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Prüfers Kolumne Strohhalme bringen Ökobanausen in Bedrängnis

Wer in eine Bar geht, fühlt sich schnell moralisch am Abgrund. Nicht einmal der Griff nach dem berühmten Strohhalm ist möglich – der Umwelt zuliebe.
19.07.2018 - 15:44 Uhr Kommentieren
Die bunten Trinkhilfen gelten als größte Umweltsünde überhaupt. Sie könnten in der EU bald verboten sein. Quelle: dpa
Strohhalme

Die bunten Trinkhilfen gelten als größte Umweltsünde überhaupt. Sie könnten in der EU bald verboten sein.

(Foto: dpa)

Ich war neulich mit jemandem in einer Bar, wir bestellten Drinks. Der Gin Tonic kam mit einem grünen Strohhalm darin. Mein Gegenüber fischte den Strohhalm aus dem Glas, gab ihn zurück und sagte: „Danke, ich nutze keinen Strohhalm, aus Umweltschutzgründen.“

Leider war ich schon dabei, den Drink in mich hineinzusaugen. Für mich war in diesem Moment der moralische Zug schon abgefahren. Es war ärgerlich. Ich hätte mich mit einer einfachen Handbewegung auf die richtige Seite des Universums schwingen können. Ich hätte bewusst und strohhalmvermeidend sein können, ein Teil der Lösung. Und nun saß ich bekloppt da und war Teil des Problems.

Mit dem Strohhalm ging es schnell bergab. So schnell, dass ich es gar nicht mitbekommen habe. Ende des Frühjahrs tauchten die ersten Artikel über die Strohhalm-Problematik auf, weil die EU-Kommission ein Verbot erwägt. Schnell warfen die ersten Supermarktketten die Strohhalme aus dem Sortiment, und mittlerweile ist der Strohhalm ein Paria.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe gelesen, dass der Strohhalm von einem Amerikaner namens Marvin Stone erfunden wurde, der sich einst ärgerte, dass die damals üblichen Halme aus Roggen kleine Partikel absonderten. Er entwickelte einen Papierhalm, der mit Paraffin überzogen wurde. Es war im Grunde ein Ökostrohhalm.

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    Ab den 60er-Jahren nahmen Strohhalme aus Polyethylen überhand. Davon verbrauchen wir in Deutschland im Jahr 40 Millionen. Das war mehr als 40 Jahre meines Lebens kein Problem. Jetzt ist der Strohhalm kaum noch vermittelbar. Als Kinder spielten wir mit Strohhalmen und taten so, als seien es Zigaretten. Heute würde man das als schlimmer empfinden, als wenn wir die tatsächlich geraucht hätten.

    Mir ging es auch schon mit den Plastiktüten so ähnlich. Ich komme aus der „Jute statt Plastik“-Generation. Ich kenne das alles. Irgendwann (warum eigentlich) schien sich das Problem erledigt zu haben. Und plötzlich wurden Plastiktüten wieder als großes Problem diskutiert.

    Noch heute komme ich nicht so recht mit. Alle anderen kommen mit Baumwollbeuteln zum Einkaufen – nur ich brauche immer noch Plastiktüten und muss dafür nun eine Gebühr zahlen.

    Überall um mich herum sind Menschen, die es besser machen. Neulich habe ich gelesen, dass eine Terrorgruppe in Somalia, die al-Qaida nahesteht, nun in dem von ihr beherrschten Gebiet die Nutzung von Plastiktüten verboten hat – der Umwelt zuliebe. Wahrscheinlich steht dort auch der Strohhalm bald unter Strafe.

    Ich bin sicher, dass es sich hierbei um wirkliche Umweltprobleme handelt und eine Welt ohne Plastikmüll tatsächlich besser ist als eine, wo überall Strohhalme und Plastiktüten auf der Straße liegen. Besonders schön daran ist, dass in Bezug darauf jeder weiß, was gut ist und was böse. Vielleicht finden es deshalb sogar Islamisten gut.

    Ich weiß, dass ich etwas tun muss. Ich will nicht noch einmal den Anschluss verlieren. Ich nehme an, dass als Nächstes die Pommes-Gabel dran ist. Wenn ich demnächst im Freibad „Pommes Rot-Weiß“ bestelle, werde ich brüsk das Plastikgäbelchen zurückweisen und stolz meine mitgebrachte Gabel auspacken. Dann bin ich Teil der Lösung. Und alle anderen sind das Problem.

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