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GastkommentarWas treibt einen Wirtschaftsverband bloß in die Arme der AfD?

Die Partei ist weder wirtschafts- noch mittelstandsfreundlich. Dass der Familienunternehmerverband sich dennoch für sie öffnet, ist gefährlich, meint Prognos-Chef Christian Böllhoff. 28.11.2025 - 13:04 Uhr Artikel anhören
Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter der Prognos AG. Foto: Reuters, PR

Im Stadion brennt die Luft: Die Heimmannschaft liegt in einem grottenschlechten Spiel zurück, dem Mittelfeldstar, von seinen Mitspielern alleingelassen, platzt der Kragen: Er begeht ein übles Frustfoul.

So ähnlich wie in besagter Fußballmannschaft scheint derzeit die Stimmung in Mittelstand und Handwerk zu sein. Das zeigt die Entscheidung des Verbands der Familienunternehmer, der gerade die Brandmauer zur AfD eingerissen hat und sich künftig mit deren Vertretern ausgerechnet zur Wirtschaftspolitik austauschen will. Das ist ein übles Foul eines wichtigen Wirtschaftsakteurs.

Wie konnte es so weit kommen? Im AfD-Programm ist von Wirtschafts- und Mittelstandsfreundlichkeit keine Spur. Für keine der aktuellen ökonomischen Herausforderungen bieten die Populisten vom rechten Rand konstruktive Lösungen.

Stattdessen würden durch deren Rentenpolitik die Lohnnebenkosten drastisch erhöht, wegen ihrer Migrationspolitik dringend benötigte Fachkräfte fernbleiben und aufgrund ihrer EU- und Außenpolitik unsere wichtigsten Handelspartner verschreckt.

Was also treibt Teile der Wirtschaft zu Verfassungsfeinden und Systemgegnern, wenn dort nicht einmal inhaltlich etwas zu holen ist? Wie im Fußball, so im echten Leben: Wenn scheinbar nichts mehr geht, wird es gern irrational.

Vorwerk und Rossmann

Debatte um Abgrenzung zur AfD spaltet: Erste Firmen verlassen Familienunternehmer-Verband

Noch im Frühjahr war nach der Bundestagswahl so etwas wie Aufbruchsstimmung erkennbar. Gerade mal ein halbes Jahr später ist sie ins Gegenteil umgeschlagen. Viele Unternehmen stehen durch die globalen und technologischen Transformationen massiv unter Druck.

Sie leiden zudem an den schlechten deutschen Standortbedingungen: Steuern, überbordende Bürokratie, Energiekosten, Lohnnebenkosten, Fachkräftemangel. Man mag es kaum noch wiederholen: Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist in Gefahr. Das sehen viele Unternehmen klarer als die Politik. Aber deswegen naiv auf die Volkssozialisten von der AfD setzen? Biedermann und die Brandstifter lassen grüßen.

Im Mittelstand muss ein Gefühl der Ohnmacht herrschen

Ich kann es mir nur so erklären: Gerade im Mittelstand muss ein Gefühl der Ohnmacht herrschen. Anders als größere Unternehmen haben kleinere Firmen zu wenig Ressourcen, um die Probleme aufzufangen. Es fehlen etwa Fertigungen im Ausland oder Stabsabteilungen, die sich um Regulatorik kümmern. Viele sind in den hiesigen Umständen gefangen.

Zudem hatten sie zu hohe Erwartungen auf schnelle Erlösung nach dem Attentismus über zwei Jahrzehnte – mit ausgebliebenen Investitionen in Infrastruktur, ständig neuen und umfassenderen Regeln und politisch-medialem Fokus auf Verteilungsfragen. Das aufzuholen, wird mehr Zeit brauchen.

Enttäuschte Liebe ist nicht schnell zu kitten und führt nicht selten zum Spontanversuch mit einem anderen Partner. Doch oft endet so ein Tausch mit einer herben Enttäuschung. Die droht auch dem Mittelstand. Mit der Abwendung von bewährten politischen Parteien setzt er aufs Spiel, wovon er lebt: die Soziale Marktwirtschaft. Die Öffnung für Heilsversprecher von rechts führt ins Gegenteil.

Es ist fatal, dass ausgerechnet Verbandsprofis ebenfalls emotionalisiert reagieren. Anders als die „Feldspieler“ im Mittelstand vor Ort sollte das „Clubmanagement“ in Berlin einen kühlen Kopf bewahren. Von Politspezialisten darf der Mittelstand wirksame Interessenvertretung mit konstruktiver Expertise erwarten.

AfD-Logo: Jedem Verband muss klar sein, dass er inhaltlich in Gesprächen mit der AfD nichts gewinnen kann, schreibt Böllhoff. Foto: Hannes P Albert/dpa

Was nur hat den Verband der Familienunternehmer vom bisher klugen Weg abgebracht? Vielleicht ist der Druck durch ihre Mitglieder, vor allem aus dem Osten, zu stark für sie geworden. Bei Mitgliedertreffen vor Ort sehen sie sich zum Teil lautstarkem Protest gegenüber. Der „Damm der Vernunft“ wirkt dort löchriger.

Die Bundesregierung muss schneller, klarer und ehrlicher sein

Dies ist in mehrfacher Sicht gefährlich: Jedem Verband muss klar sein, dass er inhaltlich in Gesprächen mit der AfD nichts gewinnen kann. Deren führende Funktionäre sind zu einer Verbesserung der bestehenden Verhältnisse nicht in der Lage, sie haben diese nicht einmal im Sinn.

Stattdessen will die Partei radikal eine andere Republik, schaut dafür nach Moskau oder Washington. Beides sind keine zukunftsweisenden Optionen.

So, wie es aktuell in Wirtschaft und Politik läuft, kann es nicht bleiben.

Mit seinem Verhalten erweist der Verband der Familienunternehmer der gesamten deutschen Unternehmerschaft einen Bärendienst: Er erweckt den Eindruck, Pars pro Toto zu sprechen, und diskreditiert damit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft in der öffentlichen Wahrnehmung. Gegen beides wehre ich mich – als Familienunternehmer in vierter Generation sowie als Wirtschaftsforscher.

Damit kann es aber nicht getan sein. So, wie es aktuell in Wirtschaft und Politik läuft, kann es nicht bleiben. Die Bundesregierung muss schneller, klarer und ehrlicher die erkannten Strukturprobleme angehen.

Das heißt vor allem: sich auf Investitionen zu fokussieren und das Sondervermögen für nichts anderes einzusetzen, insbesondere nicht für Wahlgeschenke wie die Mütterrente. Auch die Wirtschaft ist in ihrer unternehmerischen Verantwortung gefordert. Sie muss den Strukturwandel aus sich selbst heraus, mit Fokus auf Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit aktiv vorantreiben.

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Im Stadion werden viele Spiele noch in der Nachspielzeit gedreht – wenn alle mitmachen. Daher verzichte ich trotz des Frustfouls auf die fällige Rote Karte und lasse es bei einer intensiven Ermahnung.

Der Autor: Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter der Prognos AG.

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