig, aber letztlich nur technisch-operativer Natur. Einen angemessenen digitalen Grundbetrieb in der Lehre ermöglichen diese Plattformen alle.

    Digitale Lehre hat ungeahnte Stärken

    Ein digitaler Grundbetrieb, das bedeutet in der Regel: Der Dozent präsentiert die Inhalte im virtuellen Hörsaal zum Beispiel in Form einer Powerpoint-Präsentation. Dabei ist er optional im Video-Livestream zu sehen. Er kann Dokumente zum Download austeilen, seinen Bildschirm freigeben und Videos abspielen. Interaktion ist möglich über Symbole, die Chat-Funktion oder ein direktes Gespräch.

    Das ist die Pflicht – digitale Lehre kann aber längst viel mehr. Besonders bewährt haben sich nach unserer Erfahrung die sogenannten Break-outs: virtuelle Arbeitsräume, die spontan und in beliebiger Zahl eingerichtet werden können.

    Hier können die Studierenden in Kleingruppen Aufgaben bearbeiten. Der Dozent kann die Gruppen besuchen oder von den Gruppen hinzugerufen werden. Für die Gruppenarbeiten bietet sich zum Beispiel Eatherpad der Universität Wuppertal an – eine Art virtuelle Tafel, auf der die Studierenden live gemeinsam arbeiten. Das Ergebnis kann dann sofort im Gruppenraum oder im gesamten Kurs präsentiert und diskutiert werden.

    Bewährt haben sich außerdem Live-Umfragen und -Feedbacks, beispielsweise über das Pingo-Tool der Universität Paderborn. Eine Auswertung und grafische Darstellung der Umfrage-Ergebnisse in Echtzeit – welcher Dozent im Hörsaal würde das ohne digitale Lösung schaffen?

    Ein weiterer gravierender Vorteil: Funktionen und Hilfsmittel wie Break-outs, Eatherpad und Pingo bringen ein hohes Maß an Interaktivität und Abwechslung. Das sorgt für hohe Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit.

    Zwei Gruppen leiden besonders unter Corona

    Dennoch dürfen wir die Segnungen der digitalen Lehre nicht pauschal bejubeln. Wie immer ist es nötig, mit Augenmaß zu differenzieren. Die Gespräche mit unseren Studierenden haben gezeigt, dass insbesondere zwei Gruppen unter der fehlenden Präsenzlehre leiden: Erstsemester und Menschen mit Behinderung.

    Im ersten Semester orientieren sich Studierende an der Hochschule. Sie lernen Kommilitonen, Gebäude, Einrichtungen und das studentische Leben kennen. Fast jeder dürfte sich noch erinnern, neben wem er in seiner ersten Vorlesung saß. Um diese wichtigen und wertvollen Erfahrungen wurden die Erstsemester im letzten Semester gebracht. Deshalb müssen im kommenden Semester Lösungen, die zu Coronazeiten Erstsemester unterstützen sollen, ausnahmsweise auch für Zweitsemester gelten.

    Teil dieser Lösungen sollten Präsenzveranstaltungen auf dem Campus sein – natürlich im Einklang mit den jeweils aktuellen Hygienebestimmungen. Da Abstand gehalten werden muss, können nur ausgewählte Veranstaltungen in den größten Hörsälen und nach Bedarf in aufgeteilten Gruppen stattfinden.

    Ein Ziel wäre es, dass jeder Kurs im ersten Semester sich einmalig mit Maske in der Aula oder dem Audimax trifft. Darüber hinaus sollten (digitale) Foren zum Austausch geschaffen werden.

    Veranstaltungstermine könnten gezielt nur für Gespräche und Fragen freigehalten werden, ohne im Skript weiterzuarbeiten. Diese Termine sollte es sowohl mit als auch ohne Dozenten geben.

    Menschen mit Behinderung können oft dem Lehrbetrieb über digitale Plattformen schlechter folgen. Studierende mit Sprach-, Seh- oder Hörbehinderung könnten zu hybriden Lehrveranstaltungen eingeladen werden.

    So könnte der Dozent auch unter Einhaltung der Hygienebestimmungen mit einigen Studierenden in einem kleinen Raum arbeiten, während die anderen digital zugeschaltet sind. Der virtuelle Raum erreicht noch nicht die Standards der Realität, weswegen in diesem Fall die Präsenz die bestmögliche Klang- und Sichtqualität gewährleistet.

    Digitale Lehre verbessern

    Trotz mancher Startschwierigkeiten hat die Online-Lehre im Sommersemester ihre Feuerprobe bestanden. Wenn sie ihr Potenzial voll ausspielt, kann sie eine mehr als würdige Kompensation für die ausfallende Präsenzlehre sein.

    Mit ihren Stärken bei Interaktion und Abwechslung eignen sich die digitalen Lehrmöglichkeiten nicht nur für klassische Vorlesungen, sondern auch für Seminare, Übungen und Praxisprojekte – und damit für nahezu alle Veranstaltungstypen außer jenen, die zwingend auf Labore, Werkstätten, Sportstätten und Studios angewiesen sind.

    Teils ist die digitale Lehre sogar im Vorteil: Viele Kolleginnen und Kollegen werden die entnervende notorische Raumknappheit an Hochschulen aus eigener Erfahrung kennen. Eine beliebige Kursgröße mit beliebig vielen Gruppenarbeitsräumen, jederzeit spontan verfügbar: Das ist das Gegenteil eines Albtraums – es ist das Himmelreich. Und es wird zum Himmelreich für jedermann, wenn wir ausgewählte Präsenzangebote für Erstsemester und für Menschen mit körperlichen Einschränkungen schaffen.

    Die Präsenzlehre mit ihrem direkten Austausch von Angesicht zu Angesicht ist ein hohes Gut. Und allein schon das bunte und intensive Campusleben ist wertvoll und ein schmerzlicher Verlust.

    Wir haben zwar gute Erfahrungen damit gemacht, für einen informellen Austausch vor und nach der Veranstaltung länger online zu sein – das direkte Gespräch in der Pause oder nach der Vorlesung kann dadurch aber nicht ersetzt werden.

    Dennoch: In der aktuellen Situation sollten wir uns in Geduld üben und ein unkalkulierbares Corona-Abenteuer vermeiden. Die Erfahrungen der letzten Monate und das Potenzial der digitalen Lehre können uns ermuntern, guten Mutes und selbstbewusst digital zu bleiben und unsere digitalen Fähigkeiten weiter zu verbessern – wenigstens, bis das Virus endgültig niedergerungen ist.

    Mehr: Wie die Schule der Zukunft aussehen sollte.

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