Gastkommentar – Homo oeconomicus: Auch in der Zinspolitik macht die Dosis das Gift
Für die EZB gibt es bei der Inflation aktuell keinen akuten Handlungsdruck.
Foto: IMAGO/Hannelore Förster„Die Dosis macht das Gift“ ist eine für alle Bereiche des Lebens hilfreiche Regel des Paracelsus, dem berühmten Medicus des 16. Jahrhunderts. Sie gilt auch für die Zinspolitik. Nach einer zinspolitischen Rosskur stehen die Mitglieder des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) jetzt vor der Frage, ob sie die Dosis weiter erhöhen sollen.
Die Entscheidung ist schwierig, weil die restriktive Geldpolitik nur langsam wirkt. Analysen der EZB zeigen, dass es mindestens ein Jahr dauert, bis die Therapie Wirkung entfaltet.
Präsidentin Christine Lagarde betont gebetsmühlenhaft, dass die EZB datenabhängig entscheide. Die Frage ist, an welchen Daten sie sich orientiert. In den Verlautbarungen der EZB spielt die aktuelle Inflationsrate eine große Rolle. Doch man ginge ein Jahr zu spät von der Bremse, wenn man abwartete, bis die Inflation wieder in die Nähe von zwei Prozent liegt.
Eine Entscheidungshilfe bieten makroökonomische Prognosen. Die Projektion des EZB-Stabs vom Juni 2023 geht davon aus, dass die Inflation – bei einem Leitzins von 3,75 Prozent – im Jahr 2024 auf 3,0 und im Jahr 2025 auf 2,2 Prozent zurückgehen wird. So gesehen gäbe es keinen Grund, die Dosis zu erhöhen.
Allerdings haben sich diese Prognosen als wenig zuverlässig erwiesen. Die Unsicherheit legt nahe, nach Indikatoren zu suchen, die bereits deutliche Wirkungen der Therapie erkennen lassen. Das Kreditwachstum, das sehr direkt auf höhere Notenbankzinsen reagiert, zeigt für den Euro-Raum seit September 2022 eine starke Entschleunigung.
Realwirtschaft zeigt erste konjunkturelle Bremsspuren
Zuletzt lagen die Kredite an den Privatsektor nur noch um 1,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. In Deutschland hat sich das Volumen der neu abgeschlossenen Hypothekenkredite in den ersten sieben Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr nahezu halbiert.
Bremsspuren sind auch in der Realwirtschaft zu erkennen. Im zweiten Quartal 2023 wuchs das Bruttoinlandsprodukt des Euro-Raums nur noch um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr; in den Vereinigten Staaten waren es 2,6 Prozent. Für Deutschland rechnet die Bundesbank mit einer anhaltenden Stagnation im dritten Quartal 2023. Der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zone ist im August den dritten Monat in Folge geschrumpft und liegt auf dem tiefsten Niveau seit November 2020.
Peter Bofinger ist Ökonomieprofessor an der Universität Würzburg und war Mitglied des Sachverständigenrats.
Foto: HandelsblattEine gute Nachricht ist für die EZB, dass die mittelfristigen Inflationserwartungen der privaten Haushalte im Mittel (Median) mit 2,4 Prozent nach wie vor fest verankert sind und dass die Erzeugerpreise im Juli um 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken sind. Es gibt also keinen akuten Handlungsdruck.
Nach der Schocktherapie seit September 2022 sollte die EZB deshalb einfach abwarten, ob die sich bereits abzeichnende Wirkung ihrer Medizin weiter anhält. Würde man die Dosis weiter erhöhen, könnte das für den Patienten toxisch wirken.
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