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Spieltheorie-Kolumne Wie Sie 2020 endlich richtig abnehmen – und was das mit dem CO2-Preis zu tun hat

Der CO2-Preis ist eine Lenkungssteuer, kein Marktergebnis. Das kann nur funktionieren, wenn es klug ausgestaltet wird – wie die guten Vorsätze.
27.12.2019 - 14:55 Uhr 1 Kommentar
Der jetzige Preis ist ein noch nicht ausgereiftes Steuerungselement. Quelle: dpa
Proteste gegen CO2-Ausstoß

Der jetzige Preis ist ein noch nicht ausgereiftes Steuerungselement.

(Foto: dpa)

Hurra! Wir haben vom Vermittlungsausschuss einen CO2-Preis zu Weihnachten geschenkt bekommen. Es wurde sogar die edlere Version für 25 Euro pro Tonne, nachdem lange das Billigheimer-Modell für nur zehn Euro im Gespräch gewesen war.

Nun, wie das mit Weihnachtsgeschenken so ist, ist der Beschenkte gegen Enttäuschungen nicht gefeit. Ich als Ökonom bin zum Beispiel offenbar irrigerweise davon ausgegangen, dass ein Preis etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun haben müsste. Der Staat hätte dann das für die Gesellschaft zur Verfügung stehende Budget an CO2-Verbrauch und dessen Erstverteilung festlegen müssen. Auf einem Marktplatz wäre dann ein echter Preis für CO2 entstanden. Die Verschmutzungsrechte wären bei den Verbrauchern gelandet, die für diese die größte Zahlungsbereitschaft hätten. Kurz gesagt, wirklich gewünscht hatte ich mir – übrigens auch schon im Sommer in dieser Kolumne – wie fast alle Ökonomen einen echten Zertifikathandel.

Geschenkt! Stattdessen packen wir ein Paket aus, auf dem „Preis“ draufsteht, aber eine Steuer drinsteckt. Auch wenn uns der Etikettenschwindel misstrauisch stimmen sollte, wäre das erst mal nicht so schlimm, denn eine Lenkungssteuer, nach dem 1959 verstorbenen britischen Ökonomen Arthur Cecil Pigou auch „Pigou-Steuer“ genannt, ist sicher im Vergleich zu Verboten und Detailregulierung der zweitbeste Ansatz, das CO2-Problem anzugehen.

Der Witz einer solchen Lenkungssteuer ist, dass der Staat die Einnahmen daraus nicht wollen sollte. Bürger und Unternehmen sollten der Steuer eigentlich durch Verhaltensänderungen ausweichen. Eine solche „Steuer“ habe ich mir selbst mit einem Wettpartner auch über Weihnachten auferlegt, um die ewige Gewichtszunahme über die Feiertage zu vermeiden. Jedes zugenommene Kilo wird mit einer Zwangsspende an eine gemeinnützige Organisation versehen, mit deren Höhe man ohne Weiteres einen Familienurlaub bestreiten könnte.

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    Es ist ein etwas kontraintuitives Vorgehen: Wir haben die Strafe für Gewichtszunahme oder „Steuer“ extrem hoch angesetzt, damit wir möglichst gar nichts zahlen müssen. Bei jedem Lebkuchen denke ich mir nun, ober er wirklich das Downgrade des Hotels im nächsten Sommerurlaub wert ist. Übrigens: Alle Versuche, mich mit moderateren Strafen beziehungsweise selbst auferlegten „Steuersätzen“ zu disziplinieren, scheiterten in der Vergangenheit.

    Deshalb sind 25 Euro CO2-Steuer schon mal besser als zehn Euro. Das Problem ist nur, dass niemand den richtigen Steuersatz kennt, der notwendig wäre, um unseren CO2-Verbrauch auf die Pariser Zielgrößen zu senken. Ich wage eine Prognose: Die Konsumgewohnheiten der Menschen sind so starr, dass diese auch wegen 25 Euro kaum ihre Verhaltensweisen ändern würden, höchstens die, die es sich nicht leisten können – und die will man ja eigentlich nicht treffen.

    Was es braucht, ist eine Marginalbesteuerung

    Sämtliche Maßnahmen, die auf einen Sozialausgleich abzielen, senken die Veränderungsbereitschaft noch mehr. Um im Bild zu bleiben: Was im Vermittlungsausschuss beschlossen wurde, entspräche meiner Abnehmwette mit geringen Strafen, aber einer Prämie für das Teilnehmen. Mein Gewicht wäre Anfang Januar wie in all den Vorjahren wohl wieder gestiegen.

    Als Spieltheoretiker versuchen wir, Entscheider davon zu überzeugen, weniger Aktionismus an den Tag zu legen, einen Schritt zurückzutreten und mit etwas Nachdenken und sogenanntem „Economic Engineering“ bessere Ergebnisse zu erzielen. Wenn wir schon keinen echten Marktplatz kreieren, bei dem derjenige CO2 einspart, der es am leichtesten schafft, warum bauen wir nicht wenigstens ein intelligentes CO2-Steuersystem?

    Was wollen wir erreichen? Umwelt soll kein freies Gut mehr sein, sondern mittels einer Steuer bepreist werden, damit die Menschen mit der Ressource Umwelt sparsamer umgehen. Gleichzeitig wollen wir die sozial Schwachen nicht zusätzlich belasten, um keine Gelbwesten-Bewegung zu züchten, die die politischen Ränder stärkt.

    Warum greifen wir nicht auf Instrumente zurück, die wir von der Einkommensteuer kennen, wie Freibeträge und progressive Sätze – oder noch extremer und ökonomisch gesprochen: eine Marginalbesteuerung? Realistischerweise werden wir unseren CO2-intensiven Energieverbrauch in kurzer Zeit weder auf null zurückfahren noch halbieren.

    Wieso also nicht Strombudgets pro Haushalt und Kopf festlegen und die ersten 70 bis 80 Prozent des zugeteilten Budgets komplett von Steuern, also auch Mehrwertsteuer und EEG-Umlage, befreien, jenseits dieser Grenze aber kräftig zulangen? Zwischen 70 und 90 Prozent des individuellen Budgets könnte die Steuer dann 100 Euro pro Tonne CO2 betragen, zwischen 90 und 120 Prozent 150 Euro und jenseits dessen 200 oder sogar 250 Euro. Freibeträge und Grenzen müssten dabei jedes Jahr ein wenig sinken, um langfristig auf die Klimaneutralität zuzusteuern.

    Es gibt eine enge Korrelation zwischen Einkommen und Energieverbrauch. Einkommensschwächere Menschen verbrauchen weniger und reagieren preissensitiver, sie würden für ihren geringeren Energieverbrauch mit de facto billigeren Energiekosten als heute belohnt werden. Wohlhabende Vielverbraucher müssten entweder die Steuern zahlen oder in neue Technologien investieren – die Mittel dazu haben sie. Ähnliche Modelle sind für Heizöl und Gas denkbar. Autofahrer könnten je nach Familiengröße und Arbeitsplatzentfernung eine personalisierte, nicht übertragbare Tankkarte mit Steuergutschrift erhalten, die 70 Prozent des angestrebten Durchschnittsverbrauchs von der Steuer befreit.

    Jenseits dessen würde Benzin dann eben die ominösen fünf Euro pro Liter kosten. Eine Kerosinsteuer könnte anfangs 97 Prozent des Status Quo unbelastet lassen, dann aber extrem teuer werden. Das Prinzip wäre auf alle Industrien und Unternehmen anwendbar, diese reagieren meist viel preissensitiver als private Haushalte.

    Die jetzigen Vorschläge besteuern im übertragenen Sinne jedes Kilo Körpergewicht ein bisschen. Ich persönlich habe mir Null Kilo Gewicht aber erst einmal nicht zum Ziel gesetzt und auch die Model-Figur ist kein realistisches Nahziel. Stattdessen werde ich meinen Wettpartner überreden, dass wir uns für 2020 zwischen 3 und 5 Prozent Gewichtseinsparung vornehmen und eine Zielverfehlung mit heftigen „Straf-Spenden“ besteuern. Als Ökonom glaube ich an Anreize und wenn es nicht klappen sollte, gibt es Schlimmeres, als an „Ärzte ohne Grenzen“ zu spenden. In diesem Sinne: Guten Rutsch!

    Mehr: Bei der Einigung zum Klimapaket kam es zu politischen Kopplungsgeschäften mit Gesetzen, für die die Zustimmung der Länder gar nicht zwingend war. Wie kann das sein?

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    1 Kommentar zu "Spieltheorie-Kolumne: Wie Sie 2020 endlich richtig abnehmen – und was das mit dem CO2-Preis zu tun hat"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Gut soweit, doch wie sieht das in der Praxis aus?

      Meine Heizölbestellung in diesem Dezember wurde um das Angebot eines CO2-Zertifaktes ergänzt. Als ich den Händler fragte was mit dem CO2-Geld passiert erklärt er mir, dass damit ein Regenwaldprojekt in Brasilien unterstützt wird. Gut, und was mache ich dann mit dem CO2-Zertifikat? Das können Sie sich übers Bett hängen, antwortet er. Zu einer Steuer gibt es da noch einen Unterschied, ich kann weder fragen was mit dem Geld passiert, noch kann ich die Steuer abwählen.

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