Prüfers Kolumne: Das Homeoffice macht krank
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattIn der Coronakrise wird uns vor allem abverlangt, die Ruhe zu bewahren und mit gewaschenen Händen zu Hause zu bleiben. Dort ist für viele Arbeitnehmer neuerdings auch der Arbeitsplatz. Sie sind auf das sogenannte Homeoffice zurückgeworfen.
Bislang waren Home und Office eigentlich ein Widerspruch. Denn man ging ins Büro, weil es dort ganz anders ist als im Heim. Im Büro gibt es Computer und Kollegen, aber zum Beispiel keine lauten Kinder oder Ehepartner. Wahrscheinlich wurden Büros sogar deswegen erfunden.
Nun arbeitet man zu Hause, der Ehepartner arbeitet zu Hause, und die Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sondern sollen ebenfalls zu Hause lernen. Kinder und Erwachsene längere Zeit gemeinsam in einen Raum zu sperren kann kritisch sein. Aber kritischer ist es, sie zusammenzusperren, während beide Dinge machen müssen, auf die sie keine Lust haben – nämlich arbeiten oder lernen.
Im Homeoffice hat man nun den gleichen Stress, wie wenn man am Arbeitsplatz wäre, aber nicht die Möglichkeit wegzurennen. Noch dazu fallen all die Dinge weg, die wenigstens für ein bisschen Abwechslung sorgen. Es gibt keinen Weg zum Kopierer, es gibt keinen Kaffeeautomaten. Es gibt nicht einmal Bewegung.
Ich habe gelesen, dass der Bewegungsmangel im Homeoffice die Muskelaktivität hemme, die Bandscheiben belaste und den Blutkreislauf und die Sauerstoffversorgung aller Organe beeinträchtige. Der Körper komme nicht mehr dazu, Kalorien zu verbrennen, werde schneller müde. Man könne sich weniger gut konzentrieren.
Wer zu viel Zeit im Homeoffice verbringe, der riskiere seine Gesundheit, warnen Gesundheitswissenschaftler. Es drohe allerlei: nämlich Übergewicht, Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Krebs. Dem kann man nur entgegenwirken, indem man sich in der häuslichen Quarantäne wie ein Hamster im Hamsterrad verhalte: sich bewegen, bewegen, bewegen.
Um den absehbaren Zusammenbruch ihrer Mitarbeiter hinauszuzögern, bieten nun viele Arbeitgeber Heimyoga an. Beim Heimyoga stellt man den Laptop auf den Boden, am besten noch eine Kerze daneben. Es wird empfohlen, alle Geräuschquellen auszumachen, sämtliches Pingen und Vibrieren, das einem die innere Einkehr verderben kann. Man soll sich am besten einen abgeschlossenen Raum suchen. Oder die Kinder in einen solchen sperren.
Dann muss man noch darauf hoffen, dass die Netzverbindung steht, denn wenn beim Online-Yoga das Bild wackelt, schadet auch dies der Seelenreise. Keinesfalls darf man sich beim Heimyoga aufregen, wenn Ehepartner nicht die Klappe halten. Und Kinder einen stören, weil sie nicht kapieren, was der Lehrer in Mathe von ihnen wissen will. Man soll sich dann weiterhin vorstellen, Sonnenlicht würde von oben in den Kopf träufeln und langsam den Körper anfüllen. Keinesfalls soll man Ehepartner und Kinder anbrüllen oder auf sie losgehen.
Ich fürchte, wenn uns das Coronavirus nicht erwischt, werden wir in unseren Homeoffices umkommen. Durch Herzinfarkt oder Totschlag. Das ist auch nicht schön, aber man muss wenigstens dabei nicht husten.