1. Startseite
  2. Meinung
  3. Gastbeiträge
  4. Zeitenwende in der Stadtplanung

GastkommentarZeitenwende in der Stadtplanung durch Mischnutzung

Unsere Städte sind auch deshalb in der Krise, weil es an Vorstellungskraft mangelt, meint Stadtplaner André Poitiers. Die Stadt der Zukunft muss aktiv neu gestaltet werden, ist sich André Poitiers sicher.André Poitiers 17.08.2023 - 10:10 Uhr
Artikel anhören

Die niederländische Hauptstadt setzt vor allem auf Fahrrad- und Fußgängerverkehr.

Foto: dpa

Es ist ein schönes Klinkerhaus, das ehemalige Galeria-Kaufhof-Gebäude, aber seit seiner Schließung vor drei Jahren ist es ein trauriges Symbol für den Niedergang der Hamburger City. Eine Kurzzeitnutzung nach der nächsten, davor schlafen Obdachlose. Deprimierend perspektivlos.

Aber nun hat der neue Eigentümer, das Immobilienunternehmen Tishman Speyer, einen Plan für das Haus: eine Mischung aus Büros, Wohnungen, Gastronomie und Läden. Im Untergeschoss ein Fitnesscenter oder ein Musikclub. Das benachbarte Parkhaus wird abgerissen und durch ein Atelierhaus ersetzt.

Die veraltete Trennung der Nutzungen wird über Bord geworfen, es wird in einem Haus alles versammelt, was zusammengehört: Wohnen, Arbeit, Freizeit. Dass es aber nicht reicht, ein Gebäude umzugestalten, um die City zu reanimieren, sagt auch der Tishman-Speyer-Chef Florian Reiff: „Wir müssen die Außenbereiche, die Freiflächen, die ganze Umgebung miteinbeziehen.“

Absolut richtig. Allerdings lautet die entscheidende Frage: Wer ist eigentlich „wir“? Politik? Behörden? Bürgerinitiativen? Ist es nicht im eigenen Interesse der Immobilienwirtschaft, sich selbst für einen attraktiven, nachhaltigen und lebendigen öffentlichen Raum zu engagieren?

Es gibt also kein „Weiter so“. Man kann das verleugnen oder klein reden oder bejammern. Oder man kann zu dem Schluss kommen, dass wir alle gemeinsam – Immobilienbranche, Politik, Behörden, Architekten, Stadtplaner und Bürger:innen – die Stadt neu gestalten müssen.

Städte für Fußgängerinnen gestalten

Dafür ist notwendig, dass sich alle über das eigene Partialinteresse hinaus verantwortlich fühlen. Ein Immobilienentwickler sollte sich nicht mit seinem Objekt begnügen, sondern ein angenehmes grünes Umfeld einfordern. Die Politik wiederum sollte von der Immobilienbranche verlangen, dass diese sich nicht auf die Gewinnoptimierung ihrer Projekte fokussiert, sondern einen Beitrag zum Lebenswert der Stadt leistet.

Aber was bedeutet „Lebenswert“? Menschen halten sich gerne dort auf, wo andere Menschen sind. Also müssen wir die Stadt von den Menschen aus denken, und gerade in den Innenstädten von den zu Fuß gehenden Menschen. Sie wollen es schön – so schön wie die touristisch erfolgreichen Städte, die alle den Autoverkehr beschränken: Florenz, Venedig, Amsterdam, Kopenhagen, Barcelona.

Rethink Work

Quereinsteiger, Gastro-Gründer und Paar: „Wir hatten nicht nur eine schlaflose Nacht“

31.07.2023
Abspielen 42:21

Niemand kauft vom Auto aus ein, außer im Drive-in, man geht beim Shopping. Man schlendert zum nächsten Café. Deshalb gibt es in stark befahrenen Straßen auch keine Geschäfte, da schlendert nämlich niemand gerne.

Urbane Lebendigkeit schafft man nicht mit Stückwerk, nicht mit Hier-ein-begrünter-Platz-und-da-eine-Wildblumemwiese-Aktionen. Es braucht ein mutiges und konsequentes Gesamtkonzept für die City, das Wohnen, Konsumieren, Arbeiten und Leben einbezieht: kleine Parks, Spielplätze, grüne Promenaden am Wasser und schattige Alleen, die Quartiere, Museen, Einkaufsstraßen miteinander vernetzen. Wir müssen die kleinen Räume im Großen denken, als grünes, angenehmes Netz in der Stadt.

Die Innenstädte müssen neu gestaltet werden, meint der Architekt und Stadtplaner André Poitiers.

Foto: dpa

Immobilienbesitzer, -entwickler, Politik, Behörden, Bürgerinitiativen und Stadtbewohner:innen, sie alle haben ihr Spezialwissen, das Teil der Lösung ist. Und deshalb sollten sie sich auch alle an einen Tisch setzen und gemeinsam und auf Augenhöhe eine Gesamtvorstellung von der resilienten, angenehmen City entwickeln.

Dabei werden wir überholte Ideen entsorgen müssen: Nicht jede freie Fläche, die mal für ein Gebäude vorgesehen war, muss auch bebaut werden. Brachen sind Möglichkeitsräume, sie sind Motor für Kreativität. Und brauchen wir wirklich noch neue, eitle Sitze von Firmen und Behörden? Welche Gewerbegebäude stehen dauerhaft leer, welche eignen sich als Wohnhäuser? Welche können weg, vielleicht zugunsten eines Parks?

Fantasie und Kreativität waren lange nicht gefragt – das muss sich ändern

Auf jeden Fall brauchen wir: ein neues Denken. Wir können und dürfen nicht länger Klötzchen nach Klötzchen bauen und glauben, dass das Verdichten und Füllen von Lücken und die unbeirrte Kommerzialisierung resiliente Stadtplanung sei und Grün nur Deko. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall. Wir tragen alle Verantwortung, über unseren Horizont hinaus zu denken.

Die Städte sind auch deshalb in der Krise, weil es an Vorstellungskraft mangelt. Es wurde einfach immer dasselbe geplant und gebaut, weil Phantasie und Kreativität nicht gefragt waren. Die Zeit der zufriedenen Langeweile ist vorbei. Man kann das auch gut finden.

André Poitiers ist Architekt und Stadtplaner.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt