Gastkommentar – Homo oeconomicus: Ostdeutsche sind keine Manager zweiter Klasse – Unternehmen müssen Zeichen setzen
In der Gigafactory in Grünheide laufen jetzt täglich Tesla-Modelle vom Band.
Foto: dpaVor Kurzem fand der Ostdeutsche Wirtschaftsgipfel in Bad Saarow statt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sagte bei seiner Rede, die Unternehmen in den östlichen Bundesländern hätten einen „wahnsinnigen Aufholprozess“ hingelegt. Auch die Ansiedlungen großer Unternehmen wie Tesla oder Intel zeigen, dass es in Ostdeutschland vorangeht.
Was auf die Produktivität in den neuen Bundesländern zutreffen mag, zeigt sich nicht bei der Besetzung der Führungsspitzen in diesen Unternehmen. Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig und des Mitteldeutschen Rundfunks zeigt: Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung werden immer noch 80 Prozent der Unternehmen in Ostdeutschland von Westdeutschen geführt – in den vergangenen Jahren sogar wieder mit steigender Tendenz. Ein Nachrücken ostdeutscher Führungskräfte auf die Positionen der westdeutschen Chefs, die nach der Wende viele Unternehmen übernommen hatten, hat nicht stattgefunden.
Auch für die gesamtdeutsche Wirtschaft zeigt die Studie eine extreme Schieflage: Unter allen 247 Vorstandsmitgliedern von Dax-Unternehmen finden sich aktuell nur zwei Ostdeutsche. Die mangelnde Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen ist ein strukturelles Problem. Es löst sich offensichtlich nicht über den Faktor Zeit.
Ein Grund für die Schieflage liegt in den Auswahlprozessen. Viele der großen ostdeutschen Unternehmen sind Töchter nicht ostdeutscher Konzerne. Die Nachwuchs- und Führungskräfte werden aus den Netzwerken der Konzernstruktur nach Ostdeutschland entsandt. Die neuen „West-Chefs“ bringen dann vielleicht auch noch ihre eigenen Leute mit.
Aus dem regional verankerten Talentpool ostdeutscher Führungskräfte wird kaum geschöpft. Die Gefahr dabei: Ostdeutsche erleben in ihrer Berufsbiografie, dass es bei der Besetzung von Spitzenpositionen eher um Seilschaften und Netzwerke geht als um Kompetenz und Ehrgeiz.
Unternehmen in Ostdeutschland können Zeichen setzen
Sie können sich noch so sehr abstrampeln, aber nach ganz oben schaffen sie es nicht. Diese Besetzungsentscheidungen gehen mit hohen gesellschaftlichen Kosten einher, weil die mangelnde Repräsentation Ostdeutscher in Spitzenpositionen das Prinzip der Gleichheit in einer Demokratie untergräbt.
Philine Erfurt Sandhu ist Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.
Foto: PressefotoBei der Auswahl von Spitzenführungskräften müssen wir weg von den engen Suchradien und den immer gleichen Auswahlmustern. Ostdeutsche mit ihrer Transformationserfahrung bringen Kompetenzen mit, die gerade jetzt in einer Zeit von ständigen Krisen gefragt sind. Zudem werden Unternehmen durch die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven krisenfester und resilienter.
Mit den neuen Werken von Tesla in Brandenburg und Intel in Magdeburg, aber auch mit Porsche in Leipzig könnte ein wichtiges Signal bei der Besetzung der Führungsspitzen gesetzt werden: Regional verankerte Führungskräfte aus Ostdeutschland sind keine Manager zweiter Klasse.