Gastkommentar – Homo oeconomicus: Für Klimaneutralität müssen wir mit Holz statt mit Zement und Stahl bauen
Häuser aus Holz gelten als klimafreundlich.
Foto: dpaDer Gebäudesektor ist in Deutschland für rund 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Europaweit fließen 65 Prozent allen Zements, ein Drittel des Stahls, ein Viertel des Aluminiums und ein Fünftel der Kunststoffe in den Hausbau. Nachhaltig ist das nicht.
Unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten die erste und breitenwirksamste Verbesserungsmaßnahme ist Bestandsoptimierung: Verbesserung der Energieeffizienz der Altbauten, Wohn- und Gewerbeflächen effizienter nutzen, Umbau und Umnutzung statt Abriss und Neubau.
Der trotzdem noch nötige Neubau ist konsequent auf innerörtliches Bauen auszurichten, weg von der grünen Wiese. Denn mit der effizienten Ausnutzung bestehender Infrastrukturen und erschlossener Baugrundstücke lassen sich erhebliche Mengen an Material und Energie einsparen.
Der zweite Hebel ist die Hinwendung zum Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen wie Stroh, Hanf und natürlich Holz. Diese Materialien haben eine gute Ökobilanz und viele bauphysikalische Vorteile. Sie sind in ausreichenden Mengen inländisch verfügbar und haben eine ökologisch wichtige Eigenschaft: Sie binden CO2.
Mit einem kleinen Teil der jährlichen Holzernte in Deutschland ließe sich der gesamte Neubaubedarf realisieren. Die Massivbauindustrie will davon verständlicherweise nichts wissen. Ärgerlich aber ist, dass die derzeit gängigen Bauweisen die Bauvorschriften prägen. Nachhaltige Bauweisen, selbst altbewährte, sind benachteiligt.
Lebenszyklus von Gebäuden muss differenzierter beurteilt werden
Ein kaum beachtetes Hindernis versteckt sich in der Lebenszyklusanalyse von Gebäuden. Dabei werden die Stoff- und Energieflüsse von der Rohstoffgewinnung über die Bau- und Nutzungsphase bis hin zu Abbruch und Entsorgung bilanziert. Auf die Ergebnisse stützen sich staatliche Förderprogramme und Vergaberichtlinien sowie die Nachhaltigkeitsratings für Immobilien.
Ulrich Kriese ist Sprecher für Bau- und Siedlungspolitik des Naturschutzbunds (Nabu) und Mitbegründer der Reforminitiative „Grundsteuer: Zeitgemäß!“. Dieser Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.
Foto: HandelsblattFür Konsumgüter, für die dieser Ansatz entwickelt wurde, ergibt er Sinn, weil er die oft erheblichen Umweltwirkungen eines Produkts vor und nach der meist relativ kurzen Nutzungsphase mit in den Blick rückt. Im Fall des Bauens mit Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen führt diese Logik jedoch zu einem falschen Ergebnis: Gemäß der Annahme, dass das Material am Ende verbrannt wird oder verrottet, wird das im Holz eingelagerte Kohlendioxid wieder freigesetzt.
Was die Ökobilanz betrifft, ergibt das ein Nullsummenspiel, ergo keine Rechtfertigung dafür, diese Art des Bauens bei der Fördermittelvergabe, bei öffentlichen Aufträgen oder bei privaten Investitionen zu bevorzugen. Nicht berücksichtigt wird dabei aber die sehr lange Zeitspanne, in der das CO2 im Bauwerk gebunden bleibt.
Ein heute errichtetes Gebäude wird vermutlich hundert und mehr Jahre überdauern – man denke an bis heute intakte, jahrhundertealte Fachwerkhäuser aus Holz, Stroh und Lehm. Eine Möglichkeit, schnell in großem Maßstab für hundert Jahre CO2 zu binden, ist ökologisch sehr wertvoll.
Auch dürfte es zunehmend Standard werden, Holzbalken, Bretter und Dielen von vornherein so zu verbauen, dass sie später problemlos ausgebaut und wiederverwendet werden können.
Die Treibhausgasfreisetzung dürfte also in der Mehrzahl der Fälle in eine weit entfernte Zukunft rücken. Deutschland möchte aber bereits bis 2045 – also noch innerhalb eines einzigen Gebäudesanierungszyklus – klimaneutral werden. Bauen mit Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen könnte dabei eine maßgebliche Rolle spielen, wenn sein Beitrag zum Klimaschutz regulatorisch gewürdigt würde.