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Gastkommentar Wenn die große CO2-Blase platzt, verschwinden Billionen-Dollar-Vermögen

Das Ölzeitalter geht zu Ende – und damit erledigen sich viele Geschäftsmodelle. Wie Investitionsruinen vermieden werden und die Transformation gelingt, analysieren Sonja Stuchtey und Martin R. Stuchtey.
19.02.2021 - 00:22 Uhr Kommentieren
Sonja Stuchtey ist Direktorin bei der Unternehmensberatung Alix Partners, Martin R. Stuchtey ist Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Innsbruck. Quelle: SystemIQ / Lukasz Kaminski
Die Autoren

Sonja Stuchtey ist Direktorin bei der Unternehmensberatung Alix Partners, Martin R. Stuchtey ist Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Innsbruck.

(Foto: SystemIQ / Lukasz Kaminski)

Das Okavango-Delta in Botswana ist ein Paradies. Hier leben die größten verbliebenen Elefantenherden der Welt. Aber dieses Paradies ist gefährdet. Die kanadische Ölfirma Recon Africa hat von den Regierungen Namibias und Botswanas Lizenzen für die Förderung von Öl in diesem Gebiet erhalten, obwohl es sowohl biologisch als auch geologisch sehr empfindlich ist.

Die Tourismusindustrie, Ureinwohner und Umweltschützer schlagen Alarm. Ökonomen haben ernste Bedenken, ob ein Land wie Namibia – bisher ohne Pipelines, Raffinerien oder Verladehäfen – dieses Öl jemals sinnvoll nutzen kann.

Selbst bei großen institutionellen Investoren stehen Projekte wie dieses inzwischen auf tönernen Füßen. Denn in einer Welt, die sich zwangsläufig auf das postfossile Zeitalter ausrichten muss, fällt das Recon-Africa-Projekt unter die Rubrik der „Stranded Assets“. 

Dieser Begriff beschreibt im Kern einen Kapitalversenkungsmechanismus. In der alten Welt – vor dem 2015 abgeschlossenen Pariser Klimaabkommen – wurden Investitionen in fossile Ressourcen lange als besonders attraktiv angesehen. Wie sich unter anderem am Absacken der Aktienkurse der großen Ölkonzerne schlüssig ablesen lässt, haben solche Aktiva in der Bilanz an Glanz und vor allem auch an Wert verloren. Schätzungen der Citibank zufolge entstand in diesem Zusammenhang real bereits 2015 an den Börsen eine Bewertungsblase von 100 Billionen – nicht bloß Milliarden – Dollar, eine riesige „Carbon Bubble“.

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    Anders als im Moment der Investitionsentscheidung angenommen, werden bereits gebaute oder in Bau befindliche Anlagen der Erdöl-, Kohle- und petrochemischen Industrie durch die Einbeziehung der CO2-Kosten dauerhaft und massiv unrentabler.

    Damit zeichnen sich schon jetzt Industriefriedhöfe unbeschreiblichen Ausmaßes ab. Schon jetzt sind Flugzeugfriedhöfe in der Weite der Vereinigten Staaten deutlich sichtbar. Auch weite Teile der Fertigung von Verbrennungsmotoren gehören zum Abwicklungsbedarf der „Stranded Assets“, die allerdings bisher kaum in den Unternehmensbilanzen angemessenen Eingang gefunden haben. Das liegt auch daran, dass Konzerne Abschreibungen in einem solchen Ausmaß politisch abgesichert und steuerrechtlich berücksichtigt wissen wollen.

    So muss etwa die kunststoffproduzierende Industrie ihre Zukunftsplanung radikal umstellen, weil deren fortlaufende Produktion das Wachstum der Entsorgungskapazitäten weltweit übersteigt. Entweder sie muss in den Aufbau großer Entsorgungs- und Recyclingkapazitäten investieren oder die Produktion auf dem Niveau von 2020 einfrieren. Letzteres würde nach Berechnungen von Carbon Tracker geplante oder im Bau befindliche Investitionen der petrochemischen Industrie im Wert von 400 Milliarden Dollar entwerten.

    Allerdings sollten wir all diese „Stranded Assets“ nicht nur als museale Elemente des fossilen Zeitalters betrachten sowie als Relikte der verpassten Chancen, rechtzeitig das Ruder herumzureißen. Wir sollten sie vielmehr als Mahnung und Aufruf verstehen, endlich auf neue Aktivitäten zu setzen.

    Industrielle „Bad Banks“ sind nötig

    Analog den Erfahrungen nach 2008, als Geschäftsbanken durch Fehlentscheidungen in Schieflage gerieten und finanzwirtschaftliche „Bad Banks“ geschaffen haben, müssen die zunehmend obsoleten Anlagen des fossilen Industriezeitalters in industrielle „Bad Banks“ ausgegliedert werden. So schaffen sich Konzerne Kapazitäten für den Blick nach vorn.

    Entscheidend wird sein, in dieser großen Transformation die Geschäftschancen zu entdecken. Immerhin müssen jährlich 520 Milliarden bis 575 Milliarden Euro allein in Europa investiert werden, um bis 2050 klimaneutral zu werden. In einem gemeinsamen Bericht von Systemiq und dem Club of Rome werden 50 Zukunftsfelder identifiziert, die zum Rückgrat einer neuen, für Investoren attraktiven und zugleich klimaneutralen Wirtschaft werden können, die obendrein sozialen und ökologischen Wert schaffen. Längst finden sich international anerkannte Instrumente, um diese Ergebnisse finanzwirtschaftlich relevant zu dokumentieren und zu bewerten.

    Auch wenn vieles, was bisher zum Kerninventar der alten Ökonomie gehörte, zunehmend wertlos wird, bieten Klimawandel, Digitalisierung, in Bewegung gekommene Lieferketten und eine neue Haltung unter Verbrauchern viel Potenzial. Der gegenwärtige Strukturbruch ist also eine große Innovations- und Investitionschance, vergleichbar mit den Jahren der Gründerzeit im Spätwilhelminismus. 

    Was sich Unternehmen aber nicht leisten können, ist, diese Transformation als Zuschauer zu verfolgen. Realitätsvermeidung in der Bewertung von Unternehmensportfolios, ob aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit, ist keine Option. Eine aktive Neubewertung unter Berücksichtigung aller relevanten Daten schafft Klarheit und bietet oft Chancen einer Neuaufstellung – von Anlagen und Mitarbeitern gleichermaßen.

    Die fünf Punkte der Transformation

    Eines steht jetzt schon fest: Die Firmen, Investoren und Volkswirtschaften, die heute ihre Anlagen entschlossen in die Zukunftsfelder lenken, werden den Übergang am besten meistern. Damit dieser Übergang gelingt, sind fünf Dinge erforderlich:

    Erstens: Langfristiger Kompass für die Wirtschaft der Zukunft. In Europa ist dieser durch den Green Deal, den Digital Single Market und Europas Verpflichtung auf das Erreichen der Klimaneutralität 2050 gegeben. Das bietet Planungssicherheit und zeigt konkrete Pfade der Transformation auf – zuerst mit Blick auf CO2-Emissionen, dann zunehmend auch für andere Ressourcen wie Wasser, Landnutzung oder Plastikabfall. 

    Zweitens: Entwicklung einer firmenübergreifenden, objektiv messbaren Bewertungslogik für Investoren. Diese entsteht zurzeit in innovativen Konsortien aus Finanzwissenschaftlern, Umweltschützern, Menschenrechtlern, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder auch durch zunehmend intelligent ausgestaltete Nachhaltigkeitsratings. Die EU hat ein umfangreiches Regelwerk – die Taxonomie für nachhaltige Finanzierung – entworfen. Dieses legt klar fest, welche Technologien grüne Finanzierungshilfen in Anspruch nehmen dürfen.

    Die Ratingagentur Scope etwa hat ihr Nachhaltigkeitsrating bereits gestartet. Und Datenanalyse-Spezialisten wie ISS arbeiten gleichfalls mit Hochdruck an der Entwicklung von Kennzahlen, die die Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit einzelner Unternehmen beschreiben und eine Vergleichbarkeit erzielen wollen. Damit haben institutionelle und private Investoren erstmals die Wahl.

    Der CO2-Preis wird deutlich steigen

    Drittens: interne Steuerungsinstrumente für Unternehmen. Diese Instrumente helfen Firmen, wenig nachhaltige Aktivitäten oder Investments so früh und präzise wie möglich sichtbar zu machen und die Risiken zu bewerten. In einer Welt, in der Märkte zunehmend mit „Stranded Assets“ durchsetzt sind, empfiehlt es sich für Unternehmen nicht nur, ihre Risiken thematisch und geopolitisch zu streuen. Noch wichtiger ist, auch intern ihren Unternehmenserfolg anders zu bemessen und neue Formen der Rechnungslegung anzuwenden. Gremien wie die Capitals Coalition arbeiten an der Entwicklung neuer Standards.

    Viertens: Marktmechanismen für gesellschaftliche Güter, zum Beispiel ein Preis für CO2-Emissionen. Viele Fehlinvestitionen der vergangenen zwei Jahrzehnte hätten sich rechtzeitig abstellen lassen, wenn die CO2-Emissionen adäquat bepreist worden wären. In Europa ist das über das Emissionshandelssystem bereits der Fall, nun kommen nationale CO2-Abgaben dazu.

    In Deutschland betragen sie 25 Euro pro Tonne und werden bald auf 55 Euro pro Tonne steigen. Wissenschaftler wie Nicholas Stern halten CO2-Preise von 80 bis 130 Euro für erforderlich, um die Wirtschaft klimafreundlich umzugestalten. Und jeder sollte wissen, dass Hedgefonds schon längst auf einen CO2-Preis oberhalb von 100 Euro wetten.

    Fünftens: Auf Langfristigkeit angelegte Unternehmensführung. Unternehmensführer, die auf kurzfristige Unternehmensgewinne aus sind und vor allem persönliche Boni im Auge haben, tun sich selbst und gewiss nicht den langfristig orientierten Aufsichtsräten und Aktionären einen Gefallen. Um die richtigen Anreizsysteme zu schaffen, arbeiten Gremien und Regierungen weltweit an der Novellierung der Regeln zur Unternehmensführung.

    Irreversible Schäden müssen verhindert werden

    Das Zusammenspiel all dieser Faktoren soll irreversible Schäden verhindern, Wert stiften und die Neuausrichtung beschleunigen. Es gilt, nicht länger wertvolles Kapital in die sprichwörtlichen Geisterstädte der Zukunft zu investieren und obendrein zu wenig Kapital für die Zukunftsthemen aufzuwenden.

    Elefantenherden, die lange nach dem Ende des Ölzeitalters durch das klare Wasser des Okavango ziehen, wären ein potentes Symbol dafür, dass uns die oben beschriebene Transformation der Weltwirtschaft gelungen ist.

    Sonja Stuchtey ist Direktorin bei der Unternehmensberatung Alix Partners, Martin R. Stuchtey ist Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Innsbruck.

    Mehr: Wir spielen klimapolitisch russisches Roulette

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